Lesung und viele Gespräche

Nahbar und offen: Altbundespräsident Joachim Gauck beim Literarischen Frühling

Joachim Gauck nimmt sich beim Literarischen Frühling Zeit für Gespräche. Darüber freuen sich auch die Korbacherinnen Christa Kraushaar, Ulla Maurer und Elisabeth Schröder-Schmoll (von links). 
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Joachim Gauck nimmt sich beim Literarischen Frühling Zeit für Gespräche. Darüber freuen sich auch die Korbacherinnen Christa Kraushaar, Ulla Maurer und Elisabeth Schröder-Schmoll (von links). 

Sie sind fast nicht zu sehen. Diskret im Hintergrund, aber doch immer dort, wo man alles im Blick hat. Die Wandelhalle in Bad Wildungen ist am Donnerstagnachmittag von Personenschützern und Polizisten innen und außen gut bewacht.

Jeder der Besucher ist mit Namen gelistet, muss neben allen Coronabestimmungen auch seinen Ausweis vorzeigen.

In zwei langen Schlangen warten die Besucher geduldig und haben Zeit, untereinander schon über den Bundespräsidenten a.D. zu sprechen. „Ich bin gespannt, was für ein Mensch das ist. Das ist so ein interessanter Mann. Er war ein wirklich guter Bundespräsident“, heißt es unter anderem. Außerdem wird ihm „Zuverlässigkeit“ attestiert – Gauck sei auch jemand, der für eine klare Wertevermittlung bekannt sei.

Die Erwartungen an den früheren Bundespräsidenten sind hoch – doch Gauck kann sie von Anfang an erfüllen. Der 81-Jährige schafft es, mit Wortwitz, Scharfsinn, Besonnenheit und natürlich politischem Geist, 180 Menschen vom ersten Moment an zu fesseln. Es ist still in dem großen Saal, wenn er spricht. Der Zwischenapplaus ist kurz, keiner möchte den nächsten Satz verpassen. „Toleranz – einfach schwer“ heißt sein Buch – „und wenn etwas schwer ist, muss man dafür kämpfen und streiten“, sagt Joachim Gauck.

Großes Interesse: Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck nimmt sich Zeit, seine Bücher zu signieren.

Gefällt es ihm, wie im Bundestag gestritten und gekämpft wird? „Ach wissen Sie, ohne Auseinandersetzung ist gute Politik nicht möglich. Ein Boxer geht ja auch nicht in den Ring, um zu töten. Er will nur siegen, und das wollen die Politiker auch. Die Grenze ist dort, wo man jemanden mit Worten vernichten möchte“, lautet die Antwort auf unsere Frage.

Für Christa und Reiner Lutsch aus Edertal war der Nachmittag der Höhepunkt des Literarischen Frühlings „Diese Lässigkeit war einfach toll. Man spürt, dass sein Glaube ihm hilft, Toleranz zu leben. Man wünscht sich mehr Politiker im Bundestag, die mit so viel Verstand und Menschlichkeit ihr Amt wahrnehmen“, sagt Reiner Lutsch.

Gut gelaunt bei der Lesung: Joachim Gauck (links) spricht über Toleranz. Hans-Werner Kilz, ehemaliger Chefredakteur des Spiegel und der Süddeutschen Zeitung, moderiert.

Genau diese Verbindung von sachlicher Auseinandersetzung und Emotionen, die er immer wieder als Triebfeder seines Handelns sieht, lässt ihn so nahbar und offen erscheinen. „Mein ganz persönliches Erlebnis zu diesem Thema ist sicher 1989“, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Überall erlebten wir damals, wie Mut, Fantasie und Kraft eine demokratische Öffentlichkeit schufen. Es waren bei allem politischem Willen so viel Menschlichkeit und Gefühl zu spüren. Das vergisst man nicht.“

Zum Bedauern aller muss die Veranstaltung am Nachmittag pünktlich beendet werden, denn schon eine Stunde später stehen die nächsten Besucher Schlange. Joachim Gauck nimmt sich dennoch Zeit, seine Bücher zu signieren und mit einigen Besuchern ins Gespräch zu kommen.

Christa Kraushaar, Ulla Maurer und Elisabeth Schröder-Schmoll, drei Freundinnen aus Korbach, werden wohl noch lange an diesen Tag denken. Ausführlich konnten sie sich mit dem ehemaligen Bundespräsidenten über ihre persönlichen Geschichten rund um die Einheit unterhalten. Ihr Fazit ist klar: „Ein Supertyp, hochpolitisch und trotzdem verständlich, überhaupt nicht langweilig. Er hat auch so viele Emotionen angesprochen. Wir hätten ihm gerne noch länger zugehört.“

Von Barbara Liese

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