„Druck auf die Betriebe wächst“

Waldeck-Frankenbergs Kreishandwerksmeister Ulrich Mütze über Digitalisierung und Fachkräftebedarf

Vertritt mit seinen Vorstandskollegen 2000 selbstständige Handwerke in zwölf Innungen: Ulrich Mütze steht seit Mitte Juni an der Spitze der Kreishandwerkerschaft. Foto: Thomas Kobbe

Waldeck-Frankenberg. Der Frankenberger Bauunternehmer Ulrich Mütze hat im Juni das Amt des Kreishandwerksmeisters übernommen. Er vertritt somit rund 2000 selbstständige Handwerkerinnen und Handwerker, die in zwölf Innungen organisiert sind. I

In den Betrieben sind in Waldeck-Frankenberg rund 12 500 Mitarbeiter tätig. Wir sprachen mit dem 58-Jährigen über die aktuelle Lage und die Herausforderungen in der Branche, die sich als „Wirtschaftsmacht von nebenan“ bezeichnet.

Volle Auftragsbücher, allerorts Baustellen, ein elf Millionen schweres Schulsanierungsprogramm, Häuslebauer: Hat das Handwerk derzeit nicht allen Grund, zufrieden zu sein?

Ulrich Mütze: Das Handwerk kann insgesamt zufrieden sein. Definitiv. Das trifft vor allem auf das Bau-Haupt-und -Nebengewerbe zu, dessen Betriebe fast zwei Drittel der Mitgliedschaft ausmachen. Auf der anderen Seite ließe sich einiges noch verbessern. Wenn es um die öffentlichen Aufträge wie bei der Schulsanierung oder beim Straßenausbau geht. Wir können nicht alles im Sommer abarbeiten, sondern brauchen über das Jahr verteilt die Aufträge. Deshalb ist es wichtig, dass diese schon möglichst frühzeitig im Jahr erfolgen. Das fordern wir auch immer wieder ein, wenn wir etwa mit dem Landkreis oder den Bürgermeistern das Thema erörtern. Ich denke da mal vor allem an meine Branche: Vor einigen Jahren wurde der Hochbau mangels Auftragseingängen heruntergefahren. Entsprechend wurden in den Firmen Kapazitäten abgebaut. Nun geht es von null auf hundert wieder nach oben, um die Arbeit zu schaffen.

Aber in dem Fall treffen ja sozusagen zwei Welten aufeinander: Handwerksbetriebe, die nach wirtschaftlichen Kriterien arbeiten müssen und im Wettbewerb stehen und öffentliche Verwaltungen, die auf Bewilligungen und Förderzusagen warten müssen, die von politischen Gremien freigegeben werden?

Mütze: Das ist richtig. Aber die Frage ist ja, welche Rahmenbedingungen die Förderbescheide haben. Zurzeit entstehen die Auftragslücken auch nicht dadurch, dass kein Geld zur Verfügung steht, sondern dadurch, dass die Planungen stellenweise noch in den Kinderschuhen stecken. Hier müsste angesetzt werden, planerisch die Projekte schneller in die Spur zu setzen.

Wo liegen die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Mütze: Der Fachkräftemangel oder positiv ausgedrückt Fachkräftebedarf, ist schon eine wesentliche Herausforderung. Ob durch die fortschreitende Digitalisierung von Arbeitsabläufen und -verfahren dieser Bedarf teilweise kompensiert werden kann, wird sich erst noch zeigen müssen. Beispiel Nahrungsmittelhandwerk: Die Menge und die Vielzahl von Produkten, die der Kunde im Sortiment erwartet, ist enorm. Ohne die notwendigen technischen Voraussetzungen für die Produktion habe ich keine Chance am Markt. Doch die Digitalisierung wird eben gerade in Handwerksberufen an Grenzen stoßen. Sicher kann man manches, aber nicht alles durch Maschinen ersetzen. Weil es den meisten Branchen im Handwerk aber derzeit gut geht, ist der Modernisierungsdruck noch nicht hoch genug, aber er wird wachsen.

Wie macht sich das bemerkbar?

Mütze: Nicht zuletzt durch die Auftraggeber. In meiner Branche ist es längst üblich, dass die Auftraggeber wissen wollen, mit welcher Temperatur das Mischgut auf dem Lkw liegt, wann der Lkw am Einbaugerät ankommt und mit welcher Temperatur das Material dann in den Asphaltfertiger gelangt. Kann ich diesen lückenlosen Nachweis nicht erbringen, bin ich bei der Ausschreibung bereits außen vor. Ob ich will oder nicht: Der Zug der Digitalisierung läuft. Wenn ich nicht mit einsteige, ist er abgefahren.

Was Kreishandwerksmeister Ulrich Mütze über zunehmenden bürokratischen Aufwand, Normen und Sicherheitsbestimmungen sowie Ausbildung sagt, lesen Sie in der gedruckten Dienstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Von Thomas Kobbe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.