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Seltene Haselmaus-Populationen werden bei Rhena und Flechtdorf untersucht

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Von: Marianne Dämmer

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 Haselmaus
Sie sind die Kleinsten unter den Schlafmäusen und vom Aussterben bedroht: Haselmäuse.  © Thorsten Kleine/pr

Sie sind die Kleinsten unter den Schlafmäusen und vom Aussterben bedroht: Haselmäuse. Der Naturschutzbund Korbach unterstützt ein Monitoring des Landesamtes für Naturschutz untersucht regelmäßig zwei Gebiete, in denen noch Haselmäuse leben: In Wäldern bei Rhena und Flechtdorf.

Nach Verlusten im Winter 2021 haben die Naturschützer diesen Herbst wieder mehr Haselmäuse gezählt – die Tiere hatten durch den milden Herbst und genügend Nahrung Gelegenheit, sich die nötigen Fettreserven für die kalte Jahreszeit anzufressen. Das erhöht die Chance, dass sie gut durch den langen Winterschlaf kommen.

Die Haselmaus, die kleinste Bilchmausart in heimischen Breiten, ist vielerorts gefährdet oder vom Aussterben bedroht – wie alle Schlafmäuse ist sie daher in Hessen durch das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Die gute Nachricht in diesem Jahr: Der milde, fast sommerliche Herbst mit einem großen Angebot an Nahrung hat „die Chance erhöht, dass sie bei uns gut durch den Winter kommen, denn sie konnten sich reichlich Fettreserven anfressen“, sagt Thorsten Kleine, Vize-Vorsitzender des Naturschutzbundes (NABU) Korbach. Er betreut zwei Monitoringgebiete im Waldecker Land, in denen die niedliche Mausart systematisch untersucht werden: Im zehn Hektar großen NABU-Wäldchen „Der Goddelsberg“ bei Rhena und im Gebiet „Hohen Rade“ nahe Flechtdorf.

Mit seinen Beobachtungen unterstützt Thorsten Kleine vom NABU Korbach die wissenschaftliche Arbeit des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG). Das hat mithilfe örtlicher Naturschutzverbände insgesamt 27 Haselmaus-Untersuchungsgebiete in ganz Hessen eingerichtet, um die verbliebenen Bestände zu schützen und mehr über Lebensweise und Verbreitung der Art zu erfahren.

„Geringe Populationsdichte und geringes Reproduktionspotenzial“

„Die Haselmaus unterscheidet sich deutlich von anderen Kleinsäugern durch eine geringe Populationsdichte und ein geringes Reproduktionspotenzial“, sagt Kleine. Die Anzahl der Nester, der erwachsenen Haselmäuse und der Jungtiere werde seit 2008 mehrmals im Jahr erfasst und dokumentiert. Geprüft werde zudem, ob nur eine Wurfperiode oder zwei nachweisbar seien und ob es Gebiete gebe, die über Jahre mehr Jungtiere haben als andere.

Haselmäuse sind nur so groß wie ein Daumen.
Haselmäuse sind nur so groß wie ein Daumen. © Thorsten Kleine/pr

„Meine beiden Monitorringgebiete waren dieses Jahr recht gut besetzt“, freut sich der Naturschützer. „Insgesamt habe ich im Herbst zwölf Haselmäuse und vier neue Haselmausnester gefunden, die im Sommer noch nicht angelegt waren. Teilweise waren im Herbst noch recht kleine Jungtiere in den Kästen. Drei Würfe im Jahr sind möglich, aber sehr selten. Dazu muss im Herbst das Wetter passen – dieses Jahr war es optimal. Reichlich Bucheckern, Eicheln und massig Wildobst, wenn auch leider kaum Haselnüsse, dazu mildes, fast sommerliches Wetter: Das gefällt den Haselmäusen“, sagt der Experte, der sogar noch Ende November ein gut genährtes Tier in einem Nistkasten im Goddelsberg sichtete: „Dieses Jahr ist ein Phänomen.“

Winterschlaf im Boden

Die etwa daumengroßen Haselmäuse wiegen im Frühjahr nach dem Winterschlaf, der von Oktober, November bis März, April geht – lediglich 20 Gramm. Bis zum nächsten Winterschlaf müssen sie das Gewicht verdoppelt haben. „Im Sommer gehören Brombeeren, Himbeeren oder Heckenkirschen neben Blattläusen und Raupen zur Lieblingsnahrung. Mit energiereichen Haselnüssen, Hainbuchennüsschen, Bucheckern und Eicheln fressen sich Haselmäuse ab September die dann nötigen Fettreserven für die kalte Jahreszeit an“, weiß der Experte: „Für den Winterschlaf bauen sie ein Nest in der Laubstreu am Boden und rollen sich darin zusammen. Ihr Herz schlägt dann nur noch einmal pro Minute und die Körpertemperatur wird auf vier Grad Celsius abgesenkt.“

Naturnahe Wälder überlebenswichtig

Haselmäuse (Muscadinus avellanarius) sind dämmerungs- und nachtaktiv, „sie halten sich überwiegend im Gebüsch und Kronenbereich auf und meiden Bodenkontakt, der viele Gefahren für sie bringt“, erklärt Naturschützer Thorsten Kleine: „Ihr buschiger Schwanz dient zur Steuerung bei Sprüngen im Geäst, zudem besitzt er eine „Sollbruchstelle“, wo sich die Haut löst, wenn die Haselmaus von einem Fressfeind festgehalten wird.“

Die Haselmaus sei eine Charakterart artenreicher Wälder und werde im Gegensatz zum Siebenschläfer fast nie in menschlichen Siedlungen angetroffen. „Ihr Lebensraum sind Laubmischwälder mit ausreichend Krautschicht, stufige Waldränder und buschreiche Landschaften mit vielen Beerensträuchern“, beschreibt Kleine. Aufgrund der Untersuchungen der vergangenen zwei Jahrzehnte sei von einem Rückgang der Haselmaus auszugehen. Da aber nur wenige Langzeitstudien über diese Art vorliegen, sei der Prozess statistisch nicht eindeutig belegbar.

Ein durch Forstwirtschaft entstandener Mangel an natürlichen Baumhöhlen sei einer der Gründe. Zum Schutz der Haselmaus komme es darauf an, naturnahe Wälder mit Baumhöhlen und stufigen Waldrändern und Heckenstreifen zu erhalten und zu fördern, sagt Thorsten Kleine. Erfolgversprechend sei ein regelmäßiges Verjüngen von Gehölzen an Waldrändern, da zum Beispiel überalterte Hasel nicht mehr fruchten und somit keine Nahrung mehr bieten.

In vielen Bereichen könnte ein Rückgang auch mit den gängigen Durchforstungspraktiken und dem Einsatz von Harvester- und schweren Maschineneinsätzen zusammenhängen. „Die immobilen Tiere werden bei der Zerstörung des Winterschlafnestes getötet oder verlieren durch das Aufwachen und einen gegebenenfalls notwendigen Ortswechsel zu viel Energiereserven.“ Außerdem könnten Wildschweine im Winter die Bodennester der Mäuse zum Teil aufstöbern und die schlafenden Tiere verspeisen. „Hohe Schwarzwildbestände wirken sich somit äußerst negativ auf Haselmauspopulationen aus“. (md)

Für die Aufzucht ihrer Jungen bauen Haselmäuse „feste, feine, kunstvoll gewebte kugelförmige Nester aus Laub, Moos und Halmen. Sie bauen meist mehrere Nester, die sie als Ausweichquartiere nutzen können“, sagt Kleine. Während der Sommermonate würden Freinester gerne in der Krautschicht in Sträuchern, Gebüschgruppen oder auch in Verbiss-Schutzmanschetten junger Bäume angelegt – gut geschützt vor Feinden und Windböen. Daneben würden natürliche Baumhöhlen und Nistkästen angenommen. Bei schlechter Witterung würden sich Nistkästen positiv auf die Überlebensrate von jungen Haselmäusen auswirken.

Spezielle Nistkästen werden für die Aufzucht von Jungen angenommen

Auf Nistkästen setzen die Naturschützer auch bei der Langzeituntersuchung des HLNUG: „Um das Monitoring der Haselmaus überhaupt zu ermöglichen, wurden spezielle Nistkästen als Ausgleich für fehlende Baumhöhlen oder zusätzliches Angebot angebracht, die gern als Tagesquartiere und zur Jungenaufzucht von der Haselmaus genutzt werden“, erklärt Thorsten Kleine: „Im Goddelsberg wurden 50 Spezialnistkästen und am Hohen Rade rund 25 im Abstand von jeweils 50 Metern entlang der Waldrandlinie mit guter Verbindung zur Strauchschicht und im Innenbereich mit guten Sukzessionsstadien angebracht“, so Kleine.

Die Spezialkästen sehen aus wie normale Vogelnistkästen aus Holz, die Öffnung befindet sich jedoch auf der Rückseite. Als Abstandhalter zum Baum dienen zwei aufrechte Holzleisten. „Somit können die Bilche den Baumstamm hinaufklettern und die Öffnung problemlos erreichen“, erklärt Kleine. So solle verhindert werden, dass Vögel die Kästen besetzen. Die Einschlupfgröße liege bei 21 bis 23 Millimeter, erklärt der Naturschützer. Da Siebenschläfer und Meisen eine größere Öffnung benötigen, seien sie vorerst keine Konkurrenten bei der Nistplatzwahl. „Ab November werden die Nester in den Nistkästen regelmäßig entfernt, damit im nächsten Jahr klar ist, welche Nester neu errichtet worden sind“, erklärt Kleine. (md)

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