Verachtung für „Anna“ wächst

Berichtete von seiner Magersucht: Autor Christian Frommert in Stadtbücherei

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Macht Fortschritte, ist aber immer noch nicht von seiner Magersucht geheilt: Christian Frommert bei seiner Lesung in Korbach.

Korbach. „Noch 28 Stufen, es könnte aber genauso gut der Weg bis zum Pluto sein": So lautet der Prolog von Christian Frommerts Buch „Dann iss doch was!", in dem er sein Leben als Magersüchtiger schildert.

Am ersten Weihnachtstag 2009 wog der 1,84 Meter große Mann nur noch 39 Kilo und schaffte den Weg vom Erdgeschoss zur Wohnung im zweiten Stock nicht mehr.

Entkräftet musste Frommert seinen Freund anrufen, der ihn hochtrug. „Das war mein absoluter Tiefpunkt", sagte er.

Gebannt hörte Frommert das Publikum in der Korbacher Stadtbücherei zu und konnte kaum fassen, dass der hagere Mann als Junge mal 140 Kilo gewogen hatte. Seine Mutter sei nur zufrieden gewesen, wenn er beim Essen kräftig zugelangt habe. „Vielleicht habe ich unbewusst versucht, die Liebe meiner Mutter mit dem Essen aufzunehmen.“

Wie Frommert berichtete, sei seine Mutter enttäuscht gewesen, weil er statt Jurist Journalist geworden war. Als Junge sei er für Mädchen nur der gute Kumpel gewesen. Seine erste Freundin Gabi ging häufig allein zu Partys, da sie sich für ihn schämte. Dies wurde ihm klar, als er in ihrem Tagebuch den Satz „Er ist ja doch ganz schön dick“ las. Als sie für ein Jahr ins Ausland ging, nahm er 50 Kilo ab.

Zur Person:

Christian Frommert wurde am 1. Februar 1967 in Worms geboren und wuchs in

Bürstadt auf. Er war 15 Jahre l als Journalist (Sport, Wirtschaft, Chef vom

Dienst, Geschäftsführer) in Frankfurt tätig. Zwischen 2005 und Ende 2008 war

Frommert Leiter der Sponsoring-Kommunikation von T-Mobile International und

Deutsche Telekom AG. Danach arbeitete er als Kommunikationsberater in Bensheim,

zu seinen Kunden gehörte Oliver Bierhoff sowie Fußball-Bundesligist TSG 1899

Hoffenheim. Im Dezember 2013 wurde er Kommunikations- und Mediendirektor der TSG

Die Magersucht brach 2006 bei Frommert aus. Er habe in Kapstadt (Südafrika) dem „Frommert-Triathlon“ gefrönt, fuhr Rad, rannte und hungerte von 74 auf 60 Kilo runter. „Anna“, wie er seine Magersucht liebevoll nannte, habe ihm das Gefühl gegeben, „die Dinge unter Kontrolle zu haben und vor allem, nicht mehr dick zu sein“. Mittlerweile sei die Liebe nicht mehr so innig. Anna sei noch da. Aber die Verachtung wachse.

„Meine Schwester hat mich angezeigt, mich entmündigen lassen. Ich hätte sonst nie wieder angefangen zu essen“, betonte Frommert. Er sei dann in eine Spezialklinik für Essstörungen am Bodensee gegangen. „Ich gehe das Wagnis, auf eine Waage zu steigen nicht mehr ein“, betonte er. Er wolle nicht wissen ob es 43 oder 48 Kilo seien, es wäre in jedem Fall ein Schock für ihn.

Bei Olympischen Spielen

Die Kurve habe er durch sein Buch bekommen, als er über eine Geschäftsreise nach Vancouver schrieb: „Da hat sich der Kopf eingeschaltet. Du bist irre, du fährst zu den Olympischen Spielen nach Vancouver und hast keinen Wettbewerb live gesehen.“ Er sei nur besorgt gewesen, ob er genug Magerquark, Wasser und Diät-Cola im Hotelzimmer habe.

Der Mutter habe er sich wieder angenähert. Sie sei 80 Jahre alt gewesen, als er mit ihr und seiner besten Freundin eine Australien-Reise angetreten habe. Die Reise sei beschwerlich, verletzend, furchtbar und tränenreich gewesen, aber ein Anfang. Dank einer Therapeutin mache er Fortschritte. „Ich esse einmal am Tag Magerquark, etwas Gemüse und Obst.“ Er benutze immer den gleichen Löffel, es dürfe niemand zugucken.

Frommert ist immer noch nicht von seiner Magersucht geheilt. Er steht jeden Morgen gegen 4.30 Uhr auf und macht drei Stunden Sport, bevor er an die Arbeit geht. Er ist alleinstehend, denn er möchte einer Frau seine Zwänge nicht zumuten. Christian Frommert: „Ich möchte niemand an meinen Körper ranlassen, weil ich mich selbst für abstoßend halte.“

Von Nadja Zecher-Christ 

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