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Historiker Vaupel erinnert Korbacher Gymnasiasten an Widerstandskämpfer Egbert Hayessen

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Nach dem Vortrag wurde im Foyer der Alten Landesschule in Korbach die Ausstellung über Egbert Hayessen eröffnet. Links Dr. Dieter Vaupel und die beiden Schüler Silas Hartmann und Joschua Müller, rechts die Geschichtslehrer Doris Pineiro-Sonntag und Johannes Grötecke.
Nach dem Vortrag wurde die Ausstellung über Egbert Hayessen eröffnet. Links Dr. Dieter Vaupel und die beiden Schüler Silas Hartmann und Joschua Müller, rechts die Geschichtslehrer Doris Pineiro-Sonntag und Johannes Grötecke. © Karl Schilling

An den nordhessischen Widerstandskämpfer Major Egbert Hayessen erinnerte der Historiker Dr. Dieter Vaupel bei einem Vortrag vor Gymansiasten der Alten Landesschule in Korbach.

Korbach – Wann hat Egbert Hayessen aus dem nordhessischen Gensungen umgedacht? Weshalb brach er mit der nationalsozialistischen Diktatur? Warum stellte er sich gegen die Mehrzahl seiner Kameraden in der Wehrmacht und beteiligte sich am 20. Juli 1944 am Umsturzversuch einiger deutscher Offiziere? Der Historiker Dr. Dieter Vaupel kann nur Vermutungen anstellen, denn persönliche Aufzeichnungen des Widerstandskämpfers gegen das Regime des Diktators Adolf Hitler sind nicht überliefert.

Jahrgangsstufe 12 in der Aula

Dennoch gelang es Vaupel am Dienstag, Gymnasiasten der Alten Landesschule das Leben und die Taten des Offiziers nahe zu bringen. Die Geschichtslehrer Doris Pineiro-Sonntag und Johannes Grötecke hatten ihre Kurse der Jahrgangsstufe 12 zum Vortrag in der Aula versammelt. Zunächst interviewten die Schüler Silas Hartmann und Joschua Müller den Referenten, der nach seiner Pensionierung intensiv über Hayessen geforscht und ein Buch über ihn geschrieben hat.

Wann ist Widerstand geboten?

Grötecke formulierte gleich zu Beginn die Kernfrage: Dürfen Staatsbürger Widerstand leisten gegen einen Diktator, der einen Angriffskrieg führt und Menschenrechte verletzt? Das sei eine wichtige Frage für das Selbstverständnis eines Staates.

Aktuell denken viele bei dieser Frage an den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen das ukrainische Volk. Hayessen haderte offenbar mit dem Angriffs- und Vernichtungskrieg und der Diktatur Hitlers.

Schon in der Antike stritten Griechen und Römer, ob der Tyrannenmord zulässig sei. Das Grundgesetz der Bundesrepublik schreibt in Artikel 20 fest, alle hätten ein Recht auf Widerstand, wenn jemand die verfassungsrechtliche Ordnung beseitigen wolle – eine Lehre aus dem Untergang der Weimarer Demokratie 1933.

Zunächst kein mutiger Vorkämpfer für die Demokratie

Als mutiger Vorkämpfer für die Demokratie ist Egbert Hayessen damals nicht aufgefallen. Er schlug 1933 nach dem Abitur an der Klosterschule Roßleben wie sein Vater die Offizierslaufbahn ein. Er besuchte die Kriegsschule in Dresden, er nahm am Krieg teil und war im deutschen Afrika-Korps eingesetzt, wo er möglicherweise Claus Schenk Graf von Stauffenberg kennenlernte – der wohl bekannteste Kopf der Widerstandskämpfer des 20. Juli.

Umsturzversuch am 20. Juli 1944

Während Stauffenberg an jenem 20. Juli sein Attentat auf Hitler verübte, spielte Hayessen in Berlin eine wichtige Rolle beim versuchten Staatsstreich: Er hielt die Verbindungen zwischen dem Stadtkommandanten General Paul von Hase und dem Polizeipräsidenten Wolf-Heinrich Graf von Helldorff.

Doch die „Operation Walküre“ scheiterte schon nach wenigen Stunden. Auch Hayessen wurde verhaftet, aus der Wehrmacht ausgeschlossen und vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt. Er wurde in Plötzensee erhängt.

„Sippenhaft“ für die Familie

musste auch die Familie von Egbert Hayessen für dessen Widerstand büßen: Sie geriet 1944 in „Sippenhaft“. Sein Vater Ernst kam ins Konzentrationslager Buchenwald, sein Bruder Hayo in ein Berliner Gefängnis. Seine Mutter Gertrud und seine Frau Margarete wurden ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gesteckt – noch Jahre später litt Margarete als Folge unter Depressionen.

Der Widerstandskämpfer Major Egbert Hayessen mit seiner Frau Margarete. Aus dem Buch von Dr. Dieter Vaupel über Hayessen.
Der Widerstandskämpfer Major Egbert Hayessen mit seiner Frau Margarete. Aus dem Buch von Dr. Dieter Vaupel. © Schaake, Manfred

Schwer traumatisierend wurde es für Egbert Hayessens erst zwei Jahre und acht Monate alten Söhne: Sie kamen in ein Kinderheim in Bad Sachsa und sahen ihre Mutter über Monate nicht. Lange brauchten sie, um sich ihrem Vater anzunähern.

Ein „Mitläufer“ denkt um

Hayessen sei ein „Widerstandskämpfer der späten Stunde“, urteilte Dr. Vaupel. Er sei keine Lichtgestalt wie Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg gewesen. Aber auch er habe „etwas besonderes geleistet“.

Jahrelang habe Hayessen als „Mitläufer“ Karriere im System gemacht. Doch dann sei er aus seiner „Komfortzone“ herausgetreten – als einer von vielen, die Widerstand geleistet hätten.

Ihr Anliegen sei gewesen, das Morden zu beenden und Deutschland wieder zu einer Demokratie zu machen. „Keiner ist ein Supermann“, betonte Dr. Vaupel. Hayessen habe sich „moralisch entrüstet“. Er habe mutig die Seiten gewechselt und sich für einen – aus heutiger Sicht – „besseren Weg“ entschieden. Er habe gehandelt – und für seine Überzeugungen sein Leben eingesetzt.

„Das macht ihn auch heute zu einem Vorbild, vielleicht auch zu einem Helden.“ Und solche Leute „brauchen wir auch heute“

Ausstellung in der Schule

Im Foyer der Alten Landesschule ist in den nächsten zwei bis drei Wochen eine von Dr. Dieter Vaupel zusammengestellte Ausstellung über Egbert Hayessen mit zwölf Tafeln zu sehen. Sie steht allen Interessen offen.

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