Interview

Krankhafte Fressattacken: Wenn das Essen zur Sucht wird

Vollstopfen statt essen: So wie die Frau auf diesem Symbolbild, essen Binge Eater oft gleich händeweise und ohne Kontrolle Süßigkeiten - und auch bei anderer Nahrung können sie nicht aufhören zu essen, auch wenn sie längst satt sind. Foto: dpa

Waldeck-Frankenberg. Viele Menschen verspüren manchmal Heißhunger. Auf Schokolade, Pizza, Pommes. Dann essen sie, obwohl sie keinen Hunger haben. Treten diese Fressattacken regelmäßig und unkontrolliert auf, ist es krankhaft.

Dann sprich man von einer Binge-Eating-Disorder. Die Krankheit ist wenig bekannt, gilt aber als häufigste der Essstörungen, erklärt Dr. Hartmut Imgart, Chefarzt der auf Essstörungen spezialisierten Parkland-Klinik in Bad Wildungen. Laut Imgart nutzen Binge-Eater das Essen häufig zur Stimmungsregulation und haben manchmal gar keine Erinnerung an den Anfall selbst.

Im Interview erklärt er die Essstörung und gibt Tipps und Hinweise zur Behandlung.

Während Magersucht und Ess-Brech-Sucht vielen Menschen ein Begriff ist, kennen Binge Eating nur wenige. Wie häufig ist diese Krankheit? 

Hartmut Imgart: Binge-Eating-Disorder (BED) ist die häufigste Essstörung. Etwa drei Prozent der Bevölkerung leiden daran und 30 Prozent der Menschen, die sich aufgrund einer Essstörung in Behandlung begeben. Viele unserer Patienten, die aufgrund starken Übergewichts (Adipositas) zu uns kommen, wissen gar nicht, dass sie diese Krankheit haben. Es ist eine junge, noch wenig erforschte Krankheit. Das merkt man auch daran, dass es gar keine richtige Übersetzung dafür gibt. Vielleicht könnte man Heißhungerstörung oder Störung mit Essanfällen sagen.

Ich habe auch Heißhungerattacken. Dann esse ich auch gerne mal eine ganze Tafel Schokolade auf einmal. Bin ich damit gefährdet? 

Imgart: Nein. Um als Binge-Eating-Disorder diagnostiziert zu werden, müssen die Essanfälle regelmäßig, mindestens zweimal die Woche über mindestens sechs Monate auftreten. Unter BED fallen aber auch die Daueresser, die den ganzen Tag über essen. Da zählt ein Tag als ein Essanfall.

Wie sieht denn so ein Essanfall aus?

Imgart: Essattacken sind nicht immer pathologisch. Jemand der sich im Ramadan abends den Bauch vollschlägt, ist kein Binge Eater. Denn Binge-Eating hat nichts mit Hunger zu tun. Menschen mit BED essen deutlich schneller und mehr als andere.

Am Ende steht ein unangenehmes Völlegefühl und das schlechte Gewissen. Hauptkennzeichen ist aber der Kontrollverlust. Diese Menschen haben das Gefühl, gar nicht aufhören zu können. Sie sind wie im Rausch. (mia)

 

Wo die Ursachen liegen und wie Hilfe für die Betroffenen nach Aussage von Dr. Hartmut Imgart aussieht, lesen Sie in der gedruckten Mittwochsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine/HNA Waldeckische Allgemeine.

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