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Einblicke in die Nachkriegszeit: Briefe von Anna Bier in Korbach wieder aufgetaucht

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Zum heutigen 75. Todestag erinnern sie an Anna Bier, die Frau des Chirurgen Prof. August Bier: (von links) Dr. Birgit Kümmel vom Geschichtsverein, Enkelin Christa Brand-Welteke, Dr. Peter Witzel, Urenkelin Annette Pries und der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Günter Engemann.
Zum heutigen 75. Todestag erinnern sie an Anna Bier, die Frau des Chirurgen Prof. August Bier: (von links) Dr. Birgit Kümmel vom Geschichtsverein, Enkelin Christa Brand-Welteke, Dr. Peter Witzel, Urenkelin Annette Pries und der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Günter Engemann. © Dr. Karl Schilling

75 Jahre lang schlummerten die vielen Briefe, die Anna Bier von 1945 bis 1947 an ihre drei in den Westen geflohenen Kinder geschrieben  in Kartons.  Demnächst bringt der Waldeckische Geschichtsverein sie in Buchform heraus.

Korbach – Anna Bier ist die Ehefrau des Korbacher Ehrenbürgers Prof. Dr. August Bier. Mit ihrem Mann war sie nach Kriegsende mit ihrem ältesten Sohn Heinrich und ihrer Tochter Eva in der sowjetisch besetzten Zone geblieben.

Der weltberühmte Chirurg Prof. Bier hatte unter anderem die Lumbal-Anesthesie oder auch Rückenmarksnarkose entwickelt. Er war auch in Russland ein hochgeachteter Arzt und Wissenschaftler. Zufällig begegnete er 1945 einer sowjetischen Generalärztin, die früher bei ihm studiert hatte. Der verdankte er, dass er mit seiner Familie – nach einer kurzen Flucht – wieder auf sein Waldgut Sauen in Brandenburg zurückkehren konnte.

Briefe der Anna Bier: Rote Armee versorgte Familie mit Essen

Von höchsten sowjetischen Stellen genehmigt, wurde ihm als einzigem Gutsbesitzer in ganz Ostdeutschland sein Gut mit Gebäuden und Stallungen und ein Teil seiner Felder und Wälder als persönlicher Besitz zurück übereignet. Anfangs versorgte ihn sogar die Rote Armee der Sowjets mit Essen aus einer Feldküche und schenkte ihm eine Kuh, damit die Familie auch Milch hatte.

Das alles und viel mehr ist aus den Briefen zu erfahren, die die älteste Bier-Tochter, Margarete Baldamus, gesammelt und aufbewahrt hat. Diese Sammlung ist ein einmaliges Dokument deutscher Nachkriegsgeschichte.

Briefe der Anna Bier: Tochter findet neue Heimat in Lengefeld

Margarete Baldamus war mit ihren drei Kindern und zwei Hausangestellten mit zwei Pferdewagen zunächst nach Schleswig-Holstein geflohen. Als sich die Verhältnisse nach dem Zusammenbruch am 8. Mai 1945 wieder etwas beruhigt hatten und auch ihr Mann Wilhelm Baldamus wieder zur Familie gestoßen war, versuchte sie, eine dauerhafte Bleibe für die Familie zu finden. Das gelang schließlich in Lengefeld.

Dort suchte der Forstmeister Karl Selig gerade einen Pferdehalter zum Holzrücken – er war ein Studienfreund ihres Bruders Heinrich. Wilhelm Baldamus bekam die Stelle und konnte mit seiner Familie aus dem britisch besetzten Schleswig-Holstein in die amerikanische Zone nach Lengefeld übersiedeln. Die Familie wurde in dem Dorf seßhaft, betrieb neben dem Holztransport eine kleine Landwirtschaft, und die Kinder gingen dort zur Schule.

Briefe der Anna Bier: Kontakt zwischen Brandenburg und Waldecker Land

Der Briefkontakt zwischen der Heimat in Brandenburg und dem neuen Wohnort im Waldecker Land war sehr rege. Mutter Anna schrieb drei bis fünf Briefe oder Karten pro Woche und hielt so den Kontakt vor allem auch zu ihren Enkeln. Margarete Baldamus sammelte alle diese Briefe ihrer Mutter und gab sie später an ihre Tochter Christa weiter, als sie in den Hof Brand-Welteke in Strothe einheiratete.

Es war ein Glücksfall, dass die Briefsammlung 2011 bei der Suche nach Dokumenten und Bildern zum 150. Geburtstag von Geheimrat Prof. August Bier auf dem Dachboden in Strothe wieder auftauchte. Für die Gestaltung des Museumsheftes über „August Bier Arzt, Ökologe, Philosoph“ und für einen Vortrag über Biers Lebensstationen konnte Dr. Peter Witzel den Schreiben wichtige Daten und Fakten entnehmen.

Aber erst 2020 reifte der Plan, diese einmalige Familiengeschichte auch anderen Interessenten zugänglich zu machen. Aber da bestand ein großes Hindernis: die sehr ausgeprägte, spitz-zackige Sütterlin-Handschrift der Anna Bier. Nur Christa Brand-Welteke konnte – wenn auch hier und da mit Schwierigkeiten – die Handschrift ihrer Großmutter noch lesen.

Briefe der Anna Bier: Enkelin liest die Texte in Sütterlin- Schrift vor

In vielen Nachmittagsstunden – im Sommer auch im Garten – las Christa Brand-Welteke die zahlreichen Briefe und Karten vor und erzählte aus ihren Erinnerungen. Bei ihrer Flucht war sie 14 Jahre alt. Dr. Witzel durfte die oft persönlichen Nachrichten auf Band aufzeichnen und später zu Papier bringen. Das Vorhaben unterstützte auch der jüngere Bruder von Christa Brand-Welteke, Prof. Dr. Conrad Baldamus, der heute wieder in Sauen lebt. Er steuerte noch zahlreiche Bilder und Fakten bei.

Anna Bier 1945. Sie ist die Frau des Chirurgen Bier.
Anna Bier 1945. Sie ist die Frau des Chirurgen Bier. © Privat

Der Waldeckische Geschichtsverein war gerne bereit, diese Ergänzungen zur Regionalgeschichte und zur Bier-Forschung in Buchform herauszubringen. Es ist derzeit in Druck und soll in diesen Tagen erscheinen.

Am 20. Januar 1947 erlitt Anna Bier einen Gehirnschlag und starb noch am gleichen Tage. Mit Bezug auf dieses Datum wollte der Geschichtsverein genau 75 Jahre später die Briefsammlung im Korbacher Wolfgang-Bonhage-Museum der Öffentlichkeit vorstellen. Nun entscheidet die Pandemiesituation darüber, wann der Vortrag möglich ist.

Dr. Peter Witzel will in einer Bildpräsentation noch einmal die Rahmenhandlung in Erinnerung rufen. Die Urenkelin von Anna und August Bier, Anette Pries aus Lengefeld, will einige ausgewählte Briefpassagen vorlesen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. (red)

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