Der Spatz und der Juwelier

Korbacher Martin Ochs zieht aus dem Nest gefallenen Vogel groß

Eine ungewöhnliche Freundschaft: Seit Martin Ochs den Spatz Trudi aufgepäppelt hat, ist ihm das Herz des Vogels zugeflogen – in freier Wildbahn könne das Tier wegen seines Beines nicht überleben.
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Eine ungewöhnliche Freundschaft: Seit Martin Ochs den Spatz Trudi aufgepäppelt hat, ist ihm das Herz des Vogels zugeflogen – in freier Wildbahn könne das Tier wegen seines Beines nicht überleben.

Tierliebe hat in Korbach zu einer ungewöhnlichen Freundschaft geführt: Ein aufgepäppelter Spatz weicht einem Juwelier kaum von der Seite.

  • Martin Ochs aus Korbach hat einen aus dem Nest gefallenen Spatz groß gezogen.
  • Mit ihrem unbrauchbaren Bein wäre Trudi in freier Wildbahn nicht überlebensfähig.
  • Nun gehört sie zum Inventar im Geschäft – und manchmal bringt sie die Werkzeuge, die sie geklaut hat, auch zurück.

Korbach – Eine junge Sperlingsdame, leicht körperbehindert, weicht ihrem Lebensretter nicht mehr von der Seite. Der Korbacher Juwelier Martin Ochs hat das aus dem Nest gefallene Tier in seinem Geschäft groß gezogen – seitdem eint die beiden eine ungewöhnliche Freundschaft.

Trudi, nennen alle den Vogel im Schmuckgeschäft. Sie ist ganz aufgeregt: Wieder klingelt die Türglocke in der Stechbahn und eine neue Kundin muss begrüßt werden. Trudi verlässt ihren Stammplatz an der Arbeitsstelle von Martin Ochs und fliegt quer durch den Raum: herrlich kuscheliger Fellkragen am Mantel der Frau – gemütlich, nichts wie hinein da, scheint sie zu denken. Die Kundin ist ein wenig irritiert, lacht dann und freut sich.

Besucher haben sich daran gewöhnt, dass in dem schmucken Fachwerkhaus ein Spatz quasi zum Inventar gehört, erläutert Ochs. Nur ganz wenige Frauen hätten Angst, weil sie seit Hitchcocks Schocker „Die Vögel“ noch immer ein Trauma mit sich tragen. Trudi dürfte für eine Rolle in dem Film eher nicht infrage kommen.

Ein wenig frech ist er zwar schon, der kleine Spatz. Aber man kann ihm nicht böse sein. „Der hat Narrenfreiheit bei Martin“, sagt einer. Die Lebenseinstellung des 60-Jährigen ist klar zu sehen: Jedes Lebewesen hat seine Daseinsberechtigung. Auch wenn es ein scheinbar nutzloser Sperling mit einem unbrauchbaren linken Bein ist.

Die Tierliebe des Korbachers ist bekannt: Vögel, Katzen, Hunde in großer Zahl gingen schon durch seine Hände. So bat Tierärztin Inga Rohrbach ihn um Hilfe, als ihr Jugendliche dieses Fundstück brachten. Mit Pipette, Baby-Vogelfutter und Unterstützung seiner Mitarbeiterinnen päppelte Martin Ochs den aus dem Nest gefallenen Spatz auf.

Seitdem ist ihm das Herz des Jungvogels zugeflogen. Und: Das Vöglein mag zwar unscheinbar mit erdbraunem Gefieder und etwas vorlautem Schnabel sein. Aber Trudi ist – wie im Schlager – sein kleiner Diamant.

Apropos: Herrlich glitzernde Edelsteinchen und silberne Fäden liegen hier herum. Die muss Trudi unbedingt an andere Stellen des Juweliergeschäftes tragen. Schließlich hat sie lange genug daneben gesessen und ihrem Retter bei der Arbeit zugesehen. Ist doch normal, dass dann auch mal Werkzeuge der Menschen wie Fräser und Bohrer verschwinden. Und manchmal bringt sie Trudi ja auch wieder zurück.

Abends, nach getaner Arbeit, nimmt Martin Ochs das zerbrechliche Tier in einer kleinen Transportbox mit nach Hause. Es gibt Mehlwürmer und freies Fliegen in der Wohnung. Zuhause hat Trudi auch einen mächtigen Verbündeten: Ninja heißt der Mini-Bullterrier, der aussieht wie ein furchterregender Kampfhund, aber handzahm ist.

Das graue Kraftpaket „akzeptiert sie völlig“, sagt der Schmuck-Designer. „Er passt auch auf sie auf, wenn Trudi auf dem Teppich heruntergefallene Brotkrümel pickt“. Soll es nur keiner wagen, auf den kleinen Vogel zu treten.

Der Spatz in der Hand: Martin Ochs möchte den kleinen Kerl nicht mehr missen. „In Freiheit hätte er keine Überlebenschance. Deshalb bleibt er jetzt hier.“ (Von Günther Göge)

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