Eine sportliche Liebe zur Heimat

Michael Imhof radelte zu allen 199 Orten in Waldeck-Frankenberg

Der Frankenberger Rad-Enthusiast Michael Imhof hat den gesamten Landkreis mit dem Fahrrad befahren. Knapp anderthalb Jahre nahm er sich dafür Zeit. Das Bild entstand bei einer Rast in Volkmarsen. Er sitzt im Schneidersitz vor seinem Fahrrad
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Verschnaufpause: Der Frankenberger Rad-Enthusiast Michael Imhof hat den gesamten Landkreis mit dem Fahrrad befahren. Knapp anderthalb Jahre nahm er sich dafür Zeit. Das Bild entstand bei einer Rast in Volkmarsen. Foto: Michael Imhof/nh

Alle 199 Orte im Landkreis Waldeck-Frankenberg hat Michael Imhof besucht. Alle mit dem Fahrrad, ohne fremde Hilfe, ganz allein. Seine Triebfeder: die Liebe zur Heimat und zum Sport.

Michael Imhof hat die letzten Meter vor sich. Das Ortsschild von Lengefeld ist in Sichtweite. Der 57-Jährige tritt kräftiger in die Pedalen seines Sequoias, ein Gravelbike mit Stahlrahmen. Der Schweiß rinnt unter dem Helm die Schläfen herab. Der Atem geht schwerer: Jetzt nur nicht schlappmachen!

Noch wenige Umdrehungen, dann ist es endlich soweit: Imhof erreicht diesen Korbacher Stadtteil – und hat somit etwas ganz Besonderes geschafft: Er hat alle 199 Orte in Waldeck-Frankenberg beradelt. Der Radsportler dürfte damit einer der wenigen Menschen sein, die alle Städte, Gemeinden und Dörfer in unserem Landkreis gesehen haben. Wenn nicht sogar der einzige.

„Als ich Lengefeld erreichte, war ich erstmal stolz und glücklich, mein Ziel erreicht zu haben. Denn selbst wenn der Weg noch so schön ist, am Ende will man ankommen und ein gesetztes Ziel erreichen“, schildert der gebürtige Frankenberger.

Dieses Ziel hatte sich der Rad-Enthusiast Ende 2018 gesetzt. Am 2. Januar 2019 ging es los. Bis zum folgenden Sommer wollte er alle Orte in Waldeck-Frankenberg mit dem Rad aufgesucht haben. Titel der Tour: „Ortsschild-Challenge Waldeck-Frankenberg.“ In jedem Ort sollte ein entsprechendes Foto als Beleg gemacht werden.

Nun, das hatte er bis zum Sommer 2019 nicht geschafft. Es gab einen Durchhänger, die Motivation litt, die Puste ging aus. Aber nach einer Pause packte ihn wieder der Ehrgeiz: „Was ich angefangen habe, das bringe ich auch zu Ende.“

Was für den einen vielleicht als spinnerte Idee galt und für den anderen allein aus kräftemäßiger Sicht nicht umsetzbar erschien, stellte für den Familienvater einen gehörigen Reiz dar. Immerhin ist der Weltmeister im Figurbodybuilding ein Sportler durch und durch: „Früher habe ich Fußball und Tennis gespielt, aber seit 20 Jahren bin ich Einzelsportler. Wandern, Laufen, Krafttraining, Triathlon und Langstreckenradeln sind meine Lieblingssportarten.“ Da wundert es auch nicht, dass der Maschinenbauingenieur bei Viessmann in Allendorf/Eder regelmäßig mit dem Rad zu seinem Arbeitsplatz fährt.

Bei so viel sportlicher Grundsubstanz war für die Ortsschild-Challenge somit auch elektrotechnische Unterstützung ausgeschlossen. Das Rad wurde ausschließlich mit reiner Muskelkraft angetrieben. Meistens war er mit seinem Lieblingsfahrrad – dem Specialized Sequoia – unterwegs, aber auch sein Cannondale-Synapse-Rennrad und seine Stahl-Randonneuse kamen zum Einsatz.

Imhof räumt ein, die ungewöhnliche Idee abgekupfert zu haben: „Jemand anderes hatte anderswo eine vergleichbare Challenge mit Landkreisen absolviert und Landkreisschilder fotografiert. Das hat mich inspiriert – ich war fasziniert! Außerdem liebe ich meine Heimat und stelle immer wieder fest, dass es noch viel zu entdecken gibt. Deshalb habe ich beides miteinander kombiniert.“

Waldeck-Frankenberg ist geprägt durch eine Mittelgebirgslandschaft mit großen Wäldern sowie vielen großen und kleinen Gewässern. Ein Traum für jeden Radfahrer, wenn man nicht den Anspruch hat, ein lückenlos ausgebautes Radwegenetz vorzufinden. Michael Imhof hat während seiner Tour viel Neuland entdeckt: malerische Orte, tolle Radstrecken, traumhafte Aussichten und nette Menschen.

Start war stets in Frankenberg, wohin er auch immer wieder zurück radelte. 1650 Kilometer hat er bei seinen 23 Touren abgespult. Insgesamt 84,23 Stunden netto, also ohne Pausen gerechnet, saß Imhof im Sattel. Mit Pausen waren es 113,16 Stunden. Durchschnittsgeschwindigkeit: 19,6 km/h. Wenn es vermeidbar war, war er nicht auf Bundesstraßen unterwegs: „Auf den Landstraßen konnte ich die Natur besser genießen. Wälder, Berge, Seen und Flüsse – ein Traum.“

Auch die Nacht hat für den Radsportler ihren speziellen Reiz, „denn da entwickelt sich ein ganz besonderes Empfinden. Man ist im Einklang mit sich selbst und der Natur. Sonnenuntergang und Sonnenaufgang auf dem Rad zu erleben, ist traumhaft. Und wenn man müde wird, sucht man sich für ein Nickerchen ein Bushäuschen, wenn das Zelt nicht aufgebaut werden kann.“

Hunger und Durst stellten kein größeres Problem dar: „Hauptsächlich versorgte ich mich an Tankstellen. Aber ich hatte auch immer was dabei wie Butterbote, Nüsse und Trockenobst sowie reichlich Wasser.“ Und wenn das Wasser mal ausgegangen war, dann gab es zur Not auch mal Friedhöfe, um etwas nachzuzapfen, zum Beispiel in Diemelstadt-Wrexen.

Auch wenn Imhof stets allein unterwegs war, gab es doch auch Kontakte mit den Menschen. Es fanden sich die eine oder andere nette Begegnung mit Einwohnern. In Diemelsee-Vasbeck fragte Imhof eine Familie, die es sich auf ihrem Hof gemütlich gemacht hatte, nach dem nächstgelegenen Friedhof mit Wasserstelle. „Wozu, zum Blumengießen oder zum Trinken?“, wollte sie wissen, freundlich und zugleich belustigt. „Wasser zum Trinken kriegst du bei uns und auch ein Bier, wenn du möchtest.“ Man kam ins Gespräch und plauderte ein Weilchen miteinander.

So ganz ohne technische Probleme verlief die Challenge allerdings doch nicht. Drei Mal hatte er platt gefahren, und gleich beim ersten Mal musste ihn seine Frau Beate kurz hinter Willersdorf abholen, weil er nicht das passende Werkzeug an Bord hatte, um das Hinterrad auszubauen. In Neu-Berich hatte sich nachts die Kette im Umwerfer verklemmt, aber mit Geduld und etwas beherztem Zupacken konnte Imhof das Problem beheben. „Einen Moment lang dachte ich, die Tour sei zu Ende und ich müsse meine Frau wieder aus dem Bett klingeln.“ Darüber, dass seine Ehefrau Beate ihn unterstützt, sei er glücklich. Ansonsten war er ohne nennenswerten Defekt und sturzfrei durchgekommen.

Imhof ist stolz, dass er sein gesetztes Ziel nun erreicht hat. Zugleich bedauert er aber, sich an manchen Orten nicht genug Zeit genommen zu haben, um länger zu verweilen und noch mehr Fotos zu machen oder mit Einheimischen zu reden – so wie in Vasbeck. Dieser Gedankengang sei aber der einzige Wermutstropfen, wenn man es denn so nennen möchte.

Auch wenn diese „Tour de Waldeck-Frankenberg“ nun beendet ist, klingt sie noch nach. Michael Imhof: „Mir ging durch den Kopf, dass es sich lohnen würde, einen Radreiseführer für den Landkreis zu erstellen, vielleicht sogar mit Videoaufnahmen aus der Luft, wo ich die schönsten Strecken noch mal abfahre und mich von einer Drohne filmen lasse.“

Waldeck-Frankenberg ist abwechslungsreich, reizvoll, lebens- und liebenswert: Dies hat Michael Imhof ein ums andere Mal erfahren. Seine Botschaft: „Bevor man die weite Welt bereist, sollte man erstmal die eigene Heimat kennenlernen!“

Fotogalerie: randonneurimi.de/2020/06/06/waldeck-frankenberg-meine-heimat-und-mein-radrevier/

Eckdaten zur Ortsschild-Challenge

Zeitraum: 2. Januar 2019 bis 28. Mai 2020

22 Gemeinden

199 Ortschaften

23 Touren

1650 Kilometer

20 452 Höhenmeter

84:23:30 Stunden Fahrzeit netto (ohne Pausen)

113:16:02 Stunden Fahrzeit brutto (mit Pausen)

19,6 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit

16 Kilometer bis 232 Kilometer Streckenlänge (Mittelwert 72 Kilometer)

1:05 Stunden bis 25:53 Stunden Fahrzeit brutto (Mittelwert 4:55 Stunden)

0:58 Stunden bis 12:59 Stunden Fahrzeit netto (Mittelwert 3:40 Stunden)

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