Viel Freiheit – und viel harte Arbeit

Ann-Kathrin Wolff aus Korbach hat in der Landwirtschaft ihren Traumjob gefunden

Gruppenbild mit Milchkuh: „Pandora“ hält (von links) Marion, Bruno und Ann-Kathrin Wolff beim
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Gruppenbild mit Milchkuh: „Pandora“ hält (von links) Marion, Bruno und Ann-Kathrin Wolff beim Fototermin auf ihrem Aussiedlerhof vor den Toren Korbachs auf Trab.

„Pandora“ heißt die mächtige Milchkuh mit einem Stockmaß von gut und gerne 1,70 Meter, wie Bruno Wolff schätzt. Der Name verbreitet seit Jahrhunderten Angst und Schrecken: Nach der griechischen Mythologie kamen durch ihre Unachtsamkeit alle Plagen der Menschheit in die Welt. Ganz so schlimm ist die Kuh „Pandora“ nicht, dennoch ist ihr Name an diesem Tag Programm.

Korbach - Vermutlich irritieren die fremden Besucher das Riesentier, es schnauft wild und ist kaum zu halten. Bruno Wolff und seine Tochter Ann-Kathrin müssen viel Mühe aufbringen, um sie nach dem Fototermin wieder in den Stall zu bekommen.

Der Umgang mit Milchkühen ist tägliches Brot für die 31-jährige Ann-Kathrin. Sie wächst mit Eltern und zwei Schwestern auf einem Aussiedlerhof in Korbach auf. Genießt die Freiheit in der Natur und das Herumtoben mit den Kindern umliegender Betriebe. Sie übernimmt aber auch schon früh Verantwortung, etwa bei der Aufzucht der Kälber. Die Pokale auf dem Wohnzimmerschrank erinnern an diese Zeit.

Die Schule kommt dabei oft etwas kurz. Ann-Kathrin möchte aber nicht mit Nachhilfe bis ins Abitur gequält werden wie eine gute Freundin – Freizeit und Hobbys blieben auf der Strecke. Deshalb wechselt sie nach der achten Klasse von der Alten Landesschule zur Mittelpunktschule Adorf. Anschließend besucht sie die Fachoberschule Paderborn und beginnt das Studium der Agrarwirtschaft in Soest – sie hat in der Landwirtschaft ihren Traumjob gefunden. Inzwischen arbeitet sie halbtags für eine Firma in Alsfeld: Beim Hessischen Verband für Leistungs- und Qualitätsprüfung in der Tierzucht (HVL), kontrolliert sie frische Milch zum Beispiel auf Eiweiß- und Fettgehalt und untersucht, ob die Euter der Tiere frei von Entzündungen sind.

Wir sitzen bei Kaffee und Kuchen im gemütlichen Wohnzimmer. Inzwischen haben sich Mutter Marion und Vater Bruno dazu gesellt. Die enge Beziehung der Eltern zur Tochter ist spürbar. „Es war nicht immer leicht, das Mädchen laufen zu lassen“, sagt der Vater. „Aber es war das Beste für das Kind“. Und für den Hof. Das zeigte sich, als der Landwirt nach einem Arbeitsunfall lange ausfiel. Ann-Kathrin unterbrach für eineinhalb Jahre ihr Studium. Sie setzte sich ganz selbstverständlich auf die schwere Zugmaschine, bearbeitete Acker- und Grünland, kümmerte sich um Kühe und Kälber. Kurz: Die junge Frau übernahm den Hof mit ihrer Mutter.

Auch Kühe mögen etwas Luxus

Auch Milchkühe haben gern ein bisschen Luxus. Fußboden-Heizung zum Beispiel. Die 70 Tiere der Familie Wolff in Korbach genießen jetzt im Winter die Wärme in den Liegeboxen. Ein Roboter versorgt die Rinder rund um die Uhr. Die Milchkühe haben es gut: Sie können sich innerhalb des Stalls frei bewegen. Sie stehen beisammen, gehen zum Fressen und Trinken und suchen dann wieder die Ruhe in einer Liegebox. Ein spezielles Lichtprogramm mit Halogenlampen sorgt auch bei trübem Wetter für einen hellen Stall. Zwei gigantische Rundbürsten sind den Tieren auf Wunsch stets zu Diensten. Die benutzen die Geräte – Stichwort Körperpflege – nach eigenem Gutdünken. Auf Wunsch der Kuh schrubbt die Bürste ihren Rücken.

Prunkstück des Wolffschen Hofes bei Korbach ist der Melkroboter. Dort können sich die Tiere frei von menschlicher Unterstützung melken lassen: Rund um die Uhr, 24 Stunden lang. Das klingt für den landwirtschaftlichen Laien ein wenig surreal. Aber der Roboter „weiß“ tatsächlich jederzeit, mit welchem Tier er es gerade zu tun hat. Die Kuh trägt eine Chipkarte am Hals, Transponder genannt. Die relevanten Daten aller Tiere wurden vorher vom Bauern eingegeben. Ist die Kuh, die gerade in die Box des Melkroboters getreten ist, überhaupt an der Reihe, gemolken zu werden? Wenn ja, öffnet die Maschine das Tor und lässt das Tier eintreten. Ansonsten wird sie durch Öffnen des vorderen Tores wieder herausgelassen. Sie darf zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen. Der Rechner untersucht, ob die Euter gesund sind. Findet die Zitzen für die Saugnäpfe. Schon kann es losgehen. Während des Melkens gibt es etwas Kraftfutter zur Belohnung.

Je nach Milchmenge besuchen manche Kühe mehrfach am Tag die Maschine. Die Milch wird bei dieser Gelegenheit sofort auf ihre Inhaltsstoffe überprüft. Musik lassen die Wolffs nicht ständig im Kuhstall laufen. Es soll Landwirte geben, die mit Beschallung experimentieren. Erhöhen Pop- oder klassische Musik die Milchmengen? Das ist Bruno Wolff dann doch zu viel Hokuspokus. „Musik im Hintergrund interessiert die Kühe nicht“, vermutet Wolff. Er bringe zwar gelegentlich Vertontes mit in den Stall. Aber nur, um sich die eigene Arbeit zu erleichtern. (gge)

Bei aller Freiheit können die Tage in dem Beruf als Landwirtin und Landwirt lang und hart sein. Sonntags etwa, wenn andere ins Schwimmbad gehen. Dann müssen die Wolffs aufs Feld. Oder es gibt Alarm im Stall wie in der vergangenen Nacht: Ein Kalb musste per Kaiserschnitt geholt werden.

Keine Angst vor großen Treckern: Ann-Kathrin Wolff fährt selbstverständlich auch mit der großen Zugmaschine aufs Feld.

Vielleicht war Kuh „Pandora“ deshalb so aufgeregt. Jetzt steht sie zwischen den anderen Rindern auf einer der Liegebuchten. Kauend, hat die Backen voll. Guckt ein wenig vorwurfsvoll. Aber keine Spur von Wiedergeburt aller Plagen.

Wie auch. Die Namen der Tiere sind ohnehin nicht immer ernst gemeint. Ironie und Galgenhumor spielen eine Rolle. Bestes Beispiel: Viele Kühe werden laut Ann-Kathrin Wolff derzeit „Corona“ genannt. (Von Günter Göge)

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