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Publizistin Bettina Röhl äußert kritische Haltung zur 68er-Bewegung

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Von: Stefanie Rösner

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Bettina Röhl sprach vor und mit den Schülern der 13. Jahrgangsstufe über ihre Sicht auf die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in den 1960er-Jahren. Ihrer Ansicht nach ist deren Image zu positiv.
Bettina Röhl sprach vor und mit den Schülern der 13. Jahrgangsstufe über ihre Sicht auf die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in den 1960er-Jahren. Ihrer Ansicht nach ist deren Image zu positiv. © Stefanie Rösner

Bettina Röhl hat eine klare Haltung zur 68er-Bewegung. Ihre ablehnende Sichtweise machte sie am Mittwoch vor den Abiturienten der Alten Landesschule in Korbach deutlich.

Korbach - Die Schüler fragten gleich zu Beginn kritisch, ob ihre Darstellung nicht etwas einseitig sei. Dies wies sie zurück.

Röhl las aus ihrem Buch „Die RAF hat euch lieb“, das 2018 erschien. Sie schilderte aus ihrer Sicht, was die 68er-Generation bewegt hat und wie es zum Terror kam. Ihre Mutter, die frühere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, war wegen Straftaten gesucht worden (Baader-Befreiung), im Untergrund abgetaucht und starb 1976 im Gefängnis. Aus einem Zitat aus Briefen, die die Töchter aus dem Gefängnis erreichten, entstand der Buchtitel. „Sie hat ihre Kinder für die Revolution geopfert“, sagt Röhl, die eine Zwillingsschwester hat.

Ihr Urteil: Die 68er-Bewegung war ein Irrtum

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe für den Geschichtsunterricht in der Oberstufe waren schon mehrmals Zeitzeugen an das Gymnasium gekommen, um aus verschiedenen Perspektiven zu berichten. Diesmal war es Bettina Röhl, die sich den Fragen der Jugendlichen stellte. Die Journalistin ist geschichtsbegeistert, wie sie sagte, und hat sich während ihrer Recherchen und Interviews mit so genannten 68ern ein eigenes Bild gemacht. Ihr deutliches Urteil: Die 68er-Bewegung war ein Irrtum. „Die meisten jungen Leute wollen die Welt verbessern, aber damals haben sie sich an falschen Idealen und Vorbildern wie Mao Zedong und der Kulturrevolution in China orientiert.“

Bettina Röhl gab einen spannenden Einblick in das Leben in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren mit Wirtschaftsaufschwung, Vollbeschäftigung, Wohlstand, außerdem dem Einfluss von Musik. „Diese Generation hatte die absolute Glückskarte gezogen. Sie hat den Rausch des wirtschaftlichen Booms erlebt.“ Und es werde oft vergessen, „welch enorme Rolle die Explosion der Popkultur gespielt hat“.

„Eine Jugend mit Privilegien und Freiheiten“

Ihrer Ansicht nach hatte die damalige Jugend viele Privilegien und Freiheiten. Daher sei es nicht legitim gewesen, eine Revolution anzuzetteln, denn eine wirkliche Revolution gebe es nicht ohne Blut. Die demokratische Bundesrepublik jener Zeit mit zunehmender „Liberalität und Großzügigkeit“ habe keinen Anlass geboten, der Proteste mit Gewalt gerechtfertigt hätte.

Dennoch entstand nach den Worten von Bettina Röhl in ihrem Wohnzimmer die linksextreme RAF (Rote Armee Fraktion). Ihre Mutter, Ulrike Meinhof – ein eigener Mythos, ein eigenes Politikum – war Gastgeberin bei den abendlichen Treffen von bis zu 25 Revolutionäre, darunter geflohene Heimkinder und „Genossen“ aus der DDR. Wenn Ulrike Meinhof sprach, wurde sie gehört. Bettina Röhl verfolgte als damals Siebenjährige die lauten Diskussionen oft bis spät in die Nacht auf dem Schoß ihrer Mutter.

Mit dem Terrorismus kippte die Stimmung

Die 68er-Bewegung hatte nach Auffassung von Bettina Röhl Sympathisanten bis in die Mitte der Gesellschaft. „Der Kipppunkt kam, als diese Gesellschaft zerstört werden sollte, als der Terrorismus begann.“ Die RAF setzte sich folgendermaßen von anderen terroristischen Zirkeln ab: „Sie hat Terror gemacht mit Bekenntnis und Gesicht.“

Die Referentin gab sich streitbar: Die Ideologie der 68er gebe es bis heute – die Klimaaktivisten etwa hätten ähnliche Methoden. „Protest um jeden Preis kam in Mode und ist bis heute in Mode geblieben.“ Die Einflüsse auf unsere heutige Gesellschaft würden unterschätzt. „Wir laufen oft euphorisch jeder Protestbewegung hinterher“, lautete ihre These.

Positive Veränderungen habe die 68er-Bewegung jedoch nicht bewirkt, weder habe sie sich um eine Aufarbeitung der NS-Zeit bemüht noch mehr Mitbestimmung erreicht.

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