Brauchtum

Korbacher Martin Krzyzan ist der Geschichte des Christkindwiegens auf der Spur

Das Christkindwiegen auf dem Turm der Kilianskirche in Korbach.
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Das Christkindwiegen auf dem Turm der Kilianskirche in Korbach.

Muss die Geschichte des Christkindwiegens in Korbach neu geschrieben werden? Der Korbacher Martin Krzyzan hat in detektivischer Kleinarbeit historische Quellen zusammengetragen und ausgewertet – mit einigen überraschenden Ergebnissen.

Korbach – Martin Krzyzan ist einer der Korbacher „Weihnachtsfreunde“, die den jahrhundertealten Brauch des Christkindwiegens aufrechterhalten. In diesem Frühjahr bat ihn Hermann Küthe, der jahrelang der Sprecher der Weihnachtsfreunde war, doch mal herauszufinden, wo wirklich die Ursprünge des Korbacher Christkindwiegen erstmalig erwähnt wurden.

Immer wieder heißt es in Berichten über das Korbacher Christkindwiegen „schon 1543 wird der schöne Brauch erwähnt“. Aber nur wo? Die genaue Quelle nennt keiner der Autoren. „So hatte ich mich auf die Suche nach den Ursprüngen des Christkindwiegens gemacht“, sagt der Korbacher. Nach rund neun Monaten Recherche hat Krzyzan alles niedergeschrieben. Herausgekommen ist ein Buch mit rund 147 Seiten, das er in einer Auflage von zehn Stück hat drucken lassen.

Der Ursprung seiner Forschung: Auf einen Abschnitt in Ludwig Curtzes Buch „Geschichte und Beschreibung des Fürstenthums Waldeck“ aus dem Jahr 1850 stützen sich vermutlich alle weiteren Geschichten zum Korbacher Christkindwiegen. Und hier taucht auch erstmals in der Literatur die Jahreszahl 1543 auf. Doch auch Curtze nennt seine Quelle nicht.

Bringt Martin Luther den Korbacher auf die richtige Spur? In Strophe 14 von Luthers Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ findet sich eine Anspielung auf den mittelalterlichen Brauch des „Kindelwiegens“: „Davon ich allzeit fröhlich sei, zu springen, singen immer frei. Das rechte Susaninne schon, mit Herzenslust den süßen Ton.“ „Susaninne“ ist ein veraltetes Wort für Wiegenlied. Gedruckt erschien Luthers Lied erstmals 1543. Ist es Ludwig Curtzes ominöse Quelle? „Leider ist die Faktenlage relativ dünn“, sagt Krzyzan.

Eine weitere Spur führt nach Mölln: Dort wurden 1534 in einem zerstörten Kloster 15 „Christkindwiegen“ gefunden – kleine Wiegen in denen zu Weihnachten eine Christkindfigur ausgestellt wurde. Auch die Brüder Grimm, die Curtze persönlich kannte, überlieferten die Geschichte. Curtze könnte sie mit einem Zahlendreher übernommen haben.

Doch auf die wirklich heiße Spur bringt Krzyzan eine Sammlung alter Kirchenordnungen, auf die sich Ludwig Curtzes Bruder Carl häufig bezieht. Sie enthält die Waldecksche Kirchenordnung von 1556 – und die Kirchenordnung für Pfalz-Neuburg aus dem Jahr 1543. Und Letztere erwähnt tatsächlich das Christkindwiegen – ein Brauch, der im Mittelalter weit verbreitet war und von den Reformierten kritisch gesehen wurde. 1543 wurde auch in Korbach die Reformation durchgesetzt. Krzyzan ist sich ziemlich sicher, in der Kirchenordnung die entscheidende Quelle gefunden zu haben – nur das nicht konkret das Korbacher Christkindwiegen gemeint war. „Das Christkindwiegen in Korbach wird viel älter sein.“

Auch einem weiteren Rätsel ist Krzyzan auf der Spur: Angeblich soll die Pest mit dem Christkindwiegen aus Korbach vertrieben worden sein. Das ist erstmals in einer Erzählung von Hildegard Waldschmidt im Waldeckischen Landeskalender von 1954 in Umlauf gekommen. Doch weitere Hinweise auf eine Verbindung des Brauchs zur Pest findet der Korbacher nicht – weder bei Curtze noch in anderen Quellen. Sein Fazit: „Die Legende von der Pest scheint nur eine Legende zu sein.“ (Lutz Benseler)

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