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Gedenkstele erinnert an ermordete Juden aus Korbach

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Von: Philipp Daum

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Die Stele mit den Namen von 16 Jüdinnen und Juden, die in Korbach geboren und von den Nazis ermordet wurden, ist gestern am 9. November eingeweiht worden. Am Tag des Gedenkens an die Opfer der Novemberpogrome erinnerten auch Schülerinnen und Schüler der Alten Landesschule an das Leben der 16 ermordeten Juden aus Korbach.
Die Stele mit den Namen von 16 Jüdinnen und Juden, die in Korbach geboren und von den Nazis ermordet wurden, ist am 9. November eingeweiht worden. Am Tag des Gedenkens an die Opfer der Novemberpogrome erinnerten auch Schülerinnen und Schüler der Alten Landesschule an das Leben der 16 ermordeten Juden aus Korbach. © Philipp Daum

Sie haben den in Korbach geborenen und von den Nazis getöteten Juden ein Gesicht gegeben: Die Schülerinnen und Schüler des GK Geschichte an der Alten Landesschule blickten bei der Gedenkveranstaltung am Mittwoch, 9. November, auf 16 Schicksale, indem sie einerseits gemeinsam mit mehreren Teilnehmern die Gedenkstele auf dem jüdischen Friedhof einweihten.

Zugleich erinnerten sie mit kurzen Vorträgen zur Biografie der Jüdinnen und Juden an deren Leben, das die Nationalsozialisten während ihrer Terror-Herrschaft gewaltsam beendet haben.

Die Rede war zum Beispiel von Ida Kaiser (geb. Löwenstern), die 1869 in Korbach geboren wurde. Sie wuchs gegenüber des Rathauses auf. Der Vater betrieb in der Stechbahn ein Kurzwarengeschäft. 1903 heiratete sie den Gutsbesitzer und Kaufmann Ferdinand Kaiser, mit dem sie zunächst nach Vöhl, später nach Frankfurt zog – vielleicht in der Hoffnung, in der Großstadt vor Übergriffen und Misshandlungen verschont zu bleiben. Im August 1942 wurde das Ehepaar nach Theresienstadt deportiert. Die Lebensbedingungen waren unmenschlich – Ida und Ferdinand Kaiser hatten nur noch wenige Monate zu leben.

Die Gedenkstele befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Korbach direkt neben der großen, steinernen Gedenktafel, auf der auch an Korbacher Jüdinnen und Juden erinnert wird, die während der Gewaltherrschaft der Nazis in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet wurden. Historikerin Dr. Marion Lilienthal hat in den vergangenen Jahren noch weitere Namen erforscht von Menschen jüdischen Glaubens, die in Korbach geboren und von den Nationalsozialisten ebenfalls getötet wurden. Ihnen wurde nun die Stele gewidmet.

Auf ihr findet sich unter anderem auch der Name Theodor Delwin Katz, der 1887 in Korbach geboren wurde. Er besuchte die Alte Landesschule, studierte Medizin, machte seinen Doktor und wurde als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Als Linksintellektueller und Jude gehörte er zu den ersten Verfolgten der NS-Zeit. Bereits wenige Wochen nach der Machtübernahme wurde er mit vielen Andersdenkenden verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau überführt. Nachdem er im Sommer 1933 versuchte, heimlich Aufzeichnungen über Misshandlungen und Gräueltaten aus dem Lager zu schmuggeln, wurde er von Angehörigen der SS-Wachmannschaft erdrosselt.

„Viele Opfer wären heute vergessen, wenn wir nicht an ihre Schicksale erinnern würden. 1947 wurde den ermordeten Korbacher Jüdinnen und Juden dieser Gedenkstein hier errichtet. Auf ihm sind 42 Namen verzeichnet. Heute weiß man, dass die Zahl viel höher ist“, sagte Dr. Marion Lilienthal vom Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Ihr namentliches Fehlen habe sie immer als schmerzhaft und bedrückend empfunden – insbesondere, wenn sie Angehörige jüdischer Familien, die in Auschwitz oder anderswo ermordet wurden, über den jüdischen Friedhof geführt habe. „Dies sollte mit der Errichtung der Stele und der namentlichen Würdigung der hinzugefügten Opfer geändert werden“, betonte die Historikerin, die als Geschichtslehrerin an der Alten Landesschule tätig ist. Aus Israel, den USA und den Niederlanden hätten sich bereits Angehörige der Opfer bei ihr gemeldet und sich für diese Würdigung bedankt.

Gedenken an ermordete Korbacher Juden

16 Namen sind auf der Stele verewigt. Folgende in Korbach geborene Juden wurden – wie die weitere Geschichtsforschung nun ergab – Opfer des Nationalsozialismus: Ida Kaiser (geb. Löwenstern), Theodor Delwin Katz, Rosalie Katzenstein (geb. Weitzenkorn), Fanny Kohlhagen, Friederike Köln (geb. Katz), Helene Mildenberg (geb. Kugelmann), Paula Levy (geb. Mosheim), Julius Löwenstern, Max Löwenstern, Willy Löwenstern, Alma Löwy (geb. Lebach), Frieda Meyer (geb Schönthal), Johanna Nussbaum (geb. Löwenstern), Anna Rothschild (geb. Lebach), Hermine Rothschild (geb. Katz) und Johanna Wertheim (geb. Kohlhagen).

„Es gibt kein Ende für diese Verantwortung“

„Der 9. November ist ein Tag, an dem wir uns erinnern sollen, was Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun“, sagte Korbachs Bürgermeister Klaus Friedrich bei der offiziellen Einweihung der Gedenkstele auf dem jüdischen Friedhof.

In seiner Rede blickte der Verwaltungschef nicht nur auf die Vergangenheit, sondern sprach auch von einer „Realität mit 1850 Straftaten mit antisemitischem Bezug, die im vergangenen Jahr in Deutschland begangen wurden“. Immer wieder gebe es zudem Übergriffe auf Juden mit Kippa, israelische Fahnen würden verbrannt. Auf Demos würden antisemitische Ressentiments laut – oft genug, ohne dass jemand eingreifen würde.

Klaus Friedrich
Klaus Friedrich, Bürgermeister in Korbach © Philipp Daum

„Das ist übrigens auch der deprimierende Grund dafür, warum es keinerlei Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit der Barbarei des Nationalsozialismus’ geben kann und darf“, betonte Friedrich. Es bleibe, selbst wenn die Dinge besser stünden, die Verantwortung eines jeden von uns, der hier lebt, Verantwortung dafür zu übernehmen, was in diesem Land und in dessen Namen geschehen sei. „Ich spreche hier nicht von Schuld“, so Friedrich. Es gebe zudem eine einfache Antwort auf die Frage nach dem Ende dieser Verantwortung. „Die Antwort heißt: Nie.“

Historikerin Dr. Marion Lilienthal wies darauf hin, dass die jüdische Gemeinde in Korbach zu den ältesten in Waldeck gehöre. 1933 seien in Korbach 129 Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens gemeldet gewesen. Nachdem sie Nazis die systematische Ermordung aller Juden als erklärtes Ziel formuliert hätten, habe es im Dezember 1941 die erste Deportation mit Jüdinnen und Juden – Frauen, Männern und Kindern – aus Waldeck und Frankenberg gegeben. Der Transport habe im September 1942 stattgefunden.

Bürgermeister in Korbach
Dr. Marion Lilienthal, Historikerin © Philipp Daum

„Ganze Familien wurden in den Konzentrationslagern ausgelöscht“, so Lilienthal. Die Täter des Holocaust hätten nicht nur das Leben der Menschen beendet – sie hätten auch versucht, die Erinnerung an sie auszulöschen. „Diese Absicht durchkreuzen wir mit dieser Gedenkstele“, betonte die Historikerin.

Kreisbeigeordnete Hannelore Behle erinnerte ebenfalls an den NS-Terror gegen die jüdische Bevölkerung, der auch vor Korbach nicht Halt gemacht habe. „So unrühmlich und schrecklich dieser Teil unserer deutschen Vergangenheit ist, müssen wir doch immer wieder darauf hinweisen. Wir müssen uns erinnern, damit ein solcher Schrecken nicht wiederholt wird“, sagte sie.

Britta Hein vom Waldeckischen Geschichtsverein sagte, dass jeder Mensch aus der dunklen Vergangenheit seine Lehren ziehen müsse. „Niemand darf aufgrund irgendeiner Charaktereigenschaft oder körperlichen Eigenschaft eingesperrt oder ermordet werden. Jeder hat das Recht, sein Leben so zu leben, wie er es möchte – ohne dabei anderen zu schaden“, betonte sie.

„Lasst uns nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht“

Mit Stücken aus dem Film „Schindlers Liste“ begleiteten Violinistin Juliane Enns und Jennifer Barsukow (Keyboard) die Feier zur Einweihung der Gedenkstele. Außerdem sprach Gisela Grundmann, Pfarrerin im Ruhestand, das Kaddisch – eines der wichtigsten Gebete im Judentum und vergleichbar mit dem Vaterunser im Christentum. Zusammen mit Historikerin Dr. Marion Lilienthal sprach sie auch ein Bußgebet.

Musikstücke aus Schindlers Liste: Juliane Enns (links) spielte Violine, Jennifer Barsukow auf dem Keyboard.
Musikstücke aus Schindlers Liste: Juliane Enns (links) spielte Violine, Jennifer Barsukow auf dem Keyboard. © Philipp Daum

„Wir dürfen nicht vergessen, dass eine Politik des Hasses die Synagogen in Flammen aufgehen ließ sowie Jüdinnen und Juden jedes Lebensrecht absprach. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Rassenwahn des Nationalsozialismus in den Vernichtungslagern seinen Höhepunkt fand“, betonten Gisela Grundmann und Dr. Marion Lilienthal.

Gisela Grundmann
Gisela Grundmann, Pfarrerin im Ruhestand © Philipp Daum

An Gott gerichtet, sagten sie: „Bewahre uns davor, dass wir aufs Neue aus Feigheit, bewusster Interesselosigkeit oder aus geheucheltem Unwissen schuldig werden, dass die Angst um unser Wohlergehen uns zur Ausgrenzung schweigen lässt. Lasst uns nicht wegsehen, vielmehr Mut und Courage zeigen, wann immer Unrecht geschieht.“

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