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„Leben in der Stadt“ – Fotos von Friedrich Seidenstücker im Arolser Schloss

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Von: Achim Rosdorff

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Momentaufnahmen mit Menschen in Berlin.
Momentaufnahmen mit Menschen in Berlin. © Sibylle Forster / Friedrich Seidenstücker

Unter dem Titel „Leben in der Stadt“ steht eine Ausstellung mit Fotografien von Friedrich Seidenstücker im Bad Arolser Schloss, die noch bis 8. Mai geöffnet ist. 

Friedrich Seidenstücker (1882-1966) zählt zu den bedeutenden Chronisten des Alltagslebens im Berlin der Weimarer Republik. Noch während seines Ingenieurs- und Bildhauereistudiums in Berlin beginnt er im Zoo zu fotografieren. Um 1923 erhält er vom Zoologischen Garten Berlin eine offizielle Fotografiererlaubnis und entscheidet sich für die Lichtbildkunst als Lebensunterhalt.

Eine kleine Patent-Etui-Kamera für das Negativformat 9 × 12 cm ermöglicht ihm unauffälliges Fotografieren, und so macht er schon bald die ersten Aufnahmen außerhalb des Zoos auf den Berliner Straßen. Seine Aufnahmen bietet er den Berliner Verlagen Scherl und Ullstein an und erhält 1930 vom Ullstein-Verlag als freier Bildjournalist ein Engagement.

Leben in der Metropole

Seine atmosphärischen Fotografien, meist entstanden auf seinen Streifzügen durch die Stadt, erzählen von scheinbar beiläufigen Ereignissen und Begebenheiten, vom Sonntagsvergnügen und vom Arbeitsalltag, von Kinderspielen auf der Straße und vom Treiben auf Bahnhöfen und im Zoo. Seidenstücker zeigt, häufig mit humoristischem Blick, die Menschen und das Leben in der Metropole. Seine Aufnahmen machen zugleich die Härten der Großstadtexistenz sichtbar und lassen im Hintergrund immer wieder auch die Gegensätze der sozialen Realität in den Zwischenkriegsjahren durchscheinen.

Stimmungsvolle Fotos von Friedrich Seidenstücker.
Stimmungsvolle Fotos von Friedrich Seidenstücker. © Friedrich Seidenstücker

Die Ausstellung mit 100 Werken aus der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, lädt dazu ein, Friedrich Seidenstücker auf seinen Spaziergängen durch das Berlin vor 100 Jahren zu folgen. Es ist aufmerksamen Historikern, Sammlern und Archivaren zu verdanken, dass Seidenstückers Aufnahmen bis in die vergangenen Jahrzehnte hinein gesichert wurden und veröffentlicht werden können.

Die Kunst des Augenblicks

Bis auf wenige Ausnahmen findet der „Momentknipser“, wie er sich selbst bezeichnete, seine Motive auf der Straße. Seine berühmt gewordenen Aufnahmen der „Pfützenspringerinnen“ respektieren als Bildmetaphern die großstädtische Moderne und urbanes Leben. Mit handlicher Kamera und lichtempfindlichem Objektiv dokumentiert er instinktsicher noch viele weitere Szenen und Gestalten – darunter Kleingewerbler, wie Kofferträger, Kutscher und fliegende Händler, Kindermädchen, Müllarbeiter und Zeitungsverkäuferinnen – bei ihrem täglichen Tun und Handeln, aber auch beim Warten oder Ausruhen.

Einblicke in urbanes Leben - die „Pfützenspringerinnen“ gehören zu den berühmtesten Aufnahmen von Friedrich Seidenstücker.
Einblicke in urbanes Leben - die „Pfützenspringerinnen“ gehören zu den berühmtesten Aufnahmen von Friedrich Seidenstücker. © Friedrich Seidenstücker

So macht sich Seidenstücker auf, seine Bildmodelle an den Wannseestrand oder zur Kirschblüte nach Werder zu begleiten. Sein Lieblingsort ist jedoch der Zoologische Garten. In seinen hier entstandenen Aufnahmen wird nicht nur die Begeisterung der Tiergartenbesucher sichtbar – manchmal scheinen Betrachter und Betrachtete ihre Rollen zu tauschen.

Seidenstückers Fotografien aus den 1920er bis 1940er Jahren sind Bilder des Alltags, frühe Street Photography, die mit zugewandtem Blick und feinem Gespür die Menschen im sozialen Gefüge der modernen Gesellschaft dokumentiert. Mit einem Augenzwinkern vermitteln sie uns heute eine Vorstellung von den Härten und der Mühsal, aber auch von den Sehnsüchten, den kleinen Ablenkungen und den Vergnügungen des Lebens in der Stadt.

Seidenstücker veröffentlicht seine Fotografien von Tieren und Menschen als kommentierte Einzelbilder, Bildcollagen oder Bildstrecken in zahlreichen illustrierten Zeitungen und Magazinen. Bis in die 1950er Jahre bedient er Anfragen für Veröffentlichungen. An seine publizistischen Erfolge der späten 1920er und 1930er Jahre kann er nach dem Krieg jedoch nicht wieder anknüpfen, nach seinem Tod 1966 gerät sein Werk in Vergessenheit.    

Info

Öffnungszeiten: Mi - Sa 14.30 - 17 Uhr, So 11 - 17 Uhr,
Sonntagsführungen ab 11.30 Uhr. Um Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln wird gebeten.
Einlass ins Museum wird nach den aktuellen Corona-Regelungen gewährt.
Weitere Infos gibt es auf www.museum-bad-arolsen.de oder unter Tel. 05691 625734.

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