Frau durchlebt Albtraum im Treppenhaus

Versuchter Totschlag: Tiefer Sturz der Freundin bringt Korbacher Anklage ein

Abzeichen eines Gerichtsdieners mit einem Saal des Landgerichts Kassel im Hintergrund
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Vorm Landgericht Kassel muss sich ein Korbacher wegen versuchten Totschlags an seiner Freundin verantworten.

Wegen versuchten Totschlags in Tateineinheit mit gefährlicher Körperverletzung an seiner Freundin steht ein 60-jähriger, aus Korbach gebürtiger Mann seit Mittwoch vorm Landgericht Kassel.

  • Ein heute 60-jähriger Korbacher steht wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung in Kassel vorm Landgericht
  • Anfang August 2018 soll er seine Freundin über ein Geländer im Treppenhaus gehoben und dann siebeneinhalb Meter tief fallen gelassen haben
  • Die Frau erlitt drei Rippenbrüche, drei Lendenwirbelbrüche und eine beidseitige Lungenquetschung, ist heute aber wieder mit dem Angeklagten zusammen.

Korbach/Kassel – Vor knapp drei Jahren packte der heute 60-jährige, aus Korbach gebürtiger Mann seine Freundin, hob sie übers Geländer im Treppenhaus vor ihrer Wohnung, und die Frau stürzte siebeneinhalb Meter in die Tiefe. Sie schlug unten auf dem Geländer auf, brach sich drei Rippen und drei Lendenwirbel. Beide Lungenflügel wurden gequetscht. Ein Streit war vorausgegangen; die Frau hatte die Beziehung für beendet erklärt. Mittlerweile sind die beiden wieder ein Paar und leben in Korbach in getrennten Wohnungen.

Seit Mittwoch steht der Mann wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor der zehnten großen Strafkammer des Landgerichts Kassel. „Der Angeklagte nahm den möglichen Tod der Geschädigten zumindest billigend in Kauf“, sagte Staatsanwalt Dietrich beim Verlesen der Anklage. Darauf gründet der Vorwurf des versuchten Totschlags.

13 bis 14 Flaschen Bier in den Stunden vor der Tat getrunken

Vom Abend vor dem Geschehen, 21 Uhr, bis zum Vorfall am 2. August 2018, gegen 11 Uhr, trank der Angeklagte nach eigenen Angaben 13 bis 14 Halb-Liter-Flaschen Bier. Sein Blutalkoholwert zur Tatzeit lag laut gerichtsmedizinischer Untersuchung und Berechnung zwischen 1,7 Promille und 2,0 Promille. Der Mann ist Alkoholiker. Der ermittelte Pegel wirkte sich laut Arztbericht weder negativ auf seine Sprache noch auf seine körperliche Koordinationsfähigkeit aus. Das Denken des Angeklagten sei im Anschluss an die Tat „recht geordnet“ gewesen, verlas Vorsitzender Richter Geisler das Ergebnis der damaligen Untersuchung. Gleiches gelte für die Einsichtsfähigkeit des Mannes, so dass verminderte Schuldfähigkeit nach Einschätzung des ärztlichen Berichts von damals nicht in Frage kommt.

Auslöser des „Schwachsinns“, wie der 60-Jährige aus Korbach seine Tat bezeichnete, sei der im Streit ausgesprochene Vorwurf der Frau gewesen, „man kann mir nicht vertrauen“. Er habe sie über den Abgrund gehalten, „um ihr zu zeigen, dass sie mir vertrauen kann“. Seine Freundin habe ihn kurz angeschaut, nach unten geblickt, „und plötzlich wurde ihr Körper schlaff. Dann ging’s bergab.“ Er habe noch gerufen „Halt’ dich fest“ und vergeblich versucht, nachzufassen.

„Er hat mich von hinten umfasst und über das Geländer des Treppenhauses gehoben“

Dieses Geschehen hat die geschädigte Zeugin, die dem Angeklagten körperlich weit unterlegen ist, entscheidend anders in Erinnerung. Das sagte sie vorm Landgericht Kassel aus, wo sie auch als Nebenklägerin auftritt. „Er hat mich von hinten mit den Armen an den Hüften umfasst, in einem Schwung über das Geländer gehoben und dann habe ich da gehangen und nach unten geschaut. Mit den Rücken zu ihm“, beschrieb das Opfer vor Gericht sein albtraumhaftes Erlebnis vom 2. August 2018.

Sie merkte, wie ihr Körper im Griff des Angeklagten langsam rutschte, bis die Hände des Mannes sie unter den Achseln hielten. „Dann waren seine Hände plötzlich weg und er ließ mich fallen. Ich konnte mich nicht festhalten, weil das Geländer zu weit weg war.“

Zeugin: Absichtlich losgelassen und ins Treppenhaus fallen gelassen

Ließ ihr Freund sie absichtlich fallen? Das wollte das Gericht wissen. „Als er losgelassen hat, ja“, meinte das Opfer. Er habe nicht versucht, sie zurückzuziehen. Das Ganze sei aber eine Kurzschlussreaktion ihre Freundes gewesen. Er habe nicht zu Hause den Plan geschmiedet, sie hinabzuwerfen, ist die Zeugin sicher.

„Haben Sie ihm verziehen?“, fragte Vorsitzender Richter Geisler. „Ich verdränge das alles“, antwortete die kleine, zart wirkende Frau.
Der Angeklagte beteuert, er habe seine Freundin nicht absichtlich losgelassen. Ob sie ihm glaube? „Ich weiß es nicht“, gab sie zu Protokoll. „Möchten Sie, dass er ins Gefängnis geht?“, hakte das Gericht nach. Die Frau antwortete zögernd, leise. Das könne sie nicht sagen.

Alkoholproblem belastete Beziehung über Jahre

„Heute ist alles super“, sagt sie über die Beziehung. Nüchtern sei er lieb und nett. Unberechenbar, kontrollsüchtig und aggressiv zeigte er sich nach Alkoholgenuss früher. Sie hatte Angst vor ihm, auch, als er nach der Tat zunächst auf freiem Fuß blieb. Heute trinke er nicht mehr in ihrer Gegenwart und wenn er mit Anderen trinke, erzähle er das. Der Angeklagte aus Korbach hat sich nach eigener Aussage ein Limit gesetzt. Mehr als drei Flaschen Bier konsumiere er nicht mehr. Er trinke nur in Gesellschaft und „nicht, wenn ich in schlechter Stimmung bin.“

Sein Alkoholproblem belastete über Jahre die Beziehung, berichtete die Frau. Er wiederum warf ihr Lügen vor, kontrollierte unter anderem ihr Handy. Häufiger trennten sich die beiden, kamen wieder zusammen. Sogar nach der Tat von 2018. „Er tat mir leid, als er damals über Weihnachten im Gefängnis saß. Ich schickte ihm eine Karte und dann schrieben wir uns Briefe“, erinnert sich die Zeugin. Sie habe über eigene Fehler nachgedacht: „Irgendwann fing ich an, ihn zu vermissen.“
Der Angeklagte berichtete davon, dass es früher auch Pläne gegeben habe, sich zu verloben. „Wollen Sie ihn heiraten?“, fragte Vorsitzender Richter Geisler die Frau im Zeugenstand. Ihre Antwort: „Nein.“ (Matthias Schuldt)

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