Neubau in der Fußgängerzone

Von „Tante Anna“ und Woolworth: Architekt Herbert Kuhaupt erzählt, wie das Kaufhaus nach Korbach kam

Vorbild für alle Woolworth-Kaufhäuser in Deutschland: 1975 wird die Filiale in der Korbacher Bahnhofstraße umgebaut und vergrößert. Ein Jahr später öffnet das erste Kaufhaus mit Rolltreppe in Korbach.
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Vorbild für alle Woolworth-Kaufhäuser in Deutschland: 1975 wird die Filiale in der Korbacher Bahnhofstraße umgebaut und vergrößert. Ein Jahr später öffnet das erste Kaufhaus mit Rolltreppe in Korbach.

Die Korbacher Innenstadt verändert ihr Gesicht. Der 1968 und 1975 in zwei Abschnitten errichtete Woolworth-Bau auf dem Grundstück der Bahnhofstraße wird zurzeit abgerissen und soll einem Neubau weichen. Grund genug, über die Vorgeschichte zu berichten, wie sich der internationale Konzern in Korbachs Fußgängerzone angesiedelt hat

Korbach – Der Korbacher Architekt Herbert Kuhaupt zog vor 53 Jahren einen ganz dicken Fisch an Land. Seit dieser Zeit besteht das Kaufhaus Woolworth in Korbach. „Ich habe das Glück, mit meinen mittlerweile 95 Jahren jetzt die erneute Veränderung des Stadtbildes mitzuerleben“, sagt Kuhaupt.

Damals stand auf dem Grundstück in der Bahnhofstraße das Tabakwarengeschäft der Geschwister Reinhard und Anna Becker. Direkte Nachbarn in Richtung Hauptbahnhof waren das Textilhaus Wenzel, das früher der angesehenen jüdischen Familie Stahl gehörte, und der Lebensmittelgroßhandel Neuhaus; gegenüberliegend war die Werkstatt von Opel Schmalz ansässig.

Der Woolworth-Komplex in der Korbacher Fußgängerzone wird abgerissen.

„Nach Reinhard Beckers Tod im Jahr 1967 wurde das Geschäft durch seine Schwester, von mir stets Tante Anna genannt, trotz ihres Alters von 73 Jahren allein weitergeführt“, erinnert sich Kuhaupt. Er bot ihr damals den Kauf des Hauses an, noch ohne eine Idee, wie es zukünftig genutzt werden könnte.

Dabei erinnert er sich an folgende Anekdote: „Schnell wurde ich mit Tante Anna handelseinig. Als ich nach einer unserer abendlichen Unterredungen ihr Haus verlassen wollte, entdeckte ich hinter einer benachbarten Grundstücksmauer drei andere angesehene Korbacher Geschäftsleute. Sie waren ebenfalls mit Tante Anna in Kontakt getreten und hatten ihr einen höheren Kaufpreis geboten.

Da ich mir gut vorstellen konnte, wie diese drei gemeinsam mit Tante Anna verhandeln würden, machte ich auf der Stelle kehrt. Ich berichtete ihr, dass augenscheinlich Besuch für sie im Anmarsch sei. So verbrachte ich die Nacht vorsichtshalber auf ihrem Sofa, was sie mit einem Lächeln quittierte. Wenige Tage später schloss Tante Anna den Kaufvertrag mit mir und Friedrich Fisseler sen. bei Notar Ruckert.“

Herbert Kuhaupt

Ein Immobilienmakler stellte schließlich den Kontakt zum Woolworth-Konzern her. „Schnell wurden wir uns auf Basis einer von mir erstellten Neubauplanung einig, dass Woolworth in der Bahnhofstraße künftig 800 Quadratmetern Verkaufsfläche mit zusätzlichen Lager- und Nebenräumen im Obergeschoss betreiben konnte.“

„Tante Anna“ besaß im rückwärtigen Bereich zur Bahnhofstraße – an der Arolser Landstraße – ein weiteres Haus. Hier war der Salon des Frisörs Richard Lessing ansässig, ferner einige Wohnungen, von denen sie künftig eine beziehen sollte. Den Neubau des ersten Woolworth-Kaufhauses in Korbach konnte sie von dort aus täglich verfolgen.

Im Jahr 1969 wurde das Gebäude nach kurzer, aber aufwendiger Bauzeit – weil Grundwasser Probleme bereitete – eingeweiht. Die Kaufhauskette Woolworth eröffnete im Erdgeschoss seine geräumige Verkaufsfläche. Im Untergeschoss warb die Gastronomie „Zum Kropfwirt“ um Gäste. Neben zwei kleinen Wohnungen ließen sich in den Obergeschossen die Ärzte Dr. Wilke, Dr. Roy und Dr. Grebe mit ihren Praxen nieder.

Bis Mitte der 1970er Jahre war Woolworth der Einkaufsmagnet in Korbach. Dieser Umsatzerfolg veranlasste den Kaufhauskonzern bereits 1973/74, Überlegungen hinsichtlich einer Verkaufsflächen-Erweiterung anzustellen. „Ich wurde allerdings als Miteigentümer der bisherigen Fläche nicht in Kenntnis gesetzt. Ich ahnte, dass dieses Geschäft wohl von Dritten abgewickelt werden sollte und stellte meine eigenen Überlegungen an.“

Da auch „Tante Annas“ Haus an der Arolser Landstraße nach Kuhaupts Einschätzung im möglichen Erweiterungsbereich Woolworths lag und ihr Grundstück sich in die Richtung der heutigen Fußgängerzone erstreckte, bat er „Tante Anna“, rund 100 Quadratmeter ihres Grundstücks zu veräußern. „Ich unterrichtete sie über die Absichten Woolworths und wusste, dass man sich früher oder später bei mir als neuen Eigentümer von 100 Quadratmetern Bauland wird melden müssen.“

Nun ging alles relativ schnell: „Tante Anna“ verkaufte ihm das Grundstück. Kurze Zeit später meldete sich ein Korbacher Architekt bei ihm, dem Woolworth zwischenzeitlich den Auftrag zur Planung des Erweiterungsbaus erteilt hatte. Kuhhapt: „In Verhandlungen mit ihm und Woolworth auf der einen Seite und mir sowie meinem Vetter Friedrich Fisseler sen. auf der anderen wurden wir schließlich handelseinig.“

Auch mit den Nachbarn Wenzel und Neuhaus wurde eine Einigung erzielt. Sie verkauften ihre Grundstücke und gaben ihre Geschäftstätigkeit auf. „Tante Anna übertrug ihr Haus an der Arolser Landstraße an mich und Friedrich Fisseler sen. Vor dem Abriss zog sie in ein städtisches Seniorenheim.“ Die Fertigstellung des zweiten Woolworth-Abschnitts hat „Tante Anna“ nicht mehr erlebt, sie starb im Mai 1975.

Für einige Jahre erinnerte ein Ort an sie: „Seit Mitte der 1970er Jahre existierte vor dem Woolworth-Komplex der Anna-Becker-Brunnen. Leider wurde dieser im Zuge der Umgestaltung der Fußgängerzone entfernt. Er wurde auch nicht an anderer Stelle neu errichtet“, bedauert Herbert Kuhhaupt. „Einige Andenken an Tante Anna habe ich noch heute in meinem Haus, unter anderem kleine Malereien, die ihr künstlerisches Talent widerspiegeln.“

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