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Neue Klimastrategie für Waldeck-Frankenberg ist gestartet

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Von: Philipp Daum

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Ederseeschule in Herzhausen
Ederseeschule in Herzhausen: Dort soll eine Nahwärmezentrale entstehen. Auch Häuser im angrenzenden Wohngebiet sollen bei Bedarf von dem Nahwärmenetz erschlossen werden.  © Philipp Daum

Der Landkreis Waldeck-Frankenberg hat in diesen Tagen den Startschuss gegeben, um seine neue Klimastrategie umzusetzen.

Wie berichtet, hat sich der Kreis das ehrgeizige Ziel gesetzt, Waldeck-Frankenberg bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu machen – also noch 15 Jahre früher, als es die EU für Europa angekündigt hat (siehe Hintergrund).

In den zurückliegenden Wochen hat der Landkreis daher die ersten Schritte unternommen.

Zunächst wurde die Stabsstelle Klimaschutz mit dem Fachdienst Umwelt zum neuen Fachdienst Umwelt- und Klimaschutz zusammengeführt. „Somit werden Klimaschutzaspekte nicht nur in bau-, naturschutz- und umweltrechtlichen Genehmigungsprozessen von vorn herein mitgedacht. Klimaschutz wird so auch zu einem der zentralen Baustein in Bauleitplanungs- und Beteiligungsverfahren sowie zu einem wichtigen Aspekt bei der Beratung von Kommunen und Bauherren“, sagt Landrat Jürgen van der Horst. Durch die Anbindung an den Fachdienst, die Nutzung der gleichen Fachsoftware und eine gemeinsame Umwelt- und Klimaschutzstrategie sollen Genehmigungsprozesse zudem deutlich verkürzt werden.

Dafür sei der Fachdienst bereits personell verstärkt worden. „Ein Bauingenieur für Klimatechnik und ein Umweltingenieur werden in den nächsten Wochen ihre Arbeit aufnehmen – und aus den bereits in den vergangenen Monaten erarbeiteten, zukunftsweisenden Überlegungen ein praxisbezogenes Klimaschutzkonzept mit konkreten Zielen und Maßnahmen erarbeiten“, berichtet Ralf Enderlein, Leiter des Fachdienstes Umwelt und Klimaschutz.

Jürgen van der Horst, Landrat
Jürgen van der Horst, Landrat © PR

„Wir möchten ein ganzheitliches Konzept entwickeln und ein interkommunales Klimaschutzmanagement etablieren, in das wir alle Städte und Gemeinden, Initiativen, Vereine und Partner aus Industrie und Wirtschaft mit einbeziehen“, erklärt Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese. Eine Wende in den Bereichen Mobilität, Energie, Industrie, Konsum, Ernährung, Bauen und Wohnen könne man nur gemeinsam anstoßen. Daher arbeite der Kreis unter anderem eng mit dem Verein „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“ zusammen.

Nahwärme, Netzwerk, Nachhaltigkeit

Für Jürgen van der Horst steht fest: „Kommunen, Energieversorger, Unternehmen, Vereine, öffentliche Träger und landwirtschaftliche Betriebe verfolgen gemeinschaftlich das Ziel, Waldeck-Frankenberg bis 2035 klimaneutral zu machen.“

Wie wichtig hierbei der seit Herbst 2021 bestehende Verein „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“ ist, betonte der Landrat beim Pressegespräch mit unserer Zeitung mehrfach.

Vereinsvorsitzender ist Prof. Dr. Markus Pfuhl, die Geschäftsführung hat Tim Oberlies inne. Beide gaben einen Einblick in die bisherige und künftige Arbeit des Vereins, dessen Mitglieder – aktuell sind es 105 – aus der heimischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kommen. Außerdem stellten Pfuhl und Oberlies erste Projekte vor. Die Kernbotschaft hierbei lautet: Alle Bürgerinnen und Bürger in Waldeck-Frankenberg sollen beim Weg in die ab 2035 anvisierte Klimaneutralität mitgenommen werden.

Prof. Dr. Markus Pfuhl, Vorsitzender des Vereins „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“
Prof. Dr. Markus Pfuhl, Vorsitzender des Vereins „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“ © PR

„Wir verstehen uns als zuverlässiger Unterstützer vor Ort, der Projekte vorantreibt und gleichzeitig auch Katalysator ist. Wir wollen alle voneinander lernen und flankieren das ganze deswegen auch mit Weiterbildungsmaßnahmen“, betont Pfuhl. Entscheidend sei, Kompetenzen und Perspektiven zu bündeln, um gemeinsam die Ziele zum Klimaschutz in Waldeck-Frankenberg zu erreichen.

Tim Oberlies wies in diesem Zusammenhang auf die geplante, energetische Sanierung der Ederseeschule in Herzhausen hin. Dort soll zukünftig mit Nahwärme geheizt werden. „Wir haben das ganze aber ebenfalls zum Anlass genommen, um mit der Gemeinde, den Ortsvorstehern und Einwohnern in den Dialog zu treten und zu eruieren, ob man auch den unmittelbar angrenzenden Straßenzug in das Nahwärme-Versorgungsnetz aufnehmen könnte“, sagt der Geschäftsführer des Vereins „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“.

Es sei also ganz gezielt danach gefragt worden, wer in diesem Quartier die Wärmeversorgung in seinem Haus in Zukunft umstellen wolle. „Entsprechend haben wir natürlich auch die notwendigen Infos dazu geliefert und das gesamte Vorhaben genau erklärt“, berichtete Oberlies. Am Ende hätten von 18 Anwohnern direkt 16 gesagt, sie seien sehr interessiert an diesem Nahwärme-Projekt, welches seinen Ursprung in der Schule habe. Weitere Gespräche würden nun folgen, um das Projekt umzusetzen.

Tim Oberlies, Geschäftsführer des Vereins „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“
Tim Oberlies, Geschäftsführer des Vereins „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“ © Gerold Hinzen/PR

Neben Klimaschutz-Vorhaben im Bestand gibt es laut Oberlies auch Neubau-Projekte, die für den Verein „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“ im Sinne der Vernetzung immens wichtig seien. „Hier ist ein Bauprojekt mit mehr als 40 Wohneinheiten in Waldeck nahe des Golfplatzes zu nennen, bei dem der Bauträger – eine Investorengruppe – von Anfang an sagt: Wir müssen darauf achten, das gesamte Neubauquartier so nachhaltig wie möglich zu versorgen“, berichtete der Geschäftsführer des Vereins. Jeder, der dort einen Bauplatz erwerben wolle, müsse sich diesem Konzept „in gewisser Weise auch unterwerfen“. „Wir sind auch hier unterwegs und profitieren von dem Wissen der Experten, die in den Gesprächsrunden zu dem Projekt zusammenkommen.“ So lerne der Verein weiter dazu.

Darüber hinaus suche der Verein den Schulterschluss mit der heimischen Wirtschaft. „Wir haben in Waldeck-Frankenberg zahlreiche Unternehmen – darunter mittelständische Betriebe, Konzerne und Kleinst-Unternehmen – die alle vor Herausforderungen stehen, aber auch Potenziale haben. Beispielhaft sei hier das Thema Abwärme genannt“, sagte Tim Oberlies.

Der Verein wolle die Unternehmen bei sämtlichen Fragen rund um den Klimaschutz und die Klimaneutralität eng begleiten. „Wir bringen hierfür alle Parteien zusammen, damit diese sich in verschiedensten Runden austauschen können“, betonte der Geschäftsführer.

Klimabilanz für Waldeck-Frankenberg wird erstellt

Ein zentraler Aspekt bei der Klimastrategie des Landkreises ist die Erstellung einer Klimabilanz für Waldeck-Frankenberg. „Wir bauen jetzt das Klimaschutzmanagement auf. Einer der ersten Schritte darin wird die Erarbeitung der Klimabilanz und der Methodik dahinter sein. Wir wollen wissen, wo genau wir stehen“, sagte Landrat Jürgen van der Horst und fügte hinzu: „Wir ahnen, dass dies nicht in einem halben Jahr abgeschlossen sein wird, da wir viele Protagonisten berücksichten müssen. Aber bis zum Ende der zweijährigen Förderperiode sollte die Bilanz fertig sein.“

Was der Landkreis relativ schnell machen könnte, wäre laut Prof. Dr. Markus Pfuhl die Erstellung einer CO2-Bilanz für die jeweiligen Kommunen. „Hier misst einfach jede Stadt und Gemeinde ihren Energieverbrauch. Jetzt gibt es aber beispielsweise in Korbach noch die Firmen Conti und Weidemann. Diese sind dann bei dieser Bilanz gar nicht mit berücksichtigt“, erläuterte der Vorsitzende des Vereins „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“.

Folglich sei die Erarbeitung einer Gesamt-Klimabilanz für Waldeck-Frankenberg deutlich aufwendiger. „Hier gibt es einfach noch keine Systematik, die das berücksichtigt. Die Aufgabe besteht jetzt darin, die firmenspezifischen CO2-Bilanzen mit der Gesamtregion in Verbindung zu bringen“, so Pfuhl.

Hintergrund: Klimaneutralität in Europa 

Klimaneutralität heißt nach Definition der Europäischen Union, ein Gleichgewicht zwischen Kohlenstoffemissionen und der Aufnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre in Kohlenstoffsenken herzustellen. Die wichtigsten natürlichen Kohlenstoffsenken, die CO2 entfernen, sind Böden, Wälder und Ozeane. Hauptproduzenten von CO2 sind Energiewirtschaft, Industrie, Gebäude und Verkehr. Mit dem Green Deal soll Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent werden, der so viele CO2-Emissionen beseitigt, wie er produziert.

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