Programm gibt Einblick in die Geschichte Korbachs während der NS-Zeit

„Gedenkportal Korbach“ neu als App

Neue App „Gedenkportal Korbach“: (von links) Jakob Chrobascinski, ALS-Leiter Christoph Aßmann, Dirk Geisler, Präsident des Lions Clubs Korbach/Bad Arolsen, Dr. Marion Lilienthal, Bürgermeister Klaus Friedrich und Lisanne Schwalenstöcker vor dem Haus, in dem Bernhard Löwenstern lebte, der früh Opfer der Nazis wurde.
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Neue App „Gedenkportal Korbach“: (von links) Jakob Chrobascinski, ALS-Leiter Christoph Aßmann, Dirk Geisler, Präsident des Lions Clubs Korbach/Bad Arolsen, Dr. Marion Lilienthal, Bürgermeister Klaus Friedrich und Lisanne Schwalenstöcker vor dem Haus, in dem Bernhard Löwenstein lebte, der früh Opfer der Nazis wurde.

Eine neue App bietet Einblick in die Geschichte Korbachs während des Nationalsozialismus: „Gedenkportal Korbach“ ist ab sofort freigeschaltet – zunächst für IOS-Geräte.

Korbach - Ab Jahresende soll sie auch für Android-Geräte zur Verfügung stehen. Mit der App „Gedenkportal Korbach“ können Interessierte sich frei per Karte oder über drei verschieden lange Touren auf einen digitalen Rundgang durch die NS-Zeit in Korbach begeben. „An 24 exemplarischen Stationen wird aufgezeigt, welche schwerwiegenden Folgen der Nationalsozialismus für die jüdische Bevölkerung hatte. Es werden Beispiele von Ausgrenzung, Arisierung, Vertreibung, Verfolgung, Vernichtung, (Mit-)Täterschaft, aber auch Opposition beleuchtet“, erklärt Dr. Marion Lilienthal.

Die Historikerin und Oberstudienrätin an der Alten Landesschule (ALS) hatte die Idee für die App und entwickelte sie nach aufwendiger Recherche inhaltlich. Für die Konzeption und technische Umsetzung engagierte sich der ALS-Schüler Jakob Chrobascinski, Lisanne Schwalenstöcker trug die Idee für das Icon (Logo) bei.

„Schon bei der Entwicklung des Online-Gedenkportals haben wir eine Vorreiterrolle gespielt, und auch bei dem Projekt, die Erinnerungskultur nun über eine App auszuweiten, sind wir führend – da ist Korbach innovativ“, sagt Dr. Marion Lilienthal bei der Vorstellung der App als Teil des Gesamtprojekts „Digitales Denkmal“. „Die App verfügt über eine moderne Form der Gedenk-, Erinnerungs- und Informationskultur und bietet zugleich die Grundlage, sich mit der regionalen Geschichte zu beschäftigen – von Zeit und Raum unabhängig, für alle zu jederzeit verfügbar und kostenfrei“, so die Historikerin.

„Wir machen das ehrenamtlich für die Gesellschaft, weil uns das Thema so wichtig ist“, sagt Marion Lilienthal und lobt den Schüler Jakob Chrobascinski, der in rund 250 Stunden die App konzipiert und technisch realisiert hat: „Das ist eine ganz besondere Leistung, da muss man viel können und idealistisch sein“. Ihr Dank gilt auch Lisanne Schwalenstöcker für die Icon-Idee, der Stadt Korbach, die den Server stellt, sowie Dirk Geisler, Präsident des Lions Club Korbach/Bad Arolsen, für eine Spende an die ALS-Geschichtswerkstatt und „dafür, dass er mich angeschoben hat, das Projekt endlich umzusetzen“.

„Großer Dank an Dr. Marion Lilienthal, die mit Kontinuität, Fleiß und Leidenschaft die Geschichte aufarbeitet und uns zugänglich macht“, sagt Bürgermeister Klaus Friedrich: „Antisemitismus ist in dieser Gesellschaft präsenter als je zuvor, das heißt, wir haben nicht viel aus der Geschichte gelernt. Um so wichtiger ist es, mit solchen Möglichkeiten Hass und Gewalt entgegenzutreten.“

Drei unterschiedlich lange Touren

Drei unterschiedlich lange Touren haben die Historikerin Dr. Marion Lilienthal und Jakob Chrobascinski konzipiert. Sie reichen von einer halben Stunde über 90 Minuten bis hin zu zwei Stunden.

Die kurze Führung verdeutlicht an wenigen Stationen, „wie schnell sich eine nationalsozialistische Gleichschaltung in Korbach vollzog, dass antisemitische Tendenzen nicht erst 1933 vorlagen, und wie sich Ausgrenzung und Arisierung vollzogen“, erklärt Marion Lilienthal. Stationen auf einer kurzen Strecke von 300 Metern sind unter anderem das Haus in der Kirchstraße, in dem Bernhard Löwenstern lebte, der zu den ersten Gasmordopfern und Opfern der NS-Euthanasie gehörte. An den Orten, an denen dereinst die jüdische Schule und die Synagoge standen, wird zudem antijüdische Propaganda, das Schul- und Bildungswesen sowie die Pogromnacht thematisiert.

Die 90-minütige, rund anderthalb Kilometer lange Führung geht vor allem auf Schicksale ein. „Man begegnet Einzelschicksalen und erfährt etwas über die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Korbach, ihre schrittweise Ausgrenzung, von Boykottmaßnahmen, Berufsverboten, Beschränkungen, erzwungener Emigration, Ausplünderung, gescheiterten Fluchtversuchen, Deportation und Ermordung in den Vernichtungslagern. Die Stationen verdeutlichen, wie verbrecherisch Nationalsozialisten vorgingen und welche gravierenden Auswirkungen der NS-Herrschafts- und Verfolgungsapparat hatte. Sie verweisen aber auch auf Handlungsoptionen. Denn es gab auch Menschen, die das NS-System unterliefen und Verfolgten beistanden“, erklärt Marion Lilienthal. Mit dem Besuch des jüdischen Friedhofs kann die Führung erweitert werden.

Die zweistündige Führung über 3,6 Kilometer „beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Gebäuden, Orten und Plätzen nationalsozialistischer Machtdemonstration und Ideologisierung“, erläutert die Historikerin. Darunter sind die „Göring-Kampfbahn“, heute Teil der Hauer, sowie die Gebäude Korbacher NS-Organisationen oder dem „Adolf-Hitler-Plat“z, dem heutigen Berndorfer Torplatz.

„Ihre politische Instrumentalisierung soll ins Bewusstsein gerückt werden. Denn historische Stätte und ihre Umbenennung verweisen nicht nur auf neue räumliche Nutzungsformen, sondern geben Aufschluss über veränderte politische Ziele. Nicht nur der Korbacher Adolf-Hitler-Platz, der Schlageterpark, die Horst-Wessel-Feierstätte oder die Göring-Kampfbahn zeugen von Propagandazwecken. Sie zeigen, wie sich Machtübernahme und Gleichschaltung auf den Korbacher Raum auswirkten“, so Lilienthal.          md

„Wir müssen die Geschichte für die Jüngeren zugänglich machen, die in Teilen immer radikaler werden“, erklärt Lions-Präsident Dirk Geisler sein Engagement. „Mir ist wichtig, dass wir uns als Alte Landesschule in die Stadt einbringen. Danke für das Engagement – das Thema ist relevant“, sagt ALS-Direktor Christoph Aßmann.

Genutzt werden kann die App „Gedenkportal Korbach“, für die Marion Lilienthal bereits Dankesnachrichten aus aller Welt erhalten hat, von Menschen ab zehn Jahren. Geplant ist, bis Jahresende auch eine Android-Version und Hörstationen zu konzipieren, um die App barrierefreier zu machen. Nach Möglichkeit soll sie außerdem in verschiedene Sprachen übersetzt werden, etwa Englisch und Niederländisch.

Von Marianne Dämmer

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