Donnerstag auf der Freilichtbühne

Vor Auftritt in Korbach: Ein „neu kalibrierter“ Florian Schroeder im Interview

Ist auf der Korbacher Freilichbühne zu Gast: Komiker Florian Schroeder.
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Ist auf der Korbacher Freilichbühne zu Gast: Komiker Florian Schroeder.

Ob im Fernsehen, im Internet oder vor Querdenkern, die ihn ausbuhen: Kabarettist Florian Schroeder blieb während der Pandemie präsent. Am Donnerstag tritt er im Korbach auf.

Korbach – Florian Schroeder tourt mit seinem Programm „Neustart“: Das vhs-Kulturforum holt ihn damit am Donnerstag auf die Korbacher Freilichtbühne. Im Interview spricht er über persönliche und gesellschaftliche Neustarts, Satire und darüber, wer schlecht mit ihr umgehen kann.

Der Titel „Neustart“ scheint wunderbar in die Situation zu passen. Was für einen Neustart macht das Land durch, was für einen braucht es? Kurz herunterfahren, den Stecker ziehen oder das Betriebssystem neu drauf laden?
Eigentlich müssten wir das Betriebssystem neu drauf spielen – oder sogar an der Hardware schrauben. Viele Beteiligte scheinen aber zu hoffen, dass man kurz in den Stand-by-Modus geht und dann läuft wieder alles wie vorher. Im Moment möchte man sich der Realität noch nicht richtig stellen. Was schade ist, weil die vergangenen 15 Monate uns frei Haus geliefert haben, was alles nicht funktioniert. Die Schwachstellen unserer Gesellschaft konnte man so deutlich wie nie zuvor sehen. Man müsste jetzt eigentlich nur an den entsprechenden Stellen aufräumen und hätte einen großen Schritt nach vorne gemacht. Aber es scheint mir eher zu laufen wie immer: Da war jetzt mal ein Problem – gut, dass es vorbei ist, lass uns nicht mehr groß darüber nachdenken.
Sie hatten das Programm „Neustart“ schon vor der Pandemie in Arbeit. Gibt es permanente Krisen, die Neustarts erfordern? Und was bedeutet das für den Kabarettisten?
Das Programm ist tatsächlich während des Lockdowns entstanden. Ich hatte vor, im vergangenen Herbst die Premiere zu feiern. Diese Planungen sind in meiner Branche weitläufig im Voraus, so anderthalb Jahre. Mit der Pandemie hat gar keiner gerechnet. Den Titel denkt man sich also lange vorher aus, was ein bisschen seltsam ist: Man hat einen Titel und weiß noch gar nicht, was man macht. Mein Vorgängerprogramm hieß „Ausnahmezustand“. Ich dachte mir: Danach kommt der „Neustart“. Dass das so passen würde, ist vielleicht meinen seismografischen Fähigkeiten zu verdanken – vielleicht aber auch einfach nur Glück. Für mich heißt es eigentlich arbeiten wie immer: Auf Ballhöhe sein mit der Wirklichkeit, aktuell sein und versuchen, den Zeitgeist so genau wie möglich aufzuschnappen.
Sie standen im Lockdown lange nicht vor Publikum. Wie fühlt sie der Neustart auf der Bühne an?
Es ist wunderbar, wieder vor Menschen zu stehen, die reagieren. Ich hab in der Zwischenzeit ja nur im Internet gesendet, ohne Feedback. Jetzt sind da wieder Menschen, die sich freuen und lachen. Aber es ist wirklich ein Neustart, weil nichts mehr ist wie vorher: Es müssen Abstände und Hygienekonzepte eingehalten werden. Die Häuser sind natürlich nicht voll, einfach weil es nicht geht. Viele Zuschauer haben auch noch Angst zu kommen - die ich an der Stelle nehmen kann, weil die Veranstalter wirklich einen hervorragenden Job machen. Das kann ich von allen bisherigen Shows bestätigen. Insofern ist es wirklich bisschen wie laufen lernen nach einem schweren Unfall.
Haben Sie auch persönlich „resettet“ und machen jetzt etwas anders als vor der Pandemie?
Ich hatte natürlich viel Zeit, das Programm vorzubereiten und weiterzuentwickeln, es schlägt einen anderen Ton an. Durch so eine extreme Phase wie die, die wir hinter uns haben, wachsen wir alle. Wir stellen Dinge in Frage und kalibrieren uns neu. Das habe ich auch getan, das spürt man in diesem Programm. Und wenn ich dem Urteil der Zuschauer glauben darf, ist es auch zum Vorteil.
Für viele Künstler, die auf der Bühne stehen, waren die vergangenen Monate eine Krise. Haben Sie Sorge, ob die Branche wieder auf die Beine kommt?
Ich halte es für zu früh, da ein Urteil zu sprechen. Es ist ein bisschen wie in der Gastronomie: Es scheint alles recht normal zu sein. Man freut sich, dass die Stammkneipe wieder aufmacht und ebenso, dass die Theater und Stadthallen wieder öffnen. Ich glaube, dass sich erst mit der Zeit weisen wird, welche Folgen oder Langzeitschäden das Ganze hatte. Ich will mich ungern im hellseherischen Geschäft tummeln. Im Moment scheinen die meisten recht gut durch die Krise gekommen zu sein.
Als Komiker und Satiriker nehmen Sie Politiker aufs Korn, als Parodist Prominente. Sie setzen sich seit Jahren kritisch mit dem Thema Politische Korrektheit auseinander und vor Querdenkern hatten Sie 2020 einen Auftritt mit für das Publikum recht provokanten Aussagen. Wer kann am schlechtesten mit Satire umgehen?
Am schlechtesten mit Satire umgehen können alle, die eine Ideologie haben oder einem Fundamentalismus das Wort reden. Je stärker die Mauern sind, die man um sich herum gebaut hat, umso weniger durchlässig sind sie für Humor. Je fester Menschen überzeugt sind von dem, was sie glauben, was sie wissen oder meinen zu glauben und zu wissen, desto schwieriger wird es. Humor ist immer Distanz, auch zu sich selbst. Und wer die nicht hat, der hat Schwierigkeiten mit Satire. Deswegen ist Satire in autokratischen Systemen so eine schwierige Angelegenheit: Weil sie immer lächerlich macht und die Starken schwach erscheinen lässt – und ganz besonders diejenigen, die Stärke vortäuschen müssen, die sie im Grunde nicht haben.
Kann Satire helfen, die Distanz zu sich selbst zu schaffen?
Wer da offen ist, kann mit Sicherheit Distanz zu sich selbst und zur eigenen Umwelt erzeugen. Es ist häufig so, dass Zuschauer sich im Programm wiederfinden und sagen: Eigentlich erzählt der hier gerade etwas über mich, meine Lebenswelt und meine Lebenslügen. Es ist schön zu merken, dass man nicht nur zu den Bekehrten predigt, sondern sich auch über die lustig macht, die vor einem sitzen. Aber auf eine Art und Weise, mit der sie sich selbst ertappen: Das hilft, Distanz zu sich selbst zu kriegen.
Sie haben eine ziemliche Bandbreite. Was kann das Publikum in Korbach vom Abend erwarten?
Es wird ein sehr lustiger Abend - zumindest hatte ich bei den letzten Shows den Eindruck, dass die Menschen sehr viel Spaß hatten. Es geht von der aktuellen Politik - ich analysiere den Wahlkampf - über unsere grün-linken Lebensgewohnheiten im Prenzlauer Berg bis hin zu meinem Hass auf alle Sozialen Netzwerke. Wir betreiben gemeinsam mit dem Publikum basisdemokratische „Cancel Culture“ – ich finde, es wird höchste Zeit. Wir sprechen über künstliche Intelligenz und am Schluss gibt es einen ganz konkreten Vorschlag, wie wir das Land nach Corona wieder auf die Beine kriegen. (wf)

Die Eckdaten zum Auftritt von Florian Schroeder in Korbach

Florian Schroeder kehrt am Donnerstag, 12. August, auf die Korbacher Freilichtbühne zurück: Der Auftritt beginnt um 20 Uhr auf der Freilichtbühne Korbach. Karten sind ab 24 Euro erhältlich, zuzüglich Gebühren. Tickets gibt es etwa bei der Korbach-Information oder online unter www.korbach.reservix.de. (wf)

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