Kunstwerke zu 144 Artikeln, Exponate über soziale Bewegungen

70 Jahre Grundgesetz: Doppelausstellung in Korbach eröffnet

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Verwaltungslyrik anschaulich gemacht: Die Künstler (von links) Hermann Rommel, Angela Schmitz und Ricarda Rommerscheidt haben Werke zum Grundgesetz beigesteuert - hier zeigen sie Felix Schelhaeses Beitrag zum Art. 133 über das Vereinigte Wirtschaftsgebiet.

Korbach. 70 Jahre Grundgesetz werden im Wolfgang-Bonhage-Museum Korbach mit einer Doppelausstellung gefeiert. Zudem bahnt sich ein besonderes Fest an.

144 Artikel hängen an der Wand, stehen auf Podesten – aber nicht einfach in schwarz auf weiß: 70 Jahre Grundgesetz werden im Wolfgang-Bonhage-Museum Korbach in „144 künstlerischen Positionen“ gefeiert. Bei der gestrigen Eröffnung interpretierten zahlreiche Besucher die Verfassung also mal ganz neu, ob Grundrechte oder Staatsorganisation. Da finden sich beim Post- und Fernmeldegeheimnis im Wirrwarr der Einsen und Nullen entblößte Gestalten; die Finanzbeziehungen der Länder werden zum etwas wirren Modell voller Kompromisse – ein demokratischer Entschluss, der stehen kann.

Eingerahmt von den Kunstwerken befindet sich das Ergebnis der Recherche des Politik-Leistungskurses der Klasse 12 der ALS: Die Schüler haben zum Thema „Soziale Bewegungen in Waldeck-Frankenberg“ recherchiert, und eine multimediale Ausstellung etwa über Umweltschützer, die „Tafel“ und sogar Frauenfußball gestaltet. „So wurde die Ausstellung um den Aspekt der Lebenswirklichkeit erweitert, um Erfahrungen aus der Region“, lobt Hermann Rommel, Korbacher und einer der Künstler.

98 Mitwirkende haben sich auf Initiative der Bonner Ateliergemeinschaft Kunstbrennerei und der Künstlergruppe „Amorph“ Gedanken gemacht, wie sie das Grundgesetz darstellen können. „Die Idee war, das jeder mitmachen kann“, erklärt Ricarda Rommerscheidt – entsprechend individuell sind die Werke. 

Lieferten den passenden musikalischen Rahmen: (von links) Anne Maike Schultze, Anna-Viktoria Riffel und Tim Schens.

Sie sprach über den Stand der Demokratie: Angst sei eine natürliche Reaktion auf Fremdes – doch jeder müsse prüfen, ob sie Sinn ergebe und sie gegebenenfalls überwinden. Viele Feinde der Demokratie seien hochintelligent – es sei gut, dass die Jugend Dinge hinterfrage.

ALS-Schüler interviewen Zeitzeugen

„Die Schüler eröffnen eine breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit, für das Hier und Heute zu lernen“, lobte Schulleiter Robert Gassner – bei allem Engagement der Jugend bestehe die Mehrheit aus Älteren, die erreicht werden müssten. Schüler des Leistungskurses von Johannes Grötecke gaben einen Einblick in ihre Arbeit: Aiyana Anitohin und Sabine Zheng Wu interviewten Beate Friedrich, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, und Gundula Schmieding vom Frauenhaus über die Frauenbewegung, ihre Erfolge und noch nicht erreichte Ziele – gerade in Sachen häusliche Gewalt und ungleiche Bezahlung. 

Geschichte greifbar machen: Schüler wie Nils Fuhrmann und Oscar Wiggert (unten, 1. und 4. von links) befragten Zeitzeugen wie Manuel Zimmermann (2. von links) und Karl-Hermann Völker über gelebte Demokratie.

Eines der vielen weiteren Themen der multimedialen Ausstellung ist der Einsatz gegen die Wiederaufbereitungsanlage bei Wangershausen Anfang der 1980er Jahre: Erst mussten sie herausfinden, um was es geht, dann nach und nach die Bürger informieren und mobilisieren, erinnerte sich Manuel Zimmermann. „Wir haben die Meinungsfreiheit des Grundgesetzes genutzt“, sagte Karl-Hermann Völker.

Auftakt für "Demokratiefest" in Waldeck-Frankenberg

Die Eröffnung war auch der Auftakt für das Projekt „Demokratiefest“: Die Art, wie der Tag der Deutschen Einheit gefeiert werde, sei „bedrohend nüchtern“, so Koordinatorin Cornelia Gliem – die „Patriotismus-Lücke“ füllten Populisten. Um den Verfassungs-Patriotismus erlebbar zu machen, soll alle zwei Wochen bei wechselnden Gastgebern ein Grundrecht vorgestellt werden und am 3. Oktober 2020 groß gefeiert werden. Wer Gastgeber sein will, kann sich unter Telefon 05631/505320 melden. 

Auftakt für "Demokratiefest": Cornelia Gliem gehört zu denen, die den "Verfassungspatriotismus" stärken wollen.

Zum Auftakt verlas sie die Präambel – in der Fassung nach der Wiedervereinigung, die den vormals provisorischen Charakter des Grundgesetzes aufgab und dauerhaft gelten soll. „Solang wir junge Menschen haben, denen der Zustand unserer Gesellschaft nicht egal ist, muss man sich um den Ewigkeitscharakter keine Sorgen machen“, befand Bürgermeister Klaus Friedrich.

Die Ausstellung ist bis zum 3. November zu sehen. Bis 31. Oktober öffnet das Museum dienstags bis sonntags von 11 bis 16.30 Uhr; ab 1. November wird an Wochentages um 14 Uhr geöffnet.

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