Klassiker der deutschen Möbelindustrie

200 Jahre Thonet-Stuhl: Pinakothek in München eröffnete Sonderausstellung

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Begegnung mit 200 Jahren Thonet-Geschichte: Ein interessiertes Publikum bewunderte bei der Ausstellungseröffnung von „Thonet & Design“ in München das Wechselspiel von Experiment, Massenproduktion und elitärer Sonde ranfertigung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, das die Bugholzstühle auszeichnete. 

Fast 400 Gäste kamen zur Eröffnung der Sonderausstellung „Thonet & Design“ in die Pinakothek der Moderne. Es war eine große Bühne für ausgewählte Klassiker der deutschen Möbelindustrie.

In ihrem Design-Bereich „Die Neue Sammlung“ wurde aus Anlass des Jubiläums 200 Jahre Thonet eine Sonderausstellung zu „einem wichtigen Kapitel europäischer Unternehmensgeschichte und einer der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Thonetmöbeln“ in Szene gesetzt, so Direktorin Dr. Angelika Nollert.

Die Kunsthistorikerin begrüßte bei der Vernissage in der Rotunde der Pinakothek dazu besonders herzlich auch Vertreter der Thonet-Familien und der Frankenberger Geschäftsleitung. Sie würdigte die Pionierleistung des aus dem rheinischen Boppard stammenden Tischlermeisters Michael Thonet (1796-1871), der ein „fundamental modernes, zukunftsweisendes Formenrepertoire mit neuen produktionstechnischen Möglichkeiten in der Möbelindustrie“ geschaffen habe.

Ausgewählte Stuhl-Klassiker 

Bis zum Ersten Weltkrieg brachte das Unternehmen Thonet, das seit 1842 seinen Hauptsitz in Wien hatte, mehr als 1400 verschiedene Modelle auf den Markt und exportierte sie in alle Welt. Angelika Nollert äußerte ihren Stolz darüber, dass die Neue Sammlung in München mit mehr als 400 Objekten nach dem Museum Thonet in Frankenberg die weltweit zweitgrößte Exponatensammlung besitze – 70 davon wurden für die Jubiläumsausstellung „Thonet & Design“ ausgewählt.

Aber stimmt das Bild von der großen Bühne? Es ist eigentlich umgekehrt: Der Besucher betritt in München eine Art antikes Amphitheater, auf dem die ausgewählten Stuhl-Klassiker im aufsteigenden Halbrund von den Rängen selbst wie Zuschauer auf die Arena herabblicken, chronologisch aufgereihte Zeitzeugen vom ersten Bopparder Schichtholz-Sessel über Bauhaus-Freischwinger bis hin zu neuen Entwürfen aus der aktuellen Frankenberger Produktion. „Jeder einzelne Stuhl erzählt eine Geschichte, kann seine eigene Persönlichkeit entfalten“, erläuterte Dr. Josef Straßer, stellvertretender Direktor, der im Frankenberger Thonet-Museum wertvolle Leihgaben für diese Ausstellung auswählen konnte.

Klassiker aus der Bauhauszeit: Die mit der Thonet-Firmengeschichte eng verbundenen Freischwinger aus Stahlrohr erinnern an berühmte Bauhauslehrer wie Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe oder Mart Stam.

Für ihr Konzept ernteten die Museumsleitung und der Münchner Produktdesigner Steffen Kehrle, der mit seinem klaren, hellen Amphitheater der Stühle einen in puristischer Haltung reduzierten Raum schuf, bei der Vernissage großes Lob. „Wirklich phänomenal: Erstmals ist es gelungen, die 200-jährige Thonet-Geschichte so umfassend in einer Ausstellung zu spiegeln“, sagte Philipp Thonet, der mit dem Frankenberger Geschäftsleitungsteam nach München gekommen war. „Bisher waren meistens nur einzelne Segmente abgebildet.“ Vor der Presse in München schilderte Philipp Thonet die Firmengeschichte und beschrieb dabei mit Hochachtung, wie sich sein Vorfahre Michael Thonet „an der Idee des gebogenen Holzes festgebissen und sie mit enormem Durchhaltevermögen zum Erfolg geführt hat“. Er schilderte auch, wie sich in den 1930er-Jahren nach der Vorherrschaft der Bugholzzeit das Unternehmen mit Entwürfen von berühmten Bauhaus-Architekten zum weltweit größten Produzenten von Stahlrohrmöbeln entwickeln konnte. Sein Vater Georg Thonet (1909-2005) habe nach dem Krieg das zerstörte Frankenberger Werk wieder aufgebaut und dafür auch den Kontakt mit herausragenden Entwerfern gesucht.

Weil 2019 auch das Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“ gefeiert werden kann, macht die Münchner Ausstellung mit ausgewählten Design-Objekten aus dieser Zeit besonders überzeugend sichtbar: Gerade auch die Ikonen aus der Bauhauszeit, die weiterhin noch heute im Frankenberger Thonetwerk hergestellt werden, stehen mit ihrer Abkehr vom Dekor der Gründerjahre, mit ihrer Funktionalität und klaren Design-Ästhetik für eine Aufbruchszeit und eine Haltung, die die Gesellschaft positiv verändern wollte.

Ausstellung bis 2. Februar geöffnet

Die Ausstellung „Thonet & Design“ in der Pinakothek der Moderne in München, Neue Sammlung – The Design Museum, Barer Straße 40, ist bis zum 2. Februar von Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr geöffnet. Ein Katalog, 187 Seiten, reich bebildert, ist bei Koenig Books London erschienen und kostet 29,80 Euro.

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