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Epidemie legt Abgründe frei - Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest

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Von: Achim Rosdorff

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Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest“
Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest“ © Hanser

Orhan Pamuks neuer Roman „Die Nächte der Pest“ handelt vom Kampf gegen eine Epidemie, religiösen Wahn und Nationalismus. Das erinnert an Nachrichten der Gegenwart.

Orhan Pamuks neuer Roman „Die Nächte der Pest“ erzählt von einem osmanischen Mikrokosmos im Mittelmeer, der sich um 1900 gegen eine Epidemie, religiösen Wahn, Verschwörungstheorien, Aberglauben und Nationalismus behaupten muss. Dabei ähnelt vieles verblüffend den Nachrichten der Gegenwart.

Es war einmal eine Insel in der Ägäis von „beängstigender“ Schönheit, mit Häusern aus weißem Stein und grün überwachsenen Felsen. Die schöne Insel, die alle Ankommenden bei ihrem Anblick bezaubert, trägt den Namen Minger. Es gibt hier üppiges Grün, putzig rote Dächer und einen mächtigen weißen Burgfelsen. Pferdekutschen zuckeln übers Pflaster, die Menschen handeln, jeder in seinem Glauben, mit Rosenwasser, mit Düften, Salben und Pasten. Das erzählt uns eine osmanische Prinzessin, die dabei gewesen ist. Und wenn sie nicht gestorben wären, könnte man denken, wäre es das Paradies auf Erden gewesen. Aber sie sind gestorben, und zwar schon lange, bevor Corona ein Dauerthema wurde. Die ansteckende Erkrankung war die Pest, die Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert vor allem in Asien Millionen Todesopfer forderte.

Aus der Katastrophe geboren

Die Seuche durchdringt das Miteinander, legt menschliche Abgründe frei und vernichtet liebgewonnene Gewissheiten. Dabei sind natürlich „die Anderen“ Schuld, also für einen die Pilger aus Mekka, die den Erreger eingeschleppt haben sollen, für die anderen die Händler aus Alexandrien. Wissenschaft, Vernunft und Verschwörungstheorien mischen mit. Als Sultan Abdülhamit II. sowie England und Frankreich die Insel mit Kriegsschiffen blockieren lassen, um die Ausbreitung der Pest zu verhindern, sind die Menschen auf sich allein gestellt.

Die Blockade schützt auch die neuen Machthaber auf der Insel, die während der Seuche ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erklärt. Dass Kommandant Kâmil selbst früh von der Seuche dahingerafft wird, tut seinem Nachleben im neuen Staat keinen Abbruch. Dieser aus der Katastrophe geborene Staat wirkt dann in vielem wie eine Miniatur der Republik Türkei, was dem türkischen Nobelpreisträger Orhan Pamuk eine Klage wegen Majestätsbeleidigung eingebracht hat.

Tatsächlich wechseln sich in dieser epischen Erzählung Historisches und Fiktives ab, so dass einem beim Lesen die Ebenen schon mal durcheinandergeraten können. Pamuk nimmt sich viel Zeit für den Despoten Sultan Abdülhamit II., der in Reformen des Reichs einwilligt und die neue Verfassung rasch wieder kassiert. Der Alleinherrscher verfolgt seine Gegner mit Härte und nutzt den Islam als Machtmittel. Orhan Pamuk, der seine Heimat liebt und deshalb endlos mit ihr hadert, bringt das Kunststück fertig, sowohl ein Gruselmärchen als auch Geschichte geschrieben zu haben. Obwohl sein Thema todtraurig ist, ist es überraschend verspielt, gleichzeitig hochpolitisch – und lesenswert!

Dr. Helmut Schaaf für die Christine Brückner- Bücherei Bad Arolsen

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