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Mehr Pleiten bei Firmen, weniger Verbraucherinsolvenzen

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Gestellte Szene in der Korbacher Beratungsstelle des Frankenberger Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes. Er bietet kreisweit eine soziale Schuldner- und Insolvenzberatung  an. Sabine Syllwasschy ist die zuständige Beraterin für Korbach und Umgebung. Mit im Bild: eine Kollegin. In der Korbacher DRK-Beratungsstelle: Sabine Syllwasschy hilft Verbrauchern, Wege aus den Schulden zu finden.
In der Korbacher DRK-Beratungsstelle: Sabine Syllwasschy hilft Verbrauchern, Wege aus den Schulden zu finden. © Karl Schilling

Mehr Regelinsolvenzen bei Firmen als im Vorjahr, aber weniger Verbraucherinsolvenzen - so sah bislang der Trend in Waldeck-Frankenberg aus. Doch angesichts der Kostenexplosion rechnen Fachleute auch bei Privatleuten mit einem Anstieg der Überschuldungen.

Waldeck-Frankenberg – Für die Insolvenzverfahren der Waldeck-Frankenberger sind gleich drei Amtsgerichte zuständig: Korbach deckt weite Teile Waldecks ab, Bad Wildungen und Edertal sind Fritzlar zugeordnet, die Verfahren aus dem Frankenberger Land übernimmt Marburg – Fritzlar und Marburg weisen nur Zahlen für ihren gesamten Gerichtsbezirk aus.

Weniger Verbraucherinsolvenzen

Bei den Verbraucherinsolvenzen kommt Korbach dieses Jahr bis zum 31. Oktober auf 60 beantragte Verfahren – nach 96 im Vorjahr, Fritzlar hatte bis Mitte November 98 beantragte Verfahren – nach 147 im Vorjahr. In Marburg waren es Ende Oktober 191 eröffnete Verfahren – 54 weniger als 2021.

Der Vergleich mit den Vorjahren ist nur bedingt möglich, weil es einen Sondereffekt gab. Dafür sorgte das Gesetz zur schrittweisen Verkürzung des Restschuldbefreiungsverfahrens. Verbraucher haben damit die Chance, sich in drei statt bisher in sechs Jahren zu entschulden. Dies habe im vorigen Jahr eine „Insolvenzwelle“ ausgelöst, beschreibt die Kreditauskunftei Creditreform.

2020 hätten sich Verbraucher mit Blick auf die anstehende Gesetzesreform mit Insolvenzanträgen noch zurückgehalten – die Fallzahlen gingen deutlich zurück. Nach Inkrafttreten der neuen Regeln zum 1. Oktober 2020 sei die Zahl der Anträge nach oben geschnellt, im ersten Halbjahr 2022 habe sich die „Welle“ wieder abgeschwächt. Dieser Trend lässt sich auch aus den Zahlen der drei Amtsgerichte ablesen.

Persönliche Schicksalsschläge

Die Schuldnerberaterin Sabine Syllwasschy vom  Frankenberger Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes sieht selten eine schlechte Haushaltsführung bei Schuldnern, meist führten persönliche Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit zu einer Überschuldung. Und immer mehr Senioren kämen mit ihrer Rente nicht mehr hin. 

DRK bietet Schuldnerberatung für Privatleute

Seit 2019 bietet der Frankenberger Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes kreisweit eine soziale Schuldner- und Insolvenzberatung an. Dafür stehen in Bad Wildungen, Frankenberg, Korbach drei qualifizierte Fachfrauen und eine Verwaltungsmitabeiterin bereit. Das Land, die Kreisverwaltung und der Europäische Sozialfonds finanzieren die Beratung.

Sprechstunden werden nach Bedarf und telefonischer Terminvereinbarung angeboten. Sprechzeiten sind am Dienstag und Donnerstag von 9 bis 11 Uhr.

Bad Wildungen und Bad Arolsen: Telefon 06451 / 2308143,

Korbach: Telefon 05631 / 9213603,

Frankenberg: Telefon 06451 / 2308145.

Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Kreisverbandes.

Auch ihre Kollegin Uta-Larissa Christmann berichtet, zu den häufigsten Gründen einer Überschuldung zählen Krankheit, Trennung / Unterhaltsverpflichtung, Jobverlust und ein längerfristiges Niedrigeinkommen. „Die gesamtwirtschaftliche Lage treibt diese Spirale auf die Spitze. Besonders betroffen sind alle Gruppen, die über keine Berufsausbildung oder ein niedriges Ausbildungsniveau verfügen, sie sind den Widrigkeiten der Arbeits- und Wirtschaftswelt in besonderem Maße ausgeliefert.“

Steigende Fallzahlen befürchtet

Der Beratungsbedarf sei bereits während der Pandemie spürbar gestiegen, erklärt Christmann. „Er steigt stetig weiter und geht über inhaltliche Fragen zum Budget, Pfändungsschutz und der Insolvenzberatung deutlich hinaus.“ Zu den neueren Entwicklungen zähle, dass vermehrt Leute mit mittlerem Einkommen die Beratungsstellen aufsuchten. „Diese Zunahme hängt mit der steigenden Inflationsrate zusammen.“

Die stark gestiegenen Verbraucherpreise und Energiekosten führten „sicherlich nachgelagert zu einer weiteren Steigerung“ der Insolvenzen. „Das zeichnet sich bereits deutlich ab.“

Mehr Regelinsolvenzen bei Firmen

Bei den Unternehmensinsolvenzen machte das Statistische Bundesamt bereits Mitte November einen Anstieg aus: Im Oktober seidie Zahl der Verfahren gegenüber September um 18,4 Prozent angewachsen. Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen sank hingegen gegenüber dem August vorigen Jahres um 6,9 Prozent.

Bei den Firmen scheint etwas in Bewegung zu geraten: Mitte Oktober hatte das Bundesamt noch von einem Rückgang der Regelinsolvenzen berichtet: Von August zu September war die Zahl der Verfahren um 20,6 Prozent gesunken. Doch bereits im August lagen die Zahlen der Amtsgerichte mit 1147 beantragten Insolvenzen um 11,5 Prozent über dem Wert vom August des vorigen Jahres.

Sondereffekte der Corona-Zeit

Bei den Firmen gibt es wegen der Corona-Zeit Sondereffekte, die einen Vergleich der Vorjahreszahlen erschweren. So war die Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen während der Corona-Pandemie von März 2020 bis Anfang 2021 ausgesetzt. Außerdem gaben Bund und Länder Milliarden für Corona-Hilfen aus, um gerade geschlossene Betrieb liquide zu halten.

Die Lage in der Wirtschaft entwickelte sich unterschiedlich. Manche Betriebe konnten fast normal weiterarbeiten, andere hatten wegen der Pandemie mit Materialengpässen zu kämpfen – wegen immer neuer Lockdowns in China sind die Lieferketten bis heute gestört. Und mache Betriebe etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe mussten über Monate ganz schließen.

Die Kreditauskunftei Creditreform hält fest, gerade junge Unternehmen, Kleinunternehmer und Freiberufler habe der Corona-Lockdown getroffen. Zum Teil seien ihnen Geschäftsmodelle die weggebrochen.

Hohe Kosten, weniger Kundennachfrage

Fachleute rechneten bereits mit einem weiteren Anstieg der Firmenpleiten. Höhere Materialpreise, eine Inflationsrate jenseits der zehn Prozent, die Energiekrise mit Mondpreisen für Strom, Öl und Gas: Manch Unternehmer hat mit immer höheren Rechnungen zu kämpfen – während sich Verbraucher mit Blick auf die Preise und ihre nächste Heizkostenabrechnung in Kaufzurückhaltung ergehen.

Und manche Unternehmen haben die Folgen der Corona-Pandemie mit ihren Beschränkungen noch nicht verkraftet. Als Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine entstand gleich die nächste Wirtschaftskrise. Wie die Statistiker des Bundes berichten, war das Baugewerbe mit 198 Fällen am stärksten betroffen – gegenüber August 2021 lag der Anstieg bei 4,2 Prozent. Der Handel – einschließlich Kfz-Werkstätten – folgte mit 167 Verfahren.

Trend spiegelt sich im Kreis wider

Die Daten der drei Amtsgerichte spiegeln den Bundestrend mit wenigen Abweichungen wider. So lagen die Regelinsolvenzen in Korbach und Marburg mit 32 und 58 Fällen schon zum 31. Oktober über den Zahlen des gesamten Vorjahres, in Fritzlar waren es bis Mitte November mit 50 eröffneten Verfahren 16 Fälle weniger als 2021.

Graphik: Regelinsolvenzen und Verbraucherinsolvenzen von 2019 bis 2022, aufgeschlüsselt nach den Bezirken der drei Amtsgerichte Korbach, Fritzar und Marburg.
Regelinsolvenzen und Verbraucherinsolvenzen von 2019 bis 2022, aufgeschlüsselt nach den Bezirken der drei Amtsgerichte Korbach, Fritzar und Marburg. © Martin Wendt/WLZ

Wirtschaftslage verschärft Insolvenzentwicklung

Die Analysten von Creditreform schätzen, die schlechten Wachstumsvorhersagen für die Wirtschaft, der Preisauftrieb und die beginnende Zinswende dürften „nicht ohne Folgen für die Insolvenzentwicklung bleiben“.

Das Statistische Bundesamt mahnt zudem, nicht allein die Zahl der Insolvenzen zu betrachten: „Die Insolvenzstatistik spiegelt nur eine, wenn auch besonders gravierende Form der Geschäftsaufgaben wieder. Viele Geschäftsaufgaben erfolgen jedoch schon früher.“ -sg-

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