1. Startseite
  2. Lokales
  3. Frankenberg / Waldeck

Nach schweren Unfällen: Auch Lokführer leiden unter psychischen Belastungen

Erstellt:

Von: Klaus Jungheim

Kommentare

Zusammenstoß einer Lok mit einem Pkw: Wie auf diesem Symbolbild hat dies für den Autofahrer oft gravierende Folgen bis hin zum tödlichen Ausgang. Aber auch der Lokführer ist nachhaltig betroffen. Seine weitere Fahrtauglichkeit gerät in Gefahr. Er muss intensiv psychologisch betreut werden.
Zusammenstoß einer Lok mit einem Pkw: Wie auf diesem Symbolbild hat dies für den Autofahrer oft gravierende Folgen bis hin zum tödlichen Ausgang. Aber auch der Lokführer ist nachhaltig betroffen. Seine weitere Fahrtauglichkeit gerät in Gefahr. Er muss intensiv psychologisch betreut werden. © Archiv: Andreas Rother/nh

Rund 20.000 Lok- und Triebfahrzeugführer steuern bundesweit Züge der Deutschen Bahn (DB). Sie erleben statistisch gesehen alle 20 Jahre einen Unfall auf der Schiene mit tödlichem Ausgang – in einem 45-jährigen Berufsleben etwa zweimal. Zugrunde gelegt wird eine jährliche Unfallrate von rund 700 Fällen in Deutschland.

Waldeck-Frankenberg – Vor wenigen Tagen ereignete sich ein solch tragischer Unfall auf der Eisenbahnstrecke Korbach-Frankenberg. Zwischen Ederbringhausen und Viermünden erfasste am Montagmittag ein Triebwagen einen Traktor. Der Zusammenstoß ereignete sich auf einem unbeschrankten Bahnübergang. Für den 57-jährigen Traktorfahrer aus Viermünden kam jede Hilfe zu spät, er starb noch an der Unfallstelle. Die Ermittlungen zur Unfallursache laufen intensiv, schilderte Kriminalhauptkommissar Dirk Richter, Sprecher der Polizeidirektion in Korbach, gestern auf HNA-Anfrage. Ein Gutachter sei eingeschaltet.

Nach einem derartigen tödlichen Bahnunfall sind, wie jetzt auch in Viermünden, das Leid der Angehörigen und die Anteilnahme sehr groß. Über den psychischen Zustand des betroffenen Lok- bzw. Triebwagenführers wird in solchen Fällen in der Öffentlichkeit aber oft bis gar nicht gesprochen.

Er hatte vor dem Unglück in der Regel noch versucht, durch ein sofort eingeleitetes Bremsmanöver einen Zusammenstoß zu verhindern. Oft vergeblich. Eine solche menschliche Grenzerfahrung führt bei ihm meistens zu tiefen psychischen Belastungen. Mit gravierenden Folgen.

Das sagt die Deutsche Bahn

Wie verfährt die Deutsche Bahn nach einem Unfall wie jetzt in Viermünden mit dem betroffenen Mitarbeiter? Dies wollten wir von dem Konzern wissen. Eine entsprechende HNA-Anfrage beantwortete die Abteilung Regionalbüro Kommunikation für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland ausführlich. Daraus zitieren wir nachfolgend auszugsweise:

„Direkt nach einem Bahn-Unfall mit tödlichem Ausgang werden betroffene Mitarbeiter vor Ort unmittelbar von einem Notfallmanager bzw. durch Personal für die psychologische Erste Hilfe professionell betreut. Lok- bzw. Triebwagenführer werden bei Personenunfällen ausnahmslos von einem Kollegen abgelöst und nach Hause begleitet. Und bleiben solange außer Dienst, bis die aus dem Ereignis resultierenden Belastungsreaktionen bei ihnen abgeklungen sind“, heißt es in der Auskunft.

Bei den späteren ersten Fahrten nach dem Wiedereintritt in den Dienst habe der Lokführer die Möglichkeit, sich von einem Gruppenführer, einer Vertrauensperson oder einem Psychologen begleiten zu lassen. „Für eine intensivere Nachbetreuung betroffener Mitarbeiter stehen ebenfalls Ärzte sowie Psychologen zur Verfügung.“ Die Fachkräfte haben nach DB-Angaben umfassende Erfahrung mit der Betreuung und könnten gegebenenfalls Spezialisten am Wohnort des Mitarbeiters benennen.

Ziel auch der intensiven Nachbetreuung sei es, die Risiken für eine mögliche posttraumatische Belastungsstörung zu verringern: „Betroffene werden dazu individuell von Ärzten und Psychologen beraten, um Spätfolgen vorzubeugen und die bei Therapiebedarf geeigneten externen Psychotherapeuten zu vermitteln.“

Individuell abgestimmte Therapie

Entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung, erhalte der Lok- bzw. Triebwagenführer über die gesetzliche Unfallversicherung eine individuell abgestimmte Therapie. Sollte sie aber nicht anschlagen: „Wird ein Lokführer aufgrund der Folgen einer Traumatisierung und trotz Therapie dauerhaft fahruntauglich geschrieben, kann er innerhalb der DB in eine andere Tätigkeit wechseln.“ Laut Deutsche Bahn sind davon pro Jahr rund 20 Lok- bzw. Triebwagenführer betroffen.

Bei wie vielen Bahn-Mitarbeitern die posttraumatische Belastungsstörung die Hauptursache für eine Berufsunfähigkeit darstellt und wie oft andere psychische Erkrankungen eine Rolle dafür spielen, dazu machte die DB aus Datenschutzgründen keine Angaben.

Vorbeugende Maßnahmen während Ausbildung

Die Prävention – die gedankliche Auseinandersetzung mit den Folgen eines möglichen traumatischen Ereignisses – ist sowohl Teil der Ausbildung als auch des Fortbildungsunterrichts bei der DB.

Lok- und Triebfahrzeugführer sowie Zugbegleiter werden durch ein Team von Psychologen geschult, wie sie mit belastenden Ereignissen umgehen können. Mit Videosequenzen und Gesprächen werden solche Situationen gedanklich intensiv durchgespielt. Das Seminar ist Pflicht in der Berufsausbildung.

Geschult werden nach weiteren DB-Angaben auch diejenigen, die im Not- oder Krisenfall in direktem Kontakt zu den Lok- und und Triebfahrzeugführern stehen. Zum einen sind das Ersthelfer, Notdienste, Disponenten, Leitstellenmitarbeiter; sie haben in der Regel den ersten Kontakt zu den betroffenen Mitarbeitern. Außerdem bildet die Deutsche Bahn auch Vorgesetzte, Mitarbeiter der Personalabteilung und kollegiale Laienhelfer fort, die als „Vertrauensleute“ ihren Kollegen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Hilfe bei Wiedereingliederung am Arbeitsplatz

Die Deutsche Bahn verfügt über ein umfassendes Betreuungsprogramm zur Vermeidung posttraumatischer Belastungsstörungen für Mitarbeiter, die während ihrer Tätigkeit traumatischen Ereignissen ausgesetzt sein können. Betroffene Mitarbeiter erfahren nach Konzernangaben umfassende Hilfe durch ein Team von vielen in psychischer Erster Hilfe geschulter Kollegen. Dazu gehören derzeit 35 Psychologen sowie Betriebsärzte der sogenannten ias-Gruppe, die zu Deutschlands führenden Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement gehört. Das Programm besteht aus Prävention, Maßnahmen in der Akutsituation, Maßnahmen in der Nachsorge, Unterstützung der Wiedereingliederung am Arbeitsplatz. Die Richtlinie gilt unternehmensweit für Lokführer sowie für alle Mitarbeiter, die Opfer von beruflich bedingter Traumatisierung werden.

Auch interessant

Kommentare