Aufgefangen in sicherem Netz in Haina

Wie psychisch erkrankte Menschen ein selbstständiges Leben führen können

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Der 54-jährige Andreas Königs aus Korbach ist manisch-depressiv: Weil er in einem stabilen Netzwerk aus stationären und ambulanten Hilfen erhält, kann er selbstständig leben und arbeiten. Ein Klinikaufenthalt ist lange her.

Korbach/Haina. Damit psychisch erkrankte Menschen ein möglichst selbstständiges und normales Leben führen können, braucht es ein stabiles Netzwerk aus stationären und ambulanten Hilfen. 

Teil dieses Netzwerkes sind die psychiatrischen Ambulanzen von Vitos Haina. Mit gleichmäßigen Schritten, den Blick zielgerichtet geradeaus, läuft Andreas Königs zur Vitos psychiatrischen Ambulanz. Manchmal ist er etwas aufgeregt, wenn er sich auf den Weg dorthin macht. „Aber ich sehe die Ärzte dort alle als Brüder, als gute Freunde an. So funktioniert es. Das Vertrauen ist da und dann sprudelt es nur so aus mir heraus“, erzählt der 54-Jährige.

Was aus ihm heraussprudelt, das sind seine Lebensgeschichte und die Geschichte seiner manisch-depressiven Erkrankung. Sie ist der Grund, warum Andreas Königs im Alltag auf Unterstützung angewiesen ist. Unterstützung, die er unter anderem in der Institutsambulanz bekommt. „Wir wollen stationäre Maßnahmen verhindern und dabei helfen, unsere Patienten im Alltag zu stabilisieren“, erklärt Psychologe Bernhard Ziegler. 

Die Beiden treffen sich alle vier Wochen zu therapeutischen Gesprächen, bei Bedarf auch in kürzeren Abständen. Zudem kommt Königs regelmäßig in die Ambulanz um mit dem Leiter der Einrichtung, Dr. Hanno de Convenent, die medikamentöse Behandlung abzuklären.

Leben in betreuter Wohngemeinschaft 

Andreas Königs wird aufgefangen von einem Netzwerk unterschiedlicher institutioneller Hilfsangebote. Er arbeitet in den Bathildisheimer Werkstätten in Bad Arolsen und lebt in der betreuten Wohngemeinschaft „Haus Ehrlich“ der Treffpunkte e.V. in Korbach. Die Wohnung teilt Andreas Königs sich mit sechs Mitbewohnern. Jeder hat ein eigenes Zimmer; Küche, Bad, Wohnzimmer und Garten werden gemeinsam genutzt. Seinen privaten Bereich hat er sich gemütlich eingerichtet.

Wann seine manisch-depressive Erkrankung begann, da ist er sich nicht sicher. Seine Kinder- und Jugendzeit bezeichnet er als sehr schön und gleichzeitig sehr schwer. Andreas Königs kam mit Verformungen, die während seiner Geburt entstanden, auf die Welt, was seine Kindheit prägte. Als Jugendlicher machte er eine Ausbildung zum Verkäufer und absolvierte anschließend seinen Wehrdienst.

„Da habe ich schon Ängste entwickelt und hatte auch mit Depressionen zu tun“, erinnert er sich. Die erste manische Phase, die ihm im Kopf geblieben ist, ist ein Urlaub, den er als junger Mann auf Formentera verbrachte. „Da habe ich plötzlich einfach 6000 DM aus dem Bankautomaten gezogen und zwei Rolex-Uhren gekauft“.

Mittlerweile merkt er eher, „wenn es mich wieder hochzieht. Und dann versuche ich, mich zu stoppen“. In solchen Momenten ist es ihm besonders wichtig, Ansprechpartner zu haben, auf die er sich verlassen kann und die ihm in seiner Entwicklung zur Seite stehen. So wie Sozialpädagoge Holger Meister, sein Betreuer bei Treffpunkte e.V., den er zweimal pro Woche trifft. Meister steht seinem Schützling im Alltag zur Seite mit Gesprächsangeboten und bei organisatorischen Fragen.

Sein Leben mit der manisch-depressiven Erkrankung ist ein ständiges „Rauf und Runter, Hin und Her“, sagt Königs. Daher schätzt er auch an seiner Arbeitsstelle in den Bathildisheimer Werkstätten, wo er in der Kleinteileproduktion und Industriemontage tätig ist, dass er jederzeit Ansprechpartner findet. „Alles wird in Ruhe erklärt und morgens wird geguckt, was jeder an dem Tag machen kann. Da geht es mir gut.“ Nicht immer hat der 54-Jährige Unterstützung gebraucht.

 Als junger Mann lebte er alleine in Volkmarsen. „Doch dann wurde ich durch die damaligen Medikamente gegen meine manischen Depressionen immer unselbstständiger. Die haben einiges kaputt gemacht. Ich schwankte nur noch beim Gehen, war verkrampft, konnte nicht mehr alleine duschen.“

Vor Krisen trotz aller Hilfe nicht gefeit

Es folgte eine stationäre Behandlung in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina, anschließend lebte er im Betreuten Wohnen in Bad Arolsen, vor vier Jahren zog er in seine jetzige Wohngemeinschaft. Dort fühlt er sich wohl. Er hat eine Freundin gefunden und wünscht sich für die Zukunft vor allem eins – eine feste und verlässliche Partnerschaft.

„Das wäre klasse.“ Vor Krisen ist Königs trotz aller Hilfe nicht gefeit. Doch ein Klinikaufenthalt war seit vielen Jahren nicht nötig. Im Notfall bekommt er noch am selben Tag einen Termin bei seinen Ärzten in der psychiatrischen Ambulanz.

Dass das so gut funktioniert, liegt auch an der erfolgreichen Zusammenarbeit der einzelnen Akteure. „Wir haben einen guten Draht zu den anderen Anbietern und kennen die Mitarbeiter. Auf deren Rückmeldungen sind wir auch angewiesen. Wenn die sich melden, reagieren wir sofort. Da haben wir eine kurze Leitung“, erklärt Hanno de Convenent.

Von Meike Schilling

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