Interview zum Jahreswechsel

Wie man Erfahrungen mit Corona für 2021 nutzen kann

Wünsche zu Silvester sind in diesem Jahr durch Corona geprägt. So macht der Impfstoff Hoffnung, dass bald wieder Normalität einkehrt.  
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Wünsche zu Silvester sind in diesem Jahr durch Corona geprägt. So macht der Impfstoff Hoffnung, dass bald wieder Normalität einkehrt.

Neues Jahr – neues Glück? Zu Silvester sehen viele die Chance, ihre Ziele im neuen Jahr anzugehen. Privatdozent Dr. Florian Metzger, Ärztlicher Direktor des Vitos-Klinikums Haina, gibt Tipps, mit welcher Einstellung wir den Jahreswechsel begehen können.

Die weihnachtliche Gemütlichkeit ist vorüber. Die Sorgen und Ängste, was das neue Jahr bereithalten mag, bleiben. Was hilft beim Neustart?

Die Grundeinstellung! Natürlich werden uns durch die Corona-Krise Sorgen und Ängste auferlegt. Es liegt aber an uns, worauf wir unseren Blick wenden. Auch außerhalb der Corona-Krise gibt es genügend Gründe für Sorgen und Ängste vor der Zukunft – aber auch viel Anlass für Hoffnung und freudige Erwartung für das neue Jahr. Das ist eine Frage der Betrachtungsweise: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Insofern hilft der Gedanke an bevorstehende schöne Ereignisse oder das Erreichen von Meilensteinen, die aktuelle Tristesse zu vertreiben.

Was ist aus Ihrer Sicht die klügere Entscheidung: auf das vergangene Jahr mit dem Ausbruch des Coronavirus zurückblicken, um damit abzuschließen, oder sich allein auf das hoffentlich gute neue Jahr konzentrieren?

Beides ist wichtig – aber jeweils von zwei Seiten, also mit positiven und negativen Aspekten. Ein Rückblick auf das vergangene Jahr 2020 hilft, seine Erwartungen für 2021 auf dem richtigen Niveau anzusetzen. 2020 war zwar ein schwieriges Jahr, aber nicht alles war schlecht: egal ob im privaten oder im öffentlichen Leben, es gibt im Rückblick auch Positives und wenn es nur der weitestgehend maßvolle Umgang mit der Pandemie oder die allenfalls geringe Übersterblichkeit ist. Oder dass wir mit einer vor einem Jahr noch schleppenden Digitalisierung einen Sprung nach vorne gemacht haben. Wir können mit den Erfahrungen des Jahres 2020 mit einer berechtigten Hoffnung auf ein besseres Jahr 2021 blicken – ohne die Realität aus den Augen zu verlieren.

An der Sinnhaftigkeit von Neujahrsvorsätzen scheiden sich die Geister. Kann es dennoch hilfreich sein, sich für den weiteren Umgang mit dem Coronavirus einige solcher Gedanken zu notieren?

Den Beginn eines Jahres zum Anlass zu nehmen, um schlechte oder nicht mehr zeitgemäße Gewohnheiten abzulegen, ist zunächst sinnvoll. Wichtig dabei ist, sich keine unrealistischen Vorsätze vorzunehmen, sondern sich Ziele zu setzen, die mit angemessener Anstrengung zu schaffen sind. Außerdem sollte der Weg zu den Zielen beeinflussbar sein, damit die Ziele nicht durch äußere Umstände unerreichbar werden. Es macht also keinen Sinn, sich vorzunehmen, weniger am Computer zu sitzen, wenn gleichzeitig auf Homeoffice umgestellt wurde und Besprechungen nur noch als Videokonferenzen stattfinden. Insofern muss man bei den Vorsätzen darauf achten, sich keine Ziele zu setzen, die durch eine Änderung der politischen oder infektiologischen Situation sinnlos werden.

Ein neues Jahr ist auch ein neuer Anfang und viele sind eher bereit, an ihrer Einstellung zu arbeiten. Mit welcher Einstellung lässt sich am geschicktesten durch das zweite Corona-Jahr manövrieren?

Wir brauchen in einer solchen Situation ein gutes Gleichgewicht aus Akzeptanz und Mut zur Entscheidung. Manches können wir nicht ändern, dementsprechend macht es keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen oder in Panik zu verfallen – beides raubt uns Energie. Diese sollten wir besser für die Bereiche nutzen, in denen der Energieeinsatz Sinn macht. Jeder kann für sich das Wissen um Infektionsketten und Umgang mit Infektionswahrscheinlichkeiten benutzen, um im Alltag überlegte und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen – jenseits von gleichgültigem Leichtsinn oder panikartiger Angst. Zum Beispiel dafür, ob es sinnvoll ist, eine Besprechung in Präsenz oder virtuell durchzuführen oder einen Besuch bei einem Menschen einer Risikogruppe persönlich zu machen. Mit einer klugen Entscheidung nach Abwägen der Vor- und Nachteile können wir gestalten. Damit erleben wir uns der Pandemie nicht ausgeliefert und müssen aber auch nicht in Aktionismus verfallen, sondern wir haben echte Handlungsoptionen.

Seit fast einem Jahr wird unsere Normalität auf den Kopf gestellt. Ostern, Geburtstage und auch Weihnachten haben wir unter Pandemiebedingungen erlebt. Wird 2021 dadurch leichter?

Ja, natürlich wird es leichter. Allein schon deshalb, weil unsere gewohnten Routinen jetzt schon nicht mehr funktionieren. Die Pandemie hat manche unzeitgemäße Struktur beendet, und uns gleichzeitig gezeigt, für welche uns wichtige Punkte wir neue Wege finden müssen. Aber auch, was uns in der bisherigen Form etwas bedeutet und was wir davon nach der Pandemie wiederhaben wollen. Wir wissen jetzt, wie sich ein Geburtstag ohne große Feier anfühlt. Umso mehr freue ich mich ganz persönlich auf die nächste Familiengeburtstagsfeier – auch wenn ich noch nicht weiß, wann sie stattfindet.

Zur Person

Dr. Florian Metzger

Privatdozent Dr. Florian Metzger (42) ist Ärztlicher Direktor des Vitos Klinikums Haina. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie leitet seit 2019 die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Spezialisiert ist er unter anderem auf die Behandlung von psychischen Erkrankungen in der zweiten Lebenshälfte. Vor seinem Wechsel nach Haina wirkte Dr. Metzger am Universitätsklinikum in Tübingen, wo er weiterhin einen Lehrauftrag hat und wissenschaftlich tätig ist.

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