„Wir sind an Stress gewöhnt“

Lichtenfels: Corona-Tests in Arztpraxen belasten Personal stark

Ein Lächeln auch in schwierigen Zeiten: Claudia Wilhelmi und Carolin Pollmer (von links) sind Medizinische Fachangestellte in der Landarztpraxis von Heike Padberg. Wie viele ihrer Kolleginnen haben sie coronabedingt extrem viel um die Ohren. Sie wünschen sich mehr Anerkennung von der Politik.
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Ein Lächeln auch in schwierigen Zeiten: Claudia Wilhelmi und Carolin Pollmer (von links) sind Medizinische Fachangestellte in der Landarztpraxis von Heike Padberg. Wie viele ihrer Kolleginnen haben sie coronabedingt extrem viel um die Ohren. Sie wünschen sich mehr Anerkennung von der Politik.

Ob Landärztin oder ihre Mitarbeiterinnen: Sie haben seit Corona mehr als alle Hände voll zu tun – so viel, dass es fast über die Kräfte geht und an den Nerven zerrt.

Lichtenfels-Goddelsheim – Obwohl die Sprechstunde längst vorbei ist, klingeln Patienten an der Eingangstür zur Praxis von Heike Padberg in Godddelsheim. „Das Licht war ja noch an“, sagt einer – und ihm wird geholfen.

In den sozialen Medien kursiert ein „Brief von einer MFA an einen Radiosender“. MFA ist die Abkürzung für Medizinische Fachangestellte, vor 2006 lautete die offizielle Berufsbezeichnung Arzthelferin. Organisationstalente, kompetente Mitarbeiterinnen, empathische Helferinnen – ohne sie läuft keine Praxis. In diesem „Brief“ erklärt eine verzweifelte MFA, dass sie durch Corona am Ende ihrer Kräfte sei; MFA würden an forderster Front arbeiten, den Unmut der Patienten abkriegen, teilweise beschimpft und beleidigt, sich jede Stunde einem großen Infektionsrisiko aussetzen – aber im öffentlichen Diskurs einfach vergessen.

Dieses Schreiben sandte Landärztin Heike Padberg in die WLZ-Redaktion – und wir fragten nach bei zwei ihrer Mitarbeiterinnen. Patientendaten aufnehmen, Instrumente und Arzneimittel bereitlegen, der Ärztin bei Behandlungen assistieren, Blut abnehmen, Verbände anlegen, Medikamente und Injektionen verabreichen, Proben im Labor untersuchen, Termine machen, Abrechnungen erstellen. All das gehört zu ihren Aufgaben und damit waren sie schon vor Corona gut ausgelastet. Seit dem Corona-Sommer 2020 aber ist das Verwaltungs- und Organisationspensum extrem gestiegen.

„Die Leute sind nicht mehr so vorsichtig wie am Anfang, es gibt mehr Krankheitsfälle, und jetzt ist nur noch Hektik. Unsere eigentliche Arbeit können wir kaum noch machen“, sagen Carolin Pollmer (41 Jahre) und Claudia Wilhelmi (39). Beide arbeiten schon lange als Medizinische Fachangestellte in der Praxis von Heike Padberg und können nicht alles, aber einiges von dem, was in dem „Brief“ steht, voll unterschreiben.

Klar sei der Praxisalltag in Zeiten von Pandemien herausfordernd und umzustellen, es müsse anders organisiert und gearbeitet werden – doch sei das Pensum aktuell für viele MFA kaum noch zu schaffen: Arztpraxen sind erste Anlaufstelle für Patienten „und das auf dem Lande auch außerhalb der Sprechzeiten, selbst an den Wochenenden“, sagt Claudia Wilhelmi. Das sei auch okay, doch die Organisation ändere sich durch ständig neue oder verändernde Erlasse. „Mitunter werden die Richtlinien von heute auf morgen geändert. Sie im Alltagsgeschäft unter Coronabedingungen in die Praxis einzuführen, ist teilweise sehr aufwendig und braucht Stunden, etwa wenn es um Abrechnungen der Tests geht.“ Die seien ja auch längst nicht für alle gleich, der Verwaltungsaufwand sehr hoch.

Und während Lehrer und Erzieher sich seit langem alle 14 Tage anlasslos und kostenfrei testen lassen könnten, dürften MFA sich erst seit drei Wochen per Schnelltest testen lassen – wobei die Praxis auch noch einen Teil der Kosten übernehmen müsse: „Und dabei sind wir so nah am Patienten, beim Anlegen eines Verbandes oder Blut abnehmen gibt es keinen Abstand, das ist unmöglich“, sagt Carolin Pollmer. „Seit Sommer gibt es permanent so viele Veränderungen, dass es sehr anstrengend ist, natürlich machen wir auch viele Überstunden. Vor zwei, drei Wochen hatten wir fast Tränen in den Augen, weil wir nicht mehr wussten, was wir zuerst machen sollten“, sagt Claudia Wilhelmi – „und dabei sind wir Stress wirklich gewohnt“, unterstreicht sie.

Eine Erleichterung wäre, wenn der Verwaltungsaufwand verringert werde, eine kleine Anerkennung für ihren Einsatz an forderster Stelle, „wenn wenigstens die Kosten für unsere Tests ganz übernommen würden“, sagen Carolin Pollmer und Claudia Wilhelmi – beides Mütter, die darauf hoffen, dass Kindergärten und Schulen geöffnet bleiben und die Kinder versorgt sind.

Doch einen Vorwurf aus dem „Brief“ unterschreiben sie nicht, nämlich dass sie den Unmut der Patienten abbekämen. „Wir leben auf dem Lande, wir kennen uns alle. Die Freundlichkeit, die wir ausstrahlen, die bekommen wir auch wieder – auch, wenn es mal etwas schwerer ist. Wir glauben, die meisten unserer Patienten wissen schon, was wir leisten“.

Abstriche auch am Autofenster 

Der Verwaltungs- und Organisationsaufwand in Arztpraxen ist durch Corona, regelmäßige Tests und sich ständig verändernde Richtlinien deutlich gestiegen. So gebe es zum Beispiel unterschiedliche Abrechnungsverfahren für Lehrer und für Erzieher, jeweils andere Laborscheine, Abrechnungsziffern, Diagnose-Kodierung; Proben müssten per Post an unterschiedliche Stellen geschickt werden. „Teilweise gibt es neue Richtlinien, aber dafür noch keine Abrechnungsziffern – die müssen wir dann alle nachtragen, wenn sie irgendwann vorliegen, das kostet so viel Zeit“, sagt Claudia Wilhelmi. Mit Nachfragen sei beim Gesundheitsamt oder der Kassenärztlichen Vereinigung kaum durchzukommen.

Und das alles neben der Organisation unter Corona-Bedingungen – eine fortwährende logistische Aufgabe: „Im Wartezimmer dürfen derzeit maximal drei Personen Platz nehmen. Alle müssen in den Behandlungszimmern so verteilt werden, dass die Abstandsregeln eingehalten werden oder draußen warten“, erläutert Carolin Pollmer.

„Wer Symptome hat, die auf eine Erkrankung an Covid-19 hinweisen könnten, muss vor der Tür bleiben, dort nehmen wir die Abstriche, teilweise bleiben die Leute auch im Auto sitzen und wir machen die Abstriche durchs Autofenster – das alles wird jedoch immer schwieriger, je kälter es draußen wird“, gibt Claudia Wilhelmi zu bedenken.

Für jeden Patienten würden die Handschuhe gewechselt, das Visier desinfiziert – während Masken und Desinfektionsmittel inzwischen problemlos zu kaufen seien, seien gute Einmalhandschuhe Mangelware, die Preise zum Teil um das Dreifache in die Höhe geschnellt, sagt Claudia Wilhelmi. Wenn die Erkältungswelle kommt, würden die Fälle zur Sicherheit getrennt von den normalen Sprechstunden organisiert.

Die PoC-Antigen-Schnelltests machen die MFA im eigenen Labor selbst, die Abstriche der SARS-Cov-2-Tests für Lehrer und bislang auch Erzieher in Kindertagesstätten und Kindertagespflege müssten über andere Labore laufen. „Wird ein Patient positiv getestet, muss das per Fax ans Gesundheitsamt gemeldet werden und der Patient bekommt dann dort einen Termin im Testzentrum“, erklärt Carolin Pollmer das Prozedere. Von Marianne Dämmer

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