Crowd-Sourcing-Projekt von Arolsen Archives

NS-Opfer: Schüler helfen Arolser Archiv bei Digitalisierung 

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Die Historiker aus Bad Arolsen wollen den 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung dazu nutzen, den Opfern des Nationalsozialismus ihre Namen wieder zugeben.

Die Historiker aus Bad Arolsen wollen den 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung dazu nutzen, den Opfern des Nationalsozialismus ihre Namen wieder zugeben.

Deshalb ruft die internationale Institution, die seit mehr als sieben Jahrzehnten in Bad Arolsen ansässig ist, Lehrer und Schüler auf, sich an einem Online-Digitalisierungsprojekt zu beteiligen.

Unter dem Stichwort Crowdsourcing wollen bereits 21 Schulen aus ganz Hessen dabei sein, wenn die Dateien der vor Jahren abfotografierten Deportationslisten mit den Namen der dort verzeichneten Nazi-Opfer versehen werden. 

Bad Arolsen Archives ermöglicht die Digitale Suche 

Dadurch werden die Computer-Scans vorbereitet für die Volltextsuche, die es wiederum Historikern und Familienangehörigen ermöglicht, nach individuellen Opfer der Nazi-Verfolgung zu suchen.

Christa Zwilling-Seidenstücker leitet das Crowd-Sourcing-Projekt.

„Das Projekt hat nichts damit zu tun, dass wir billige Arbeitskräfte suchen“, versichert Dr. Anke Münster von Arolsen Archives, viel wichtiger sei der pädagogische Ansatz, die junge Generation näher an das schwierige Thema der Nazi-Verfolgung hinzuführen. 

Deshalb habe man für den Auftakt in Hessen eigens Transportlisten von Juden aus hessischen Städten, Kassel, Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt ausgewählt.

Wer beteiligt sich am Crowd-Sourcing-Projekt?

Den Schülern aus Baunatal, Kassel, Korbach, Willingen, Wiesbaden, Marburg, Bad Arolsen oder Dillenburg solle bei der Beschäftigung mit den Namen deutlich werden, dass die Verfolgten zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung kaum älter waren, als die Schüler heute. Und vielleicht wohnten sie sogar in der Nachbarschaft.

Wenn das Projekt gelinge, solle es auf ganz Deutschland und vielleicht auch auf das Ausland ausgeweitet werden. Am Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar seien auch größere Firmen eingeladen, mit ihren Mitarbeitern einige Stunden Arbeitszeit bereitzustellen, um die Listen abzuschreiben und dabei besonders auf die korrekte Schreibweise der Namen und Geburtsdaten der Opfer, Adressen und Transportwege zu achten.

Unter dem Projektnamen „Jeder Name zählt“ ruft Arolsen Archives zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung zur Indizierung von eingescannten Transportlisten auf.

Die Listen seien vor Jahren schon bei der ersten Digitalisierungswelle der Akten des Internationalen Suchdienstes (ITS) eingescannt worden. Das sei damals Stand der Technik gewesen.

Es wird immer noch auf Kartei zurück gegriffen 

Doch aus heutiger Sicht handelt es sich bei den so gewonnenen Computerdateien nur um Fotografien mit rudimentären Angaben über deren Herkunft. Um die Aufnahmen zu erschließen, benötige man immer noch die Angaben aus der Zentralen Namenskartei.

Das soll sich nun Schritt für Schritt ändern, wenn die Namen und sonstige Hinweise als Index-Dateien den Bilddateien zugeordnet werden. Dazu müssen sie korrekt erfasst werden.

„Das können selbst moderne Texterkennungsprogramme noch nicht gut genug“, weiß Projektleiterin Christa Zwilling-Seidenstücker. Die Ergebnisse einer elektronischen Texterkennung müssen per Hand nachbearbeitet werden. Das dauere fast ebenso lang wie das komplette Abschreiben.

Zeichen setzen für die Opfer

Die Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen und die Alte Landesschule in Korbach und die Uplandschule in Willingen beteiligen sich ebenso wie rund 20 andere Schulen in Hessen mit Geschichtskursen der Oberstufe an dem Crowd-Sourcing-Projekt von Arolsen Archives am Holocaust-Gedenktag. 

Ebenfalls zugesagt haben drei Kasseler Gymnasien und die die Erich-Kästner-Schule in Baunatal. 

Hinter dem englischen Begriff Crowd-Sourcing verbirgt sich die geplante Vorgehensweise beim Abschreiben von Namenslisten, die NS-Schergen beim Abtransport ihrer Opfer in die Vernichtungslager anfertigten. 

Die Listen wurden bereits vor Jahren eingescannt. Um diese Scan-Bilder künftig bei einer Volltext-Suche im Internet wiederfinden zu können, müssen alle Namen korrekt computerlesbar erfasst werden. 

Nur korrekt geschriebene Namen werden übernommen

Beim Abschreiben sollen möglichst viele freiwillige Helfer (eine Crowd) einen Beitrag leisten, zunächst jedoch die hessischen Schüler. Um sicherzustellen, dass nur korrekte Namen erfasst werden, wird jede Liste von mindestens zwei, besser noch von drei Helfern unabhängig voneinander abgeschrieben. 

Der Computer vergleicht die Ergebnisse und übernimmt sie nur bei völliger Übereinstimmung in den Speicher. 

Einzelne Lese- oder Schreibfehler können auf diese Weise erkannt und korrigiert werden. Schließlich stehen auf den Deportationslisten viele unterschiedliche Namen mit vielen unterschiedlichen Schreibweisen, darunter auch viele ungewöhnliche Buchstabenkombinationen. 

Rahmenprogramm am Auschwitz-Gedenktag

Um das Crowdsourcing-Projekt „Jeder Name zählt“ am Auschwitz-Gedenktag sinnvoll zu ergänzen, werden Bürgermeister Jürgen van der Horst und Digital-Ministerin Kristina Sinemus auf dem Herkules-Parkplatz die erfassten Namen laut vorlesen.

 Am Abend beteiligt sich Arolsen Archives am europaweiten Beleuchtungs-Flashmob der Gedenkstätten. Dazu wird das Hauptgebäude in der Großen Allee besonders angestrahlt und mit Botschaften zum Auschwitz-Gedenktag erhellt. 

Am gleichen Abend ist im BAC-Theater eine Theateraufführung geplant. Das Kabarettensemble Zwockhaus führt ein Musikkabarett aus dem ehemaligen Vorzeige-Konzentrationslager Theresienstadt auf: „... und die Musik spielt dazu!“

Wohin können sich interessierte Schulen wenden?

Lehrer, die sich mit ihren Klassen ebenfalls an dem Projekt beteiligen möchten, sollten sich umgehend per E-Mail an christa.seidenstuecker@arolsen-archives.org wenden. Zeitlich sollten mindestens zwei Schulstunden zur Verfügung stehen. 

Für eine sinnvolle Umsetzung des Projektes ist eine entsprechende Einführung notwendig. Die Schulen erhalten dazu pädagogisches Material zur Vor- und Nachbereitung.

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