HNA-Geschichtsserie „Blick zurück“

Vor 80 Jahren begann Deportation der Juden aus Kreis Frankenberg

Letztes erhalten gebliebenes Familienbild: Die Gemündener Familie mit Mutter Berta („Bella“) Strauß, geb. Andorn, Sohn Berthold Ludwig, Tochter Grete und Vater Isaak („Issi“) Strauß wurde am 9. Dezember ins Ghetto Riga deportiert. Berthold wurde nach mehreren Lageraufenthalten in einem Kohlentender auf See von Engländern gerettet. Repro: Karl-Hermann Völker
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Letztes erhalten gebliebenes Familienbild: Die Gemündener Familie mit Mutter Berta („Bella“) Strauß, geb. Andorn, Sohn Berthold Ludwig, Tochter Grete und Vater Isaak („Issi“) Strauß wurde am 9. Dezember ins Ghetto Riga deportiert. Berthold wurde nach mehreren Lageraufenthalten in einem Kohlentender auf See von Engländern gerettet. Repro: Karl-Hermann Völker

Der Zug auf Gleis 13 des Kasseler Hauptbahnhofs am 9. Dezember 1941 trug die Nummer „Da 36“ und hatte vom Reichssicherheitshauptamt des NS-Regimes, der Zentrale antisemitischer und rassistischer Verfolgung und Vernichtung, den zynischen Fahrplannamen „Gesellschafts-Sonderzug“ bekommen.

Frankenberger Land - In Abteilwagen 3. Klasse waren 1034 „zugeführte“ jüdische Männer, Frauen und Kinder aus den Landkreisen des Regierungsbezirks Kassel zusammengepfercht, darunter 27 aus dem damaligen Kreis Frankenberg. Mit diesem Transport wurde vor 80 Jahren die systematische Verschleppung der jüdischen Bevölkerung über Ghetto-Zwischenstationen in die Vernichtungslager auch in Nordhessen eingeleitet, zwei weitere Deportationen folgten 1942. Von den Deportierten dieses ersten Kasseler Transportes überlebten nur 100 Menschen.

Schon im November 1941 hatten die Landräte unter dem Vermerk „Geheim“ den Auftrag zur Organisation der „Juden-Umsiedelung“ mit Einziehung des Vermögens bekommen. Noch eine Woche vor Abfahrt wurde bei den Betroffenen der Eindruck erweckt, dass sie an ihrem Deportationsziel „Ghetto Riga“ einen Wohnsitz und Arbeitsmöglichkeiten erhalten würden, weshalb durchaus etwa auch Nähmaschinen mitzunehmen seien.

Für solche Güter und das Gepäck der Menschen, die bereits am 8. Dezember 1941 in Kassel in der Turnhalle der Schillerschule gesammelt worden waren, hatte man besondere Waggons angehängt, die aber kurz vor Abfahrt abgekoppelt wurden und stehen blieben.

„Brutalität und Grausamkeit“

Geld, Eheringe, Schmuck und andere Wertsachen hatten die aus ihren Heimatorten vertriebenen Juden gleich, begleitet von Fußtritten und Beschimpfungen, bei Ankunft in Kassel verloren. „Alle wurden in einer Turnhalle gesammelt, und da fingen schon Brutalität und Grausamkeit an“, berichtete der aus Altenlotheim verschleppte Günther Strauß später. „Auch die Kennkarte wurde weggenommen und abgestempelt mit ‚Evakuiert nach Riga’. Und danach gab es eine grauenvolle körperliche Untersuchung nach eventuellen versteckten Sachen.“

Das Ghetto war wenige Monate zuvor in einem ärmlichen Vorort der lettischen Hauptstadt Riga auf Befehl der deutschen Besatzer für 30 000 Juden auf nur 9 000 Quadratmetern mit einem hohen Drahtzaun abgetrennt worden und nun mit seinen verfallenen Häusern völlig überfüllt.

Mit Stacheldraht eingezäunt: Die mehr als 1000 verschleppten Juden aus Nordhessen erwartete im Dezember 1941 im lettischen Riga ein Ghetto-Viertel in völlig desolatem Zustand, wie dieses

Die aus Kassel Verschleppten hatten einen eigenen Bereich, dessen Häuser noch heute in Riga existieren. Um „Platz“ für die aus dem Deutschen Reich Deportierten zu bekommen, waren am 30. November 1941, dem „Rigaer Blutsonntag“, 25 000 dort untergebrachte lettische Juden unter der Aufsicht der SS in einen Wald getrieben und erschossen worden.

Für arbeitsfähige, selektierte Ghettobewohner gab es Zwangsarbeit auch außerhalb der Einzäunung, viele andere verhungerten, immer mehr, auch Kinder und Kranke, wurden nach Auschwitz abtransportiert und umgebracht. Im November 1943 wurde das Ghetto Riga geräumt. Von den aus dem Kreis Frankenberg dorthin Verschleppten überlebten nach Todesmärschen und unglaublichen Rettungsaktionen die Jugendlichen Günther Strauß aus Altenlotheim, Ludwig Strauß aus Gemünden/Wohra und Hans Isenberg aus Battenberg den Holocaust.

Aus fünf Orten wurden 27 Personen verschleppt

Aus 40 Orten Nordhessens wurden am 9. Dezember 1941 über 1000 jüdische Menschen in das Ghetto Riga deportiert, darunter 27 Personen aus fünf Gemeinden aus dem Altkreis Frankenberg.

Aus Altenlotheim mussten vier ausreisen: Bernhard und Ida Strauß, 50 und 59 Jahre alt, mit ihren beiden Söhnen Rudolph (18) und Günther (12).

Aus Battenberg: Gustav und Bertha Isenberg, 45 und 41 Jahre alt, mit ihren drei Kindern Hans (11), Ilse (9) und Marion (6). Mit ihnen teilte auch die Mutter von Frau Isenberg, die 71-jährige Regine Stern, ihr Schicksal im Holocaust.

Aus Battenfeld: das Ehepaar Menny und Alma Lehrberger mit drei Töchtern Margot (15), Irene (14) und Gertrud (9).

Aus Gemünden: das Ehepaar Isaak und Bella Strauß mit seinen beiden Kindern Grete (15) und Berthold Ludwig (16), außerdem die 43-jährige Schwester von Frau Strauß und Tante der Kinder, Bessy Andorn.

Aus Oberasphe: Sophie Katten mit ihrer Tochter Grete (19) und den 13-jährigen Zwillingen Manfred und Erika. Ihr Mann war zu dieser Zeit im Lager Breitenau inhaftiert, ebenso auch der Mann von Martha Stern, sodass auch diese 48-Jährige mit ihren beiden Kindern Fritz (17) und Meta (15) die Reise in den Tod allein antreten musste.

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