Auch weiße Bettlaken waren trügerisch

Vor 75 Jahren: Beherzte Bürger im Frankenberger Land verhinderten beim Einmarsch der Amerikaner Blutvergießen 

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Hunderte von Kriegsgefangenen: US-Soldaten bewachten sie in den ersten Tagen nach dem Einmarsch im März 1945 auf einem freien Feld am Ortsausgang von Frankenau. 

Frankenberg. Am Gründonnerstag, 29. März 1945, ging für das Frankenberger Land der Krieg zu Ende. Panzer der 3. US-Armee rollten in zwei Stoßrichtungen im südlichen Kreisteil ein.

Empfanden sie es als schmachvolle Kapitulation oder endlich als Befreiung vom mörderischen Hitler-Regime? Vor 75 Jahren, am Morgen des Gründonnerstags, 29. März 1945, ging mit dem Einmarsch der US-Armee im Frankenberger Land der Krieg zu Ende. Die Bevölkerung erlebte diesen Tag in einem Wechselbad aus Angst vor letzten Kampfhandlungen und Hoffnung auf baldigen Frieden.

Verwundete Soldaten, alte Männer und Jugendliche wurden von fanatischen Nazis noch einmal als „Volkssturm“ gesammelt, SS-Leute aus Arolsen gefährdeten im Edertal mit unsinnigen Schießereien ganze Dörfer. Aber es gab auch Besonnene, die den Mut hatten, Bettlaken aus dem Fenster zu hängen oder gar den amerikanischen Panzern mit der weißen Fahne entgegenzugehen.

„Auf der städtischen Bleiche (heute Bauhof) in Frankenberg waren hunderte von Panzerfäusten gelagert – bei optimaler Nutzung genug, um eine ganze Panzerdivision außer Gefecht zu setzen“, erinnerte sich Zeitzeuge Fritz Neuschäfer. Und damit wurden tatsächlich noch die etwa 30 älteren Männer und Jugendlichen im Hof des Landratsamtes ausgerüstet.

Unter ihnen befand sich auch der gerade 17-jährige Horst Sorrer, der sich schon von seiner Einheit abgesetzt hatte, aber in Frankenberg noch einmal in eine Uniform gesteckt worden war. „Genau zur Mittagszeit hörten wir den Alarm: Der Ami kommt!“, erzählte Horst Sorrer und zeigte uns die Mauer am Landratsgarten, hinter der er und ein weiterer Jugendlicher durch die Bottendorfer Straße die Panzer bis auf 50 Meter anrücken sahen.

 Als ein Leutnant „Panzerfaust frei!“ befahl, klickten nur die Verschlüsse – erfahrene Volkssturmleute hatten die Zünder ausgebaut und damit vermutlich viele Menschenleben gerettet. Ein SS-Mann, der in Höhe der Löwenapotheke trotz weißer Bettlaken eine Panzerfaust abfeuerte, wurde sofort erschossen.

In fast allen Dörfern und Städten des Kreises signalisierten, wie durch Flugblätter angeordnet, weiße Betttücher die kampflose Aufgabe. Dennoch feuerten die anrückenden US-Streitkräfte jeweils an den Ortseingängen einzelne Warnschüsse ab.

In der Stadtchronik lobte Altbürgermeister Hugo Dertz (1873-1965) den Leiter der Edertalschule, Studiendirektor Friedrich Meis, der die Stadt rettete: „Er ging den anrückenden Panzern entgegen und setzte durch, dass die Stadt nicht beschossen wurde. Er hat damit der Bevölkerung einen großen Dienst erwiesen. Ehre seinem Andenken!“

Misstrauen vor Hinterhalten blieb bei der Besetzung der Altstadt weiter angesagt. US-Infanteristen schlichen in geduckter Haltung, das Gewehr im Anschlag, die Schmiedegasse hinauf. Als sie den Untermarkt erreichten, kam ihnen dort der Bergbau-Invalide Karl Richter mit einer weißen Fahne entgegen. Ein deutschsprechender Soldat erfuhr von ihm die Lebensgeschichte eines Sozialdemokraten, dessen Sohn als Widerstandskämpfer 1944 in Majdanek ermordet worden war. Der „alte Richter“ feierte nun wirklich seine Befreiung vom Nazi-Regime. Frauen und Kinder, die in seinem Haus Schutz gesucht hatten, wurden mit Keksen und Schokolade beschenkt.

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