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Korbacher Hilfsorganisation versorgt Dorfbewohner an der Front

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Von: Marcus Althaus

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Ein ukrainischer Soldat zeigt Matthias Floreck und Tobis Weber (r.) die Reste einer russischen Rakete.
Ein ukrainischer Soldat zeigt Matthias Floreck und Tobis Weber (r.) die Reste einer russischen Rakete. © Matthias Floreck

Der Projektkoordinator LOGOS Global Vision war erneut mehrere Tage in der Ukraine unterwegs, um die bereits seit Kriegsbeginn angelaufenen sowie neuen Projekte der heimischen Hilfsorganisation vor Ort in Augenschein zu nehmen und schildert uns seine Erlebnisse.

Korbach/Odessa - Der russische Krieg in der Ukraine prägt mittlerweile auch die westlichsten Regionen des Landes. „Überall ist der Krieg gegenwärtig“, berichtet Matthias Floreck. „Schon kurz nach dem polnischen Grenzübergang stehen Panzersperren am Straßenrand. Man sieht Menschen die Tarnnetze herstellen. Bilder und Plakate mit patriotischen Botschaften und Aufrufen zum Widerstand prägen das Stadtbild von Lwiw.“ Das war bei seinem letzten Besuch im Mai noch nicht so.

Die Panzerwracks, die nach den Kämpfen um Kiew, zum Straßenbild gehörten, sind mittlerweile auch alle abtransportiert. Dafür ist im Westen und bei Kiew mehr zerstörte Infrastruktur zu sehen. Große Fabriken, die von Raketen getroffen wurden, ausgebrannte Tankstellen und zerschossene Häuser und Straßenzüge.

Der Alltag im Westen des Landes gleiche ansonsten vordergründig einer gewohnten Normalität. Menschen sind in den Straßen und Cafés unterwegs. Allerdings sei das Kriegsgeschehen in jedem Gespräch Thema. „Jeder kennt jemanden, der gefallen ist, getötet wurde oder geflüchtet ist“, so Floreck.

Er geht davon aus, das auf jeden Geflüchteten, der ins Ausland floh, mindestens zwei Geflüchtete im Westen der Ukraine nach Schutz suchen. „Es ist eine Faustregel, die sich in vergangenen Krisen bewahrheitet hat.“

Auf seinem Weg nach Odessa ist eine App sein ständiger Begleiter. Sie warnt vor Luftangriffen. Die Stadt am Schwarzen Meer ist trotz Frontnähe noch voller Leben. Allerdings drückt die ständige Angst spürbar auf die Psyche der Menschen.

Die sozialen Medien seien in dieser Situation Fluch und Segen zugleich. „Lebenswichtige Informationen, wie geänderte Frontverläufe und Angriffe werden geteilt, aber auch Propaganda, Falschmeldungen und verstörende Bilder des Krieges“, beschreibt Floreck.

Mit diesem Hilfstransporter fuhr Matthias Floreck von Korbach bis nach Mariansk.
Mit diesem Hilfstransporter fuhr Matthias Floreck von Korbach bis nach Mariansk. © Matthias Floreck

Gemeinsam mit Ivan, einem russischen Helfer, Sergej, einem Ukrainer, und Tobias aus der Schweiz, macht sich Matthias Floreck auf den Weg in die Kampfzone. Zwei Kleintransporter mit Lebensmitteln soll noch bewohnte Dörfer an vorderster Front versorgen. Die Route über Feldwege wird ebenfalls via sozialen Netzwerken auf ihre Sicherheit überprüft. Die Transporter müssen ständig in Bewegung bleiben, weil Drohnenangriffe jederzeit möglich sind.

Eine plötzliche Reifenpanne bedeutet Stress pur. Jede Minute zählt. Der Reifenwechsel gleicht dem bei der Formel Eins. Je schneller desto besser. Keiner möchte zur Zielscheibe werden.

Am späten Vormittag setzt die Artillerie ein. Sowohl von russischer wie auch von ukrainischer Seite wird gefeuert.

Das damit verbundene dumpfe und donnernde Grollen vom Horizont begleitet den Hilfstransport. In der vorbeiziehenden Landschaft sind hier und da Stellungen und Schützengräben zu sehen.

Mit der nahenden Dämmerung steigt die Nervosität weiter. Standlicht muss auf den schmalen Waldwegen reichen, um möglichst unbemerkt zu bleiben.

Die ersten Checkpoints der ukrainischen Armee werden passiert. Von da an verdichten sich die Kontrollen bis es nur noch auf eigene Gefahr weitergeht. Bei Einbruch der Dunkelheit ist das Dorf erreicht. Dreimal wurde es schon erobert und zurückerobert.

„Die zumeist älteren Bewohner, die zurückgeblieben sind, berichten, dass es jedes Mal schlimmer wurde. Zuletzt war ein russisches Strafbataillon dort im Einsatz und hat für Furcht und Schrecken gesorgt, über die viele nicht sprechen können.“

Drei Frauen trotzen dem bedrohlich nahe kommenden Artilleriedonner und helfen mit, den Kleintransporter am Schulgebäude zu entladen. Die vorab gepackten Beutel mit Grundnahrungsmitteln bieten den Menschen Nahrung für bis zu drei Wochen.

Da nicht mehr alles der Hilfsgüter vor Ort gebraucht wird, kann noch ein weiteres Dorf angefahren werden. Das liegt in einem kleinen Tal abseits der Frontlinie und blieb bislang verschont. Dort leben noch junge Familien und Kinder, während um sie herum das Leben aus den Fugen geraten ist.

Abends trafen die dringend benötigten Hilfsgüter an der Dorfschule ein.
Abends trafen die dringend benötigten Hilfsgüter an der Dorfschule ein. © Matthias Floreck

„Die Freude war riesig und die Menschen meinten erstaunt: Das ihr bis zu uns kommt, um zu helfen, hätten wir nie gedacht“, schildert Floreck. Nachdem auch dort die Lebensmittel abgeladen sind, geht es im Schutz der Nacht zurück.

Matthias Floreck filmt eine kurze Zeit mit seinem Handy Szenen vom Rückweg. Niemand spricht. Eindeutige Spuren von Panzern sind zu sehen, die auf der Hinfahrt noch nicht da waren. Sie müssen erst kurz zuvor den Weg gekreuzt haben.

Alle im Transporter blicken auf die Strecke, die vom Standlicht schummrig ausleuchtet wird. Erst nachdem der erste Checkpoint auf dem Rückweg passiert ist, löst sich die Anspannung und Ivan und Sergej singen sich lauthals die Angst von der Seele, während sie mit Vollgas durch die Nacht fahren. Es wird nicht der letzte Transport dieser Art gewesen sein. Logos Global Vision plant weitere Hilfstransporte in der Region um Mariansk. „Die Angst kommt erst nach dem Erlebten“, beschreibt Floreck.

Auch Tage später bewegt ihn diese Tour noch. „Kein Kind sollte so aufwachsen“, weiß er und ist glücklich zu seiner Familie zurückkehren zu können, wohlwissend, dass die Dorfbewohner in Frontnähe, sich der bedrohlichen Situation nicht entziehen können. „Darum ist die Hilfe vor Ort so wichtig“, unterstreicht Matthias Floreck.             

Wer die Hilfsorganisation Logos Global Vision unterstützen möchte, kann spenden auf das Konto der Bank für Sozialwirtschaft: IBAN: DE54 3702 0500 0001 2330 00. Verwendungszweck: „Nothilfe Ukraine“. Wer eine Spendenquittung benötigt, kann in den Verwendungszweck: „Nothilfe Ukraine sowie Namen und Anschrift“ schreiben.         

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