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Der „Schinderhannes“ in Korbach: Dieses gewisse Gefühl von Freiheit

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Von: Lutz Benseler

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Knatternde Motorräder: Die „Ittergang“ gehörte zu den Stammgästen im „Schinderhannes“.
Knatternde Motorräder: Die „Ittergang“ gehörte zu den Stammgästen im „Schinderhannes“. © pr

Berühmt und berüchtigt, das war der „Schinderhannes“ in den 1970er-Jahren. Unterhalb des Tylenturms in Korbach florierte die rustikale Musikkneipe mit kleiner Tanzfläche.

Korbach – „Der Schinderhannes war einfach, eigentlich nur eine Scheune. Im Prinzip konnte man nichts kaputt machen“, erinnert sich Klaus Rüsseler (66). „Ein Ort, an dem man sich zurückziehen konnte und an dem die richtige Musik gespielt wurde“, ergänzt Lothar „Bolle“ Bangert (67). Beide sind ausgewiesene Schinderhannes-Experten und organisierten 2007 erstmals eine Schinderhannes-Revival-Fete auf der Itterburg.

Was die Kneipe ausmachte, war dieses gewisse Gefühl von Freiheit, das es auszuleben galt. An einem Ort, der eben einfach anders war. Und das bot den Jugendlichen der „Schinderhannes“, wo die langhaarigen und aufmüpfigen „Bombenleger“ mit knatternden Mopeds oder röhrenden Motorrädern vorfuhren.

80 bis 100 Gäste, dann war der Laden im Grunde schon überfüllt. Dabei war der „Hannes“ aber doch so populär, dass Gäste bis aus dem Ruhrgebiet nach Korbach kamen. Markenzeichen war Musik, die nicht jeden Tag im Radio lief: Discjockey Dieter „Diller“ Westmeier legte die Rolling Stones, The Who, Led Zeppelin, Eloy, Nektar oder Birth Control auf.

„Schinderhannes“ in den 70er-Jahren: rustikale Musikkneipe mit kleiner Tanzfläche.
„Schinderhannes“ in den 70er-Jahren: rustikale Musikkneipe mit kleiner Tanzfläche. © pr

Die meisten waren keine „68er“ mehr, auch keine Hippies – vor allem aber keine „Schlipsträger“. Da gab es durchaus mal Zoff, wenn ein gescheitelter Krawattentyp im „Schinderhannes“ aufkreuzte. erinnern sich Bangert und Rüsseler, als wäre es gestern gewesen. Den Stadtvätern, noch dazu damals gebeutelt von Besetzungen und Zoff ums Jugendhaus, war das suspekt. Was geschieht da in dieser Haschhöhle? Das fragten sich besorgte Eltern. Die Polizei beobachtete und ermittelte im Umfeld.

Dieter „Diller“ Westmeier war Discjockey im „Schinderhannes“ und legte progressive Platten auf.
Dieter „Diller“ Westmeier war Discjockey im „Schinderhannes“ und legte progressive Platten auf. © pr

Dann kam für den damals 33-jährigen Pächter Rolf Woschke und seine Gäste der Tiefschlag: Nach dem Rauschgifttod eines 20-Jährigen im Oktober 1975 wurde der „Hannes“ im Januar 1976 amtlich geschlossen. In der verruchten Diskothek soll sich der junge Mann den „Stoff“ für die tödliche Injektion besorgt haben. Das Gebäude wurde später abgerissen. Klaus Rüsseler und Lothar Bangert vermuten indes, dass die Stadt damals nur einen Grund gesucht hatte, um den ungeliebten Laden dichtzumachen. Ihre Geschichten vom Schinderhannes klingen jedenfalls ganz anders. Viel Wind um wenig sei damals gemacht worden. „Ich habe meine erste Zigarette im ‚Hannes‘ geraucht, das gebe ich zu“, sagt Rüsseler schmunzelnd. Und schließlich waren die Eltern auch nicht ganz ohne: Wenn’s nach der Sperrstunde zum Absacker weiter in die „Alte Liebe“ ging, sahen die Jugendlichen aus einer dunklen Ecke heraus meist ihre Väter schon in dem Nachtclub sitzen.

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