„Wie in der Eiszeit eingefroren“

Lichtenfelser Jugendliche während Corona – Umfrageergebnisse vorgestellt

Leben während Corona – Vertreterinnen und Vertreter des Landkreises Waldeck-Frankenberg und der Stadt Lichtenfels haben Lichtenfelser Jugendlichen im Kreishaus ein Forum für ihre Wünsche und Nöte gegeben.
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Leben während Corona – Vertreterinnen und Vertreter des Landkreises Waldeck-Frankenberg und der Stadt Lichtenfels haben Lichtenfelser Jugendlichen im Kreishaus ein Forum für ihre Wünsche und Nöte gegeben.

Mehr Gehör und Verständnis für ihre Situation, Nöte und Wünsche finden, besonders während der Corona-Pandemie – das möchten Jugendliche in Lichtenfels laut einer Umfrage, die während des jüngsten Lockdowns stattfand.

Waldeck-Frankenberg/Lichtenfels – Am Montagabend stellten die Initiatoren die Ergebnisse vor – und machten Angebote an die Jugendlichen. So will der Landkreis am 21. August einen Sonderzug mit der Kurhessenbahn nach Frankfurt/Main für 250 bis 300 Jugendliche aus ganz Waldeck-Frankenberg chartern. Für die jungen Leute aus Lichtenfels, Vöhl und Frankenau, wo die Corona-Befragung durchgeführt wurde und aktuell wird, soll ein Sonderkontingent bereitgehalten werden, erklärte Landrat Dr. Reinhard Kubat. Die Stadt Lichtenfels plant mehrere Veranstaltungen und Fahrten für ihre Jugendlichen während der Sommerferien. Ohnehin ist in der politischen Diskussion, in der Stadt einen Jugendbeirat einzuführen.

„Die Jugend hat keine Lobby“ sagte einer der fünf jugendlichen Umfrage-Teilnehmer, die auf Einladung von Landrat Dr. Reinhard Kubat ins Kreishaus eingeladen waren, darunter Vertreter der neu gegründeten Jungen Union Lichtenfels. Klar müsse die Wirtschaft laufen, aber die Jungen seien als erstes „ruhig gestellt“ worden. Die Jugend sei „kompromissbereit und leidensfähig, sonst hätten wir das nicht geschafft. Aber jetzt müssen für einen besseren Umgang mit den Jugendlichen auch Schlüsse daraus gezogen werden“. So müsse die „mangelhafte Kommunikation“ besser laufen, und zwar „auf den sozialen Kanälen und in der Sprache der Jugendlichen“.

Homeschooling 2020 „totale Katastrophe“

Die Jugend habe sich solidarisch gezeigt, nun „sollte ihr etwas zurückgegeben werden“, sagte ein anderer Teilnehmer. Homeschooling sei 2020 „eine totale Katastrophe gewesen, 2021 ging es besser“, erklärte eine Teilnehmerin – schlechte Technik, kein W-LAN und einige Lehrer, die mit der Technik nicht umgehen konnten, hätten sehr verärgert.

Sorgen bereite vielen Jugendlichen: „Wie schaffen wir es, den Stoff nachzuholen? Die Last ist groß“, sagte ein Mädchen. „Wir sind seit Corona in unserer Entwicklung wie in der Eiszeit eingefroren“, formulierte ein Teilnehmer, wie sich viele Jugendliche fühlen würden.

Hintergrund: Umfrage „Jugend während der Corona-Pandemie“

Auf Initiative des Lichtenfelser Bürgermeisters Henning Scheele, Jugendarbeiterin Claudia Vach (Evangelische Jugend Lichtenfels-Eisenberg) und Schulsozialarbeiterin Yvonne Pixa (Mittelpunktschule Goddelsheim) fand in enger Zusammenarbeit mit dem Fachdienst Sport und Jugendarbeit des Landkreises Waldeck-Frankenberg während des Lockdowns eine Umfrage unter den 13- bis 17-Jährigen der Stadt Lichtenfels statt.

Knapp 200 Jugendliche wurden im Frühjahr angeschrieben, die Hälfte nahm an der Umfrage teil, „das ist sehr erfreulich“ fasste Matthias Schäfer, Leiter des Fachdienstes Sport, am Montag während der Vorstellung der Ergebnisse zusammen.

Aktuell finden die Umfragen auch in Vöhl und Frankenau statt, weitere Kommunen sollen möglichst folgen. Der Fachdienst Sport und Jugend hat dafür einen erweiterten Fragenkatalog ausgearbeitet, weil er auch gezielt Interessen an Online- und Freizeitaktivitäten erkunden und mehr über die bevorzugten Aktivitäten der Heranwachsenden erfahren möchte, erklärt Andreas Greif, stellvertretender Leiter des Fachdienstes Sport und Jugendarbeit. Die Erkenntnisse und Impulse sollen berücksichtig werden, wenn es um bedarfsgerechte Freizeitprogramme und Bildungsangebote im Landkreis geht, erklärt Fachbereichsleiter Matthias Schäfer. (md)

Schulsozialarbeiterin Yvonne Pixa betonte, sie sei „froh, dass die Stimmen der Jugendlichen gehört werden. Ich wünsche mir mehr Mut, die Auflagen an die Kinder müssen logisch und im Verhältnis bleiben“.

Jugendarbeiterin Claudia Vach sagte: „Ich freue mich, wenn jetzt etwas passiert.“ Sorgen bereite ihr, dass ein Konzept fehle, wie psychische Schäden und der Druck, den die Lockdowns bei den Jugendlichen hinterlassen hätten, aufgefangen werden könnten. „Die Jugend gibt hier eine klare Botschaft an die politischen Entscheidungsträger“, sagte der Lichtenfelser Bürgermeister Henning Scheele.

Landrat Kubat dankte für die offene Diskussion. Er gebe zu, dass die Schulen 2020 technisch noch nicht so gut vorbereitet gewesen seien, doch das sei jetzt besser, „Corona war ein Booster für die Digitalisierung“. Andreas Greif, stellvertretender Leiter des Fachdienstes Sport und Jugendarbeit, rief die Jugendlichen auf: „Tragt raus an eure Freunde, ihre Bürgermeister aufzufordern, Euch in Lösungen einzubinden, damit nicht über Eure Köpfe hinweg entschieden wird“. Weitere Kommunen sind eingeladen, sich der Umfrageaktion anzuschließen, erklärt Matthias Schäfer, Leiter des Fachdienstes Sport und Jugendarbeit. (Hintergrund).

Der Sonderzug nach Frankfurt sei eine „coole Aktion“, und auf die Lichtenfelser Veranstaltungspläne, die mit den Jugendlichen ausgearbeitet werden, reagierte ein Teilnehmer: „Es ist das erste Mal seit langem, dass die Stadt mal etwas für uns macht“. » 

Umfrageergebnisse: Freunde fehlen am meisten

Bei der Lichtenfelser Befragung, die der Fachdienst Sport und Jugend durchgeführt hatte, äußerten sich etwas mehr Jungen als Mädchen und vor allem Jüngere. Die meisten seien während des Lockdowns „irgendwie zurecht“ gekommen. „Nöte und Probleme gab es dennoch“, erklärte Matthias Schäfer, Leiter des Fachdienstes Sport und Jugendarbeit beim Landkreis, bei der Vorstellung der Ergebnisse am Montagabend im Kreishaus.

Mit Homeschooling seien Mädchen besser klar gekommen als Jungen. Den Wunsch, wieder in die Schule gehen zu können, hätten fast alle geäußert. Am meisten gefehlt hätte den Jugendlichen soziale Kontakte (66 Prozent), und Freizeitmöglichkeiten wie gemeinsames Sporttreiben (78). Nach dem Lockdown nannten die meisten Freunde treffen, Sport, Kino und Schwimmbad als größte Wünsche.

Unter „was ich sonst noch loswerden möchte“, schrieben die Teenager Sätze wie „Es geht einfach alles auf die Psyche, nur zuhause zu sein“ oder „Jugendliche werden in dieser Zeit ziemlich vernachlässigt. Wir Kinder bekommen keine Hilfen und werden alleine gelassen.“

„Die Bundesregierung/Länderchefs entscheiden komplett falsch. Sie sollten ein paar Monate knallhart einen Lockdown machen und mehr darauf achten, dass sich jeder dran hält!!!“. „Ich bin dankbar für die Umfrage! Vielleicht können die Ergebnisse veröffentlicht werden, sodass unsere Belange auch öffentliche Aufmerksamkeit erlangen.“

„Durch die Corona-Pandemie darf ich jetzt die neunte Klasse wiederholen, weil ich mit dem Distanzunterricht nicht klar kam. Und somit nicht die gebrauchte Förderung und Hilfe hatte“.

„Ich finde es doof, dass die ganze Zeit nur über Erwachsene und Corona-Pandemie geredet wird. Wir Jugendlichen spielen für „die alten“ Politiker gar keine Rolle“. Von Marianne Dämmer

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