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Mehr als 4000 Chefs in Waldeck-Frankenberg gesucht

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Von: Julia Janzen

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Betrieb weiter in Familienhand: Karsten Metz hat die Bäckerei seines Schwiegervaters Uwe Metz übernommen. Bei fast 20 Prozent der Handwerksbetriebe und gut 40 Prozent der Unternehmen im Landkreis steht in den kommenden fünf Jahren ein Inhaberwechsel an. 
Betrieb weiter in Familienhand: Karsten Metz hat die Bäckerei seines Schwiegervaters Uwe Metz übernommen. Bei fast 20 Prozent der Handwerksbetriebe und gut 40 Prozent der Unternehmen im Landkreis steht in den kommenden fünf Jahren ein Inhaberwechsel an.  © Archivbild: Christina Zapf

Bei fast 20 Prozent der Handwerksbetriebe und gut 40 Prozent der Unternehmen im Landkreis Waldeck-Frankenberg steht in den kommenden fünf Jahren ein Inhaberwechsel an. Doch in vielen Branchen fehlt es an Nachwuchs, zudem haben weniger Menschen Interesse an Existenzgründungen. Das macht die Suche nach einem Nachfolger schwer.

Waldeck-Frankenberg - Gut 2000 Handwerksbetriebe gibt es in Waldeck-Frankenberg und bei knapp 400 davon sind die Chefs 62 Jahre und älter, zeigen Zahlen der Handwerkskammer Kassel. Bei den Unternehmen ist der Bedarf an Nachfolgern noch größer: Mehr als 11 000 Mitgliedsbetriebe hat die IHK in Waldeck-Frankenberg und rund 3700 davon sollen in den kommenden fünf Jahren übergeben werden, sagt Carolin Dobersch, Leiterin des IHK Servicezentrums im Landkreis.

„Bei jedem dritten Unternehmen gibt es Probleme, eine Nachfolge zu finden“, sagt sie. Am Ende würden deutschlandweit gar 48 Prozent ohne Nachfolger dastehen. Zu den Branchen, in denen es leichter sei, einen Übernehmer zu finden, gehörten Industriebetriebe, schwieriger sei es dagegen bei Gastronomie, Hotel und Handel, vor allem im ländlichen Raum, so Dobersch.

Auch im Handwerk gibt es Branchen, in denen die Suche nach einem neuen Inhaber leichter fällt. Dazu gehöre beispielsweise der Bereich Bau und Ausbau, speziell Sanitär, Heizung und Klima, ebenso Elektro, sagt Steffen Wiesenberg, Berater der Handwerkskammer Kassel und unter anderem zuständig für Waldeck-Frankenberg. Schwieriger sei es im Bereich Lebensmittel. Auch das Friseurhandwerk und der Bereich Kfz gehören aus Sicht von Gerhard Brühl, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, zu den Branchen, in denen sich die Suche schwieriger gestalte.

Carolin Dobersch, Leiterin des IHK Servicezentrums im Landkreis
Carolin Dobersch, Leiterin des IHK Servicezentrums im Landkreis © PR

Viele aus der Generation der Babyboomer würden in den Ruhestand gehen, durch den hohen Bedarf an Fachkräften fehle es aber an Kandidaten zur Übernahme, so Wiesenberg. Gerhard Brühl spricht von einem Teufelskreis: „Weil es weniger Auszubildende gibt, fehlen die Betriebsübernehmer der Zukunft.“ Unter Umständen könne es sogar zu Schließungen kommen, sagt Steffen Wiesenberg.

Bäckerei bleibt in der Familie

Dass Karsten Metz den Bäckereibetrieb seines Schwiegervaters Uwe Metz übernehmen würde, war seit Jahren klar. Anfang diesen Jahres war es dann soweit: Der 40-Jährige ist seitdem neuer Chef der Bäckerei Metz in Gemünden-Grüsen mit rund 40 Angestellten. Los ging es für ihn zunächst aber mit einem Haufen Papierkram.

Schon im vergangenen Sommer hatten Uwe und Karsten Metz zahlreiche Briefe geschrieben: Zulieferer, Versicherungen, Krankenkasse, Steuerberater informierten sie darin über den anstehenden Wechsel zum Jahresbeginn. „Doch das hätten wir uns sparen können, wir mussten am Anfang des Jahres alles noch einmal machen“, sagt Karsten Metz. Denn: Viele Empfänger hätten das Schreiben zwar zur Kenntnis genommen, seien trotzdem aber nicht tätig geworden. Anfang des Jahres musste Karsten Metz deshalb noch einmal viel Zeit im Büro verbringen, aber der Steuerberater habe ihm dabei viel Arbeit abgenommen. „Und jetzt läuft alles.“

Der Bäckermeister hat seinem Schwiegervater den Betrieb in Grüsen mit insgesamt sieben Filialen abgekauft und „quasi eine neue Firma gegründet“. Zu den Angestellten in der Bäckerei gehört auch sein Schwiegervater. „Er ist für mich ein Ansprechpartner, den ich nicht missen will,“ sagt Karsten Metz.

Ursprünglich hatte der 40-Jährige geplant, die Bäckerei seines Vaters – Schäfer in Bad Wildungen – zu übernehmen. Doch der Senior löste den Betrieb auf, der Junior suchte sich eine neue Wirkungsstätte. Im Jahr 2009 kam er schließlich zur Bäckerei Metz, vier Jahre später machte er seinen Meister, seit 2018 waren er und seine Frau Prokuristen des Betriebs.

Wenn Karsten Metz nicht übernommen hätte, „hätte mein Schwiegervater noch drei Jahre weitergemacht, er ist jetzt 62, und hätte den Betrieb dann aufgelöst und das Gewerbe abgemeldet“. Extern hätte er nicht nach einem Nachfolger gesucht.

Dass es ohnehin für viele Bäckereien schwierig ist, einen Nachfolger zu finden, weiß Metz. Das hängt auch mit dem mangelnden Interesse am Beruf zusammen. Gerne würde er wieder ausbilden, doch Azubis finden sich nicht. Die Arbeitszeit beginne zwar um 1 Uhr in der Nacht, dafür sei aber auch um 7 Uhr Schluss und man habe den Rest des Tages für sich.

Bis zu fünf Jahre für Suche nach Nachfolger

Die Nachfolge im Betrieb oder Unternehmen regeln – „das ist eine große Aufgabe“, sagt Carolin Dobersch, Leiterin des IHK-Servicezentrums. Viele würden den Aufwand unterschätzen. Drei bis fünf Jahre sollten eingeplant werden, rät sie. Dabei komme es zwar auch auf das Unternehmen an, „doch drei Jahre sind das Minimum“.

Ein Knackpunkt sei der demografische Wandel: „Die Unternehmer werden älter, der Nachwuchs fehlt. Dadurch wird das Finden eines Nachfolgers schwieriger“, sagt Dobersch.

Eine Rolle spielten auch Rahmenbedingungen wie Mobilität, der Breitband- und Mobilfunkausbau sowie finanzielle und steuerliche Hürden. In Branchen wie Gastronomie, Handel oder Hotellerie sei die Stammkundschaft ausgedünnt, Fachkräfte fehlen, die Arbeitsbelastung sei groß, der Wettbewerbsdruck ebenso. All das bedeute ein „hohes unternehmerisches Risiko“.

Zudem habe die Neigung zur Existenzgründung abgenommen, sagt Dobersch. Die Work-Life-Balance stehe häufiger im Fokus. Zum Thema Nachfolge bietet die IHK sogar einen Podcast an, ebenso regelmäßige Sprechtage.

„Wir steuern auf eine Phase zu, in der es mehr Ruheständler gibt als Übernehmer“, sagt Steffen Wiesenberg, Berater der Handwerkskammer Kassel in Waldeck-Frankenberg. Zudem würden auch gut ausgebildete Fachkräfte in die Industrie abwandern. Damit gebe es weniger Kandidaten für eine Übernahme im Handwerk.

Viele würden am liebsten innerhalb der Familie den Betrieb übergeben, aber auch im Mitarbeiterkreis suchen. Das sei durchaus „einfacher und erfolgversprechender“, da der Übernehmer dann bereits Betrieb und Kunden kenne. Eine Rolle spiele auch der Kaufpreis. „Und das ist ein häufiger Streitpunkt“, sagt Barbara Eckes von der Wirtschaftsförderung Waldeck-Frankenberg. Das bestätigt auch Gerhard Brühl, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Die Wertermittlung sei ein „schwieriger Part“. Psychologisch sei bedeutend, dass es oft um das Lebenswerk gehe, das übergeben werden soll, sagt Brühl. „Bei vielen hängt das Herz am Unternehmen,“ sagt Carolin Dobersch. Das Loslassen falle da schwer.

Hintergrund: Betriebe und Unternehmen im Landkreis

In den rund 2000 Handwerksbetrieben im Landkreis arbeiten etwa 12 400 Menschen, darunter knapp 1000 Lehrlinge. Die häufigsten Betriebe gibt es im Friseurhandwerk (179), Kfz-Technik (156), Tischler (144) und Elektrotechnik (125). Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat in Waldeck-Frankenberg rund 11 200 Mitglieder, darunter 358 aktive Ausbildungsbetriebe mit derzeit rund 1600 Auszubildenden im gewerblichen und kaufmännischen Bereich.

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