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Das „Frisco“ in Korbach: Walli würde es wieder machen

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Von: Lutz Benseler

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Mittendrin: „Walli“ Dehnert als Ariel-Werbe-Ikone „Clementine“ kostümiert.
Mittendrin: „Walli“ Dehnert als Ariel-Werbe-Ikone „Clementine“ kostümiert. © pr

Das „Frisco“ ohne Walli Dehnert wäre nicht das „Frisco“ gewesen: Gut zehn Jahre lang war sie die Wirtin in Korbachs Kultkneipe. Heute ist sie 92 Jahre alt und sagt: „Wenn ich könnte, würde ich es sofort wieder machen.“

Korbach – Chefin Walli Dehnert sorgte gern für Altbier-Bowle und Schmalzbrote, ihr Sohn Jörg „Zippel“ Dehnert zauberte avantgardistische Rock- und Jazzmusik auf den Plattenteller. Selbst aus 100 bis 200 Kilometern Umkreis lockte diese Mixtur auf Deutschlands womöglich kleinste Tanzfläche. Von 1977 bis 1980 stieß das Ensemble in der Bunsenstraße zwischen Fachwerkbalken, Theke und verschlissenen Sofas auf enorme Resonanz. „Es war so voll, dass man kein Bierglas hochheben konnte“, erinnert sich Walli Dehnert.

Zugleich hielt sich bei der Elterngeneration hartnäckig das Vorurteil einer schummrigen Räuberhöhle. So stahl sich mancher Jugendliche, stolz und nervös zugleich, ganz heimlich ins „Frisco“. Dabei sorgte dort Wirtin Walli resolut für Ordnung. Sich durchzusetzen, das hatte sie in ihrem Leben gelernt: In Schlesien geboren, flüchtete sie nach dem Krieg nach Thüringen. In Bleicherode fand sie Arbeit in einer Krankenhausküche. Mit 19 ging sie alleine über die deutsch-deutsche Grenze und landete schließlich in Bad Wildungen, wo sie in der Küche des Badehotels arbeitete. Bei einem Job in der Bahnhofsgaststätte in Korbach lernte sie später ihren Mann kennen – und zog in die Kreisstadt.

„Ich habe vor nix Angst, obwohl ich so klein bin“, sagt die 92-Jährige und lacht. Von den jungen Leuten wurde sie nicht nur respektiert, sondern auch akzeptiert: „Ich war mittendrin obwohl ich schon fast 50 war.“

Von zehn Uhr morgens, wo es sich schwänzende Schüler bei Kaffee und selbst gebackenen Kuchen für 1,50 Mark gemütlich machten, bis ein Uhr nachts hatte das „Frisco“ geöffnet. Anfangs putzte Walli Dehnert noch bis vier Uhr morgens das Lokal selbst, sechs Stunden später ging es schon wieder los. „Das war eine harte Zeit, aber es war schön“, denkt sie zurück.

Wenn im „Frisco“ Zapfenstreich war, feierten viele Gäste weiter in Adolf Rundes Bahnhof in Lelbach. „Manchmal bin ich mit. Oder es ging nach Kassel zum Frühstücken.“ Walli Dehnert war auch gern selbst Gast in Discotheken bis ins Ruhrgebiet und brachte von dort Ideen mit nach Hause. „Ich habe Southern Comfort in Korbach eingeführt. Das kannte hier kein Mensch“, sagt die ehemalige Wirtin. Selbst ihr Getränkelieferant brauchte mehrere Anläufe, bis er einen Großhändler für den begehrten amerikanischen Whiskeylikör fand. Walli hatte den richtigen Riecher: Der Absatz war enorm.

Mittendrin: Frisco-Wirtin „Walli“ Dehnert als Ariel-Werbe-Ikone „Clementine“ kostümiert
Mittendrin: Frisco-Wirtin „Walli“ Dehnert als Ariel-Werbe-Ikone „Clementine“ kostümiert © pr

1980 war es vorbei mit der Tanzerlaubnis, das „Frisco“ wurde zur Musikkneipe. „Die gleiche Musik, aber leiser“, sagt Walli Dehnert, die bis Ende der 80er Jahre das Lokal weiterführte. Bis heute schreiben ihr ehemalige Gäste Briefe und erinnern sich an die Zeit in der Kultkneipe. Dass es heute keine Disco mehr in Korbach gibt, bedauert sie: „Schade, dass hier nichts mehr ist. Und das sage ich, ich bin 92.“

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