Langfristige Folgen der Coronakrise machen aber Sorgen

Waldeck-Frankenberger Unternehmen halten an geplanten Ausbildungen fest

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Ausbildungsplätze trotz Coronakrise erhalten: Noch sind die handwerklichen Betriebe wenig betroffen. Daher wollen sie auch weiterhin Ausbildungsplätze anbieten. 

Waldeck-Frankenberg – Die Coronakrise trifft die deutsche Wirtschaft hart – die Anzahl an Arbeitslosen ist so hoch wie lange nicht mehr, und auch Kurzarbeit nimmt weiter zu.

Während viele Menschen um ihren Job kämpfen, stellt sich die Frage, wie die Situation für die Jugendlichen ist, die in diesem Jahr in eine Ausbildung oder ein duales Studium starten.

„Bisher sind im Handwerk nur wenige Bereiche betroffen. Der Bedarf an Fachkräften ist daher immer noch groß“, betont Gerhard Brühl, der bei der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg als Hauptgeschäftsführer tätig ist. Aus diesem Grund gehe er davon aus, dass sich die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze im Landkreis nur minimal oder überhaupt nicht verändern werde.

„Es gibt derzeit keinen Grund zur Panikmache“, sagt auch Sybille von Obernitz. Sie ist Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg und betont: „Wir müssen die Situation allerdings im Blick behalten.“

Bereits im April hat die Kreishandwerkerschaft deshalb die Handwerksbetriebe aufgefordert, ihre freien Praktikums- und Ausbildungsplätze zu melden, um interessierten Schulabgängern ein Angebot zu machen. „Corona hat nicht nur die Schulen, sondern auch die Berufsorientierung lahmgelegt, dennoch gibt es gute Chancen für alle Schulabgänger, auch für Abiturienten“, erklärt Kreishandwerksmeister Ulrich Mütze.

Er weist darauf hin, dass die Gehaltsaussichten nach der Ausbildung in vielen Zweigen mit denen eines Bachelorabschlusses vergleichbar oder sogar besser seien. Doch gerade auch Hauptschülern sollen Möglichkeiten gegeben werden. Auch in diesem Jahr zahlt das Land Hessen Zuschüsse an Betriebe, die Hauptschulabsolventinnen und -absolventen direkt nach Schulabgang als Auszubildende einstellen.

„Die Antragsfrist wurde noch einmal bis Ende Juli verlängert“, berichtet Brühl, „somit können Ausbildungsbetriebe auch noch Teile der Sommerferien nutzen, um potenzielle Nachwuchsfachkräfte kennenzulernen und für eine Ausbildung zu gewinnen.“

Das Handwerk bietet den Jugendlichen einen krisenfreien Ausbildungs- und einen heimatnahen Arbeitsplatz. Brühl sagt: „Die Unternehmen denken nicht in Quartalszahlen, sondern darüber hinaus. Das Versprechen eines Ausbildungsplatzes gilt mehr als die Betriebswirtschaftliche Auswertung.“

Die Kreishandwerkerschaft um Hauptgeschäftsführer Gerhard Brühl und Kreishandwerksmeister Ulrich Mütze zeigt sich optimistisch, dass die Handwerksbetriebe auch weiterhin gute Ausbildungsplätze anbieten können.

Ein Beispiel dafür ist dasKorbacher Bauunternehmen Fr. Fisseler, das selbstverständlich an den geplanten Plätzen festhält. „Für dieses Jahr haben wir keinen Ausbildungsplatz streichen müssen“, sagt Geschäftsführer Dr. Michael Plieter, „zurzeit haben wir zehn Auszubildende, die in unterschiedlichen Lehrjahren sind.“

Grundlegende Änderungen innerhalb der betrieblichen Ausbildung habe es zudem nur bedingt gegeben. „Der Berufsschulunterricht ist ausgefallen und ein überbetrieblicher Unterricht am Lehrbauhof konnte nicht stattfinden“, erklärt er, „sonst können die Abzubildenden aber dem gewohnten Berufsalltag nachgehen.“

Allerdings bleibe abzuwarten, wie die die mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind. „In einzelnen Branchen sind bereits Einbrüche zu verzeichnen, diese könnten demnächst das Handwerk und damit einhergehend auch das Baugewerbe betreffen“, betont Plieter, „das hätte dann auch einen direkten Einfluss auf Ausbildungsmöglichkeiten und das Angebot der Unternehmen haben.“

Auftragsnot, die unter anderem auch den Veranstaltungsbereich betrifft. Die Gemündener Firma Depro ist da jedoch eine Ausnahme und erhält noch weiter Aufträge. „Wir haben das Glück, dass wir durch den Betrieb des Autokinos in Marburg genug Arbeit für das auszubildende Personal haben – wenn sich natürlich auch deren Schwerpunkte etwas verschoben haben“, berichtet Matthias Fischer, neben Michael Deuker und Sebastian Schmitt einer der Geschäftsführer des Unternehmens in der Wohrastadt. Wie die zukünftige Entwicklung sei, darüber könne man als Veranstalter schlecht orakeln. Fischer: „Wir hoffen jedenfalls, dass es die Auftragslage auch weiterhin zulässt, dass wir uns der fachlichen Ausbildung widmen können – wobei wir in der Regel nur einen Auszubildenden oder dualen Studenten parallel haben.“

Weit mehr Ausbildungsplätze bietet das Allendorfer UnternehmenViessmann. Derzeit beschäftigt der Betrieb 201 Auszubildende und duale Studenten. Auch dort habe man die Plätze aufgrund derCoronakrise nicht reduzieren müssen.

Um die Auszubildenden zu schützen und Ausbildung und duales Studium dennoch bestmöglich realisieren zu können, seien umfangreiche Vorkehrungen getroffen worden. Die kaufmännischen Auszubildenden sowie ein Großteil der dualen Studenten im Praxiseinsatz arbeiten zurzeit im Mobile-Working-Modus. Dabei werden sie von der Berufsschule, den Ausbildern, den Beauftragten aus den Fachbereichen und den Dozenten der Hochschule betreut.

Die technischen Auszubildenden befinden sich hingegen, aufgeteilt in zwei Gruppen, im wöchentlichen Wechsel zwischen dem „Mobile Working“ und dem technischen Ausbildungszentrum.

Um die Situation auf dem regionalen Arbeitsmarkt zu stabilisieren, baut dieIndustrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg ein Beratungs- und Informationsprogramm mit dem Titel „Ausbildung 2020! Perfect Match #GemeinsamDurchstarten“ auf.

Die Kampagne soll zwischen Betrieben und Bewerbern eine Brücke schlagen. Ziel sei es, die Informationslücke zu schließen, die sich aufgrund der Coronakrise aufgetan hat, betont Hauptgeschäftsführerin Sybille von Obernitz. „Wir möchten möglichst allen Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz in den IHK-Branchen suchen, ein Angebot unterbreiten können“, sagt sie.

Die Industrie- und Handelskammer hat deshalb bereits eine Berufsorientierungs-Hotline eingerichtet, bei der sich Eltern, Schüler und Unternehmen zur Ausbildung in IHK-Branchen beraten lassen können. Die Hotline ist täglich zwischen 9 und 17 Uhr unter der Telefonnummer 0561/7891-300 erreichbar.

Zudem baut die IHK virtuelle Lernangebote aus und bietet branchenbezogene kostenlose Webinare rund um die Themen Berufsorientierung, Bewerbungs- und Auswahlverfahren sowie Ausbildungsablauf und -inhalte für alle Altersgruppen an. Mehrmals die Woche werden dort Seminare veranstaltet. Weitere Informationen und die Möglichkeit, einen Zugang zu beantragen, gibt es auf der Internetseite unter ihk.de.

Obernitz verweist zusätzlich auf die Online-Plattformihk-lehrstellenboerse.de, auf der Ausbildungsplatzsuchenden und Unternehmen freie Stellen recherchieren und einstellen können. Knapp 400 Angebote seien dort derzeit zu finden.

Korbacher Arbeitsagentur bietet auch weiterhin Unterstützung

Auch in Krisenzeiten ist es wichtig, an die Zeit nach der Schule zu denken. Manche Schüler haben noch keine Ideen und benötigen Unterstützung bei der Entscheidung für einen Beruf oder ein Studium. Dabei hilft die Berufsberatung der Agentur für Arbeit Korbach.

Weil die Beraterinnen und Berater derzeit nicht an den Schulen präsent sein können, wurde eineSchüler-Hotline unter 05631/957-158 eingerichtet. Dort können allen Fragen rund um das Thema Ausbildung und Studium gestellt werden. Eine Kontaktaufnahme ist auch per Mail an korbach.berufsberatung@arbeitsagentur.de möglich.

Über das Gespräch mit den Berufsberatern hinaus bietet die Arbeitsagentur auch digital viele Möglichkeiten. Unter arbeitsagentur.de/bildung gibt es Berufe-Videos, Infos rund um die Bewerbung, Selbsterkundungstools und aktuelle Ausbildungsstellen der Region. red

VON SILAS KLÖCKER

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