Angehörige bereiten mit Forderungen oft Probleme

Waldeck-Frankenberg: Gelockertes Besuchsrecht für Pflegeheime belastet Mitarbeiter

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Im Freien: In den Hausgemeinschaften Am Fischbach gehen die Senioren oft raus und empfangen auch Besucher dort. Hier mit (rechts) Leiterin Krystyna Krämer und (links) und Altenpflegerin Kaja Herrnberger. 

Besuche in Pflegeheimen sind seit Montag, 4. Mai, wieder möglich. Ein Mal pro Woche dürfen Bewohner eine Bezugsperson empfangen. Auch in Waldeck-Frankenberg. Diese Nachricht sorgte von Anfang nicht überall für Begeisterung.

WegenCorona waren zumeist Einrichtungsleitungen und Mitarbeiter sehr besorgt. Im Grunde hat sich daran bis heute nichts geändert, wie eine HNA-Umfrage in Seniorenheimen ergab.

Beispiel DRK-Seniorenzentren in Gemünden, Waldeck-Sachsenhausen sowie Battenberg: Deren Einrichtungsleiterinnen Sabine Patounis sowie Sandra Scheer betonten gleichermaßen: „Das gelockerte Besuchsrecht in der Corona-Krise macht uns allen wirklich viel Arbeit. Wir müssen jeden einzelnen Bewohner in den Besuchsraum bringen und wieder abholen. Unsere Verwaltung und auch unsere Alltagsbegleiter machen unter der Woche fast nichts anderes mehr, als den Bring- und Holdienst der Bewohner zu übernehmen.“ Dazu gebe es mit den Angehörigen viele Telefonate, da diese sich bei uns anmelden und registrieren müssen.

Leider sei es auch nach wie vor so, dass die Devise der Angehörigen nicht heiße: „Wie toll die Einrichtungen arbeiten, da wir bisher alle Bewohner Corona-frei gehalten haben und die Einrichtungen sauber sind.“ Vielmehr seien die Angehörigen ärgerlich, „dass wir uns an die Auflagen von Gesundheitsamt und Heimaufsicht strikt halten“, berichteten die Einrichtungsleiterinnen dieser drei Seniorenzentren des Deutschen Roten Kreuzes.

Diese Erfahrung haben die beiden Frauen kürzlich wieder im Seniorenzentrum in Battenberg gemacht. Bei einem Angehörigengespräch „zeigte der Sohn überhaupt kein Einsehen für die Auflagen, und wir bekamen Vorwürfe zu hören“.

Patounis und Scheer wiesen deutlich darauf hin, dass die Senioren von den Pflegekräften liebevoll umsorgt, versorgt und beschäftigt werden: „Sie gehen mit ihnen zum Beispiel auch in den Garten oder unternehmen Spaziergänge. Gruppenorientierte Beschäftigung wird angeboten und gerne angenommen. Es gibt Bingo, Kegeln, Gymnastik, Bewegungsübungen und Gedächtnisarbeit. Und was den Kontakt zu den Angehörigen anbetrifft: Auch Video-Telefonie per Tablet kann geführt werden.“

In diesem Zusammenhang äuß erte Sabine Patounis stellvertretend großes Verständnis dafür, dass „die Angehörigen ihre bei uns wohnenden Pflegebedürftigen natürlich gerne sehen und auch sprechen würden. Aber das Wichtigste sollte doch sein, dass die Pflegebedürftigen mit dem Corona-Virus nicht infiziert werden. Unsere Bewohner haben doch alle ein Krankheitsbild oder Syndrom, das zusätzlich zu einer Grunderkrankung vorliegt!“ Das bedeute, dass die Bewohner dieHöchstrisikogruppe seien. Die Verantwortung dafür, „Menschen ins Haus zu lassen, die das Virus in die Einrichtung tragen könnten, nur um einen Besuch zu machen, belastet uns alle“, so Sabine Patounis.

Nach ihrer Erfahrung seien es maximal zehn Prozent der Bewohner, die mit der jetzigen Besuchsregelung über 1,5 Meter Abstand etwas anfangen können und tatsächlich auch etwas vom Besuch ihrer Angehörigen haben.

Die Mitarbeiter der drei Einrichtungen haben laut Sabine Patounis und Sandra Scheer und „trotz klarer Besuchsregelungen am Wochenende zusätzlich Arbeit, da trotzdem Angehörige kommen, um einen Besuch außer der Reihe vorzunehmen. Die Arbeit ist gerade an den Wochenenden schwer zu leisten. Die Kollegen sind an der Grenze des Machbaren“.

Besucher sollen sich anmelden

Damit nicht zu viele Besucher auf einmal die Pflegeheime betreten, sollen sie sich vorher bei den jeweiligen Verwaltungen der Seniorenzentren des Deutschen Roten Kreuzes in Gemünden, Waldeck-Sachsenhausen sowie Battenberg anmelden. Es wird darauf hingewiesen, dass Besuche durch die Angehörigen nur werktags möglich seien.  

Wiesbadenerin Nicole Stern fordert deutliche Ausweitung

Das in Hessen geltende Besuchsrecht für Seniorenheime reicht vielen Angehörigen nicht aus. Nicole Stern aus Wiesbaden beispielsweise hat eine Online-Petitio n gestartet, der bislang 32 435 Menschen gefolgt sind. In dieser Petition werden eine deutliche Ausweitung des Besuchsrechts für Angehörige und bundesweit einheitliche Regeln gefordert. Nicole Sterns demente Mutter lebt seit zehn Jahren im Pflegeheim. Die Unterschriften überreichte die Petitionsstarterin an diehessische Staatssekretärin für Soziales und Integration, Anne Janz. Stern lobte die Aufgeschlossenheit der Staatssekretärin und der anwesenden Mitarbeiter, zeigte sich aber enttäuscht, dass „keine konkreten Verbesserungen zugesagt wurden. Das Leben im Heim darf nicht nur ein Warten auf den Tod sein“.

Im Rosenthaler Pflegeheim Am Fischbach sind Besuche nur im Freien möglich

In den Hausgemeinschaften „Am Fischbach“ in Rosenthal sind Besuche im Pflegeheim nach wie vor nur in Ausnahmefällen erlaubt.

„Bei uns darf keiner rein“, sagt Heimleiterin Krystyna Krämer. Etwas anderes gelte nur, wenn ein Bewohner  im Sterben liege.

Angehörige müssten sich für einen Besuch vorher telefonisch anmelden und könnten dann mit den Senioren nach draußen gehen. „Das kommt gut an“, so Krämer. Der Garten sei schon immer viel genutzt worden, und jetzt würden sie mit den Bewohnern noch mehr raus gehen. „Für uns hat sich insofern gar nicht drastisch viel verändert durch Corona.“

Der Aufenthalt im Freien biete zudem eine gute Gelegenheit, Vitamin D zu tanken in der Sonne. „Vermummt im Zimmer sitzen – das wollen die meisten gar nicht“, sagt Krämer. Der Aufwand für Besuche im Haus sei zudem zu hoch: „Wir müssten danach jedes mal durchlüften und alles desinfizieren“, sagt die Heimleiterin.

Krystyna Krämer und ihr Team versuchen aber, den Tagesablauf der 34 Bewohner trotz Corona so normal wie möglich zu gestalten.

„Sie werden genauso beschäftigt wie vorher, nur eben in kleineren Gruppen“, gibt Krämer Auskunft.

Für den Kontakt nach außen kommen Tablets zum Einsatz. „Damit können wir den Angehörigen kleine Botschaften schicken – das ist eine schöne Sache“, sagt sie.

Vermutlich seien dieKontaktbeschränkungen für die Angehörigen schwerer zu ertragen als für die Bewohner selbst, vermutet Krämer. Sie seien schließlich vorher gewohnt gewesen, jeden Tag zu kommen und auch mit am Mittagstisch zu sitzen.

„Ich habe alle Angehörigen persönlich angerufen und über die Kontaktverbote informiert.“ Alle hätten Verständnis und würden die Schutzmaßnahmen zugunsten der Heimbewohner begrüßen.

Die meisten Angehörigen würden die Möglichkeit eines Besuchs im Freien nutzen, so Krämer.

VON KLAUS JUNGHEIM

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