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Theaterwoche Korbach: Viel Applaus für Ensembles

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Engagiert: Das Ensemble Artig der Marienschule aus Münster führte das Stück „Society’s Child“ auf.
Engagiert: Das Ensemble Artig der Marienschule aus Münster führte das Stück „Society’s Child“ auf. © Marise Moniac

Das Leben der amerikanischen Sängerin und Songschreiberin Janis Ian inspirierte das Ensemble Artig der Marienschule Münster zu seinem Beitrag für die Theaterwoche in Korbach. Außerdem auf den Bühnen: Die Junge Agora St. Vieth (Belgien) und der „Theaterclub+“ aus Kassel.

Korbach – „I was a perfect little girl“, erzählt die Musikerin über ihre Kindheit, in einem Lied heißt es sogar: „I always do what’s right, I never do anything wrong.“ Ein Irrtum, wie sich schnell herausstellt, denn diese Kindheit findet in den 1950er Jahren statt, und da gibt es in den USA viele Gründe zum Scheitern und Unglücklichwerden.

Zwar ist ihr Elternhaus eher progressiv, ihr Umfeld in den Jahren nach der McCarthy-Ära jedoch spießig und kleinlich, rassistisch und offen feindlich gegenüber Homosexualität.

Janis träumt von einer Freundschaft mit Joan Baez, doch in der Realität wird sie noch als sehr junges Mädchen von ihrem Zahnarzt vergewaltigt. „Das Einzige, was mir half, war die Musik“, erinnert sie sich. Sanfte, traurige Lieder spiegeln ihren Schmerz.

Mit 13 schreibt sie „Society’s Child“, den laut Kritikern kontroversesten Song seiner Zeit, und allmählich wird sie bekannter. Doch die Karriere hat auch Schattenseiten. „Berühmtheit verändert nicht dich, sie verändert die Menschen um dich herum“, erinnert sich die Künstlerin. Als sie sich weigert, ihren Schreibstil zu ändern, schlägt die Stimmung um. Janis durchlebt eine tiefe Krise mit großen gesundheitlichen Problemen.

Erst 1975 gelingt ihr mit „I learned the truth at 17“ ein neuer Hit, und sie sieht ihre Aufgabe jetzt vornehmlich darin, „ugly girls like me“ Mut zu machen. Später bekennt sie sich öffentlich zu ihrer Homosexualität, heiratet ihre Partnerin und findet ein spätes Glück.

Die Mitglieder des Münsteraner Ensembles Artig gestalteten das Leben der Singer-Songwriterin in einer Mischung aus Spielszenen, Tanznotationen, Liedern und Hintergrund-Informationen aus der Autobiographie der Künstlerin.

Janis’ Part, der von wechselnden Darstellerinnen übernommen wurde, ließ sich problemlos unter anderem am Rauten-Pullunder, dem früheren typischen Outfit der Sängerin, ausmachen, wie auch die anderen „Rollen“ hämische Mitschülerinnen, nervige Ansagerinnen, kleine Chauvis, die klasse besetzt und gespielt wurden. Anerkennung verdienen die vielen auf Englisch gesungenen Beiträge, die so manches Stimmtalent aufzeigten. Für die engagierte Aufführung gab es teils stehende Ovationen.

Junge Agora zeigt Spiel um Status, Macht und Manipulation

„Hier fühlen sich alle wohl. Es passiert nichts. Uns geht es gut. Wir haben einen Drachen, der uns beschützt.“ Die Bürger der Drachenstadt erkennen schon lange nicht mehr, wie sehr sie seit 400 Jahren unterdrückt werden, wie ihre Freiheit allein in den Händen des Drachen liegt. Das Stück, 1943 von Jewgeni Schwarz geschrieben, handelt von Macht, Tyrannei und Unterwerfung und kann nach knapp 80 Jahren in dieser Zeit kaum aktueller sein.

Die Bürger der Drachenstadt erkennen schon lange nicht mehr, wie sehr sie unterdrückt werden.
Die Bürger der Drachenstadt erkennen schon lange nicht mehr, wie sehr sie unterdrückt werden. © Barbara Liese

Die Junge Agora St. Vith (Belgien) hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit den Fragen nach Macht und Manipulation beschäftigt. Niemand ahnte, welche Nähe diese Auseinandersetzung bald zur realen Welt haben wird.

Als Märchen geschrieben, das das Nazi-Regime entlarvt, ist das Stück heute so beängstigend wie damals. Lanzelot, der professionelle Held und Reisende, will die Drachenstadt aus der Gewaltherrschaft befreien. Das Volk aber hat sich längst in sein Schicksal ergeben, sich arrangiert. Im Spiel vertauschen die fünf Schauspieler immer wieder ihre Rollen. Der Vater von Elsa wird zum Bürgermeister, der Drache wird zum Freund, der Sohn des Bürgermeisters ist immer wieder Aufsichtsperson und Taktgeber des Widerstands. Selbst im Kampf mit dem Drachen ist nicht immer zu unterscheiden, wer für die Freiheit kämpft und wer eine Veränderung verhindern möchte.

Was verwirrend scheint, macht deutlich, dass Diktatur und Verblendung niemals das Ergebnis eines einzelnen Menschen sein können. Am Ende bleibt auch für den Zuschauer die Frage, was haben wir selbst verinnerlicht? Erkennen wir unsere Unterdrücker?

„Theaterclub+“ beschäftigt sich mit Corona-Pandemie

Eine Aufarbeitung der Coronazeit der besonderen Art hat der „Theaterclub+“ von „thearte“ aus Kassel auf die Bühne gebracht. Die Mitglieder haben sich mit ihrer persönlichen Situation während des Lockdowns auseinandergesetzt und ihre Gefühle, Befindlichkeiten und Erinnerungen sowie Lieblingstexte aufgeschrieben. Die Ergebnisse präsentierten die acht Schauspielerinnen und Schauspieler am Donnerstag in einer szenischen Lesung in der Nikolaikirche und trafen damit genau den Nerv des Publikums, die vielfach offenbar ähnlich empfunden haben. Ein authentischer und berührender Auftritt mit Wirkung.

Arbeitete die Pandemie auf: Der „Theaterclub+“ von „thearte“ in der Nikolaikirche.
Arbeitete die Pandemie auf: Der „Theaterclub+“ von „thearte“ in der Nikolaikirche. © Hans Peter Osterhold

Lesungen und szenische Darstellung erfolgten im Wechsel. Vor allem mit ihren persönlichen Inhalten holten sie die Besucher ab und bauten eine Verbindung zu ihnen auf. Dies wurde dann in der Nachbesprechung von der Zuhörerschaft auch mehrfach positiv herausgestellt.

Die Schauspieltruppe war im Lockdown auf Null heruntergefahren, nutzte aber die Zeit kreativ und schrieb viel: Einsamkeit, Sprachlosigkeit, extensiver Medienkonsum, aber auch Besinnung auf alte Freunde und Kontakte waren einige der Themen. Aus den Lieblingstexten der Mitglieder wurde ein dramaturgischer Ablauf erstellt, der in szenischen Lesungen vorgetragen wurde.

Auch Texte anderer Autoren wurden hinzugenommen: Camus, Lichtenberg, Hopper und Brecht. Dazu passten Assoziationen zu „Quarantäne“, wie Ausgangssperre, Epidemie, Angst oder Einsamkeit. Bei allem Lockdown lässt sich aber das Gras nicht beirren „es wächst weiter“, so das Fazit der Theatergruppe aus Kassel. (Marise Moniac, Barbara Liese, Hans Peter Osterhold)

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