Welchen Preis hat ein Tierleben? Landwirte auch in Waldeck-Frankenberg reagieren getroffen

Die Preise für Kälber sind „unterirdisch“

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Nachwuchs auf dem Hof: Friedrich Pohlmann mit einem Kalb, bei dem die Rassen Rotbunt und Fleckvieh gekreuzt sind. Es setzt mehr Fleisch an und erzielt deshalb bessere Preise.

 Welchen Wert hat ein Tierleben? Diese Frage stellen sich auch in Waldeck-Frankenberg Landwirte. Anlass: Der Markt für Kälber ist im vorigen Jahr dramatisch eingebrochen, Bauern erzielen bis heute eher schlechte Preise.

Im gesamten Jahr 2019 waren die Preise für schwarzbunte Kälber niedrig. Der Tiefpunkt war im Oktober 2019 erreicht, als der Preis für ein Kuhkalb auf nur noch 8,49 Euro sank. „Da kostet ein Kalb weniger als ein Kanarienvogel,“ kommentierte Ottmar Ilchmann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Einige Bauern hätten für ihre Kuhkälber sogar noch weniger bekommen, berichtet die Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft: „zum Teil nur noch einen Euro pro Tier“ – oder sie hätten erst gar keinen Viehändler gefunden, der die Tiere überhaupt noch vom Hof abgeholt habe. 

 „Die niedrigen Kälberpreise haben sich seitdem ein klein wenig entspannt“, berichtet die Geschäftsführerin des Waldecker Kreisbauernverbandes, Stephanie Wetekam. „Allerdings schütteln unsere Bauern angesichts dieser unterirdischen Preise den Kopf.“ Bei einem Kalb handele es sich schließlich um ein Lebewesen, dessen Aufzucht und Fütterung auch mit Kosten verbunden seien, gibt Wetekam zu bedenken. „Aus unserer Sicht ist das letztendlich auch eine ethische Frage, solche Preise sind in keinster Weise akzeptabel.“ 

Kälber für die Mast

Was geschieht mit den Kälbern, die in den Milchviehbetrieben zur Welt kommen? „In der Regel behalten unsere Milcherzeuger die weiblichen Kälber zur sogenannten Nachzucht“, erklärt Wetekam. Sie wachsen im Betrieb auf und werden nach dem ersten Kalben in die Milchkuhherde eingegliedert. 

Eingebrochen: Die Preise gerade für schwarzbunte für Kälber sind immer noch „unterirdisch“.

„Die Bullenkälber verlassen den Hof frühestens 14 Tage nach der Geburt und werden auf Bullenmastbetrieben weiter aufgezogen“, erläutert die Geschäftsführerin. „Einige unserer Betriebe ziehen die Bullen auch selbst auf.“ 

„Kuhkälber aus Zwillingsgeburten sind in der Regel nicht fruchtbar und werden deshalb auch bereits als Kalb verkauft“, berichtet Wetekam. Auch sie gehen in die Mast. „Genau diese Kälber sind es, bei denen die unfassbar niedrigen Preise gezahlt wurden.“

Exportverbot und Blauzungenerkrankung als Auslöser

„Ausgelöst wurde der Preiseinbruch zum einen durch ein Exportverbot und zum anderen durch die für den Menschen ungefährliche Blauzungenerkrankung“, berichtet Wetekam. 

Diese Tierseuche trat im Frühjahr 2019 auf. Deshalb wurden auch im Frankenberger Land „Restriktionszonen“ eingerichtet, sie beschränken den Handel und Transport von Tieren aus und in diese Sperrzone. Einzelne Veterinärämter genehmigten keine Kälbertransporte in andere EU-Länder mehr. 

Im Kreis ist zwar nach wie vor kein Tier erkrankt, doch im November sei im Süden ein neuer Fall aufgetreten, berichtet Wetekam. Deshalb bleibe die Sperrzone vorerst bestehen. 

Jungtiere als "Schaden"?

Ottmar Ilchmann moniert „die einseitige Züchtung bestimmter Rassen nur auf Milchleistung“. Dies mache deren Kälber für die Mast unwirtschaftlich. „Diese dünnen Kälber gelten oft nicht mehr als Tiere, sondern nur noch als Schaden.“ 

Das bewertet Friedrich Pohlmann völlig anders: „Für uns ist ein lebendes Kalb immer ein Erfolgserlebnis, es ist ein neu geborenes Leben“, betont der Welleringhäuser Landwirt. Trotz eines vielleicht geringen Marktwertes: „Wir begleiten es trotzdem durch sein junges Leben.“ 

Wetekam relativiert Ilchmann Urteil auch inhaltlich. „Rinderrassen sind speziell auf ihre Nutzung hin gezüchtet worden“, erklärt sie. Es gebe Rassen für die Mutterkuhhaltung mit höherem Fleischansatz und Rassen, die besser für die Milchviehhaltung geeignet seien.

 „Bereits seit vielen Jahren ist jedoch die Zucht auf Milchleistung zugunsten der Gesundheitsmerkmale wie Fundament, Eutergesundheit und Klauen zurück gegangen“. Dennoch werde das Kalb einer Milchkuh nie ein Spitzengewicht in der Mast erreichen, sagt Wetekam. „Einige Landwirte kreuzen deshalb fleischbetonte Rassen in ihre Milchviehherden ein.“ Zu ihnen gehört Landwirt Friedrich Pohlmann aus dem Upland-Dorf Welleringhausen.

Der Betrieb von Friedrich Pohlmann

Die Familie Pohlmann hat einen Rinderzuchtbetrieb mit einer reinen Rotbuntherde. Zu den 55 Milchkühen kommt die Nachzucht. Die Kühe werden künstlich besamt – darum kümmert sich Tochter Wibke Pohlmann, die nach ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung in Göttingen studiert und nach dem Bachelor-Abschluss im Sommer noch ihren Master machen will. 

Friedrich Pohlmann erläutert die Bedeutung der Kälber. In einer Herde mit Milchkühen scheiden ältere Tiere aus. Für sie werden Jungtiere nach dem ersten Kalben eingegliedert. Diese „Bestandsergänzung“ betreffe jedes Jahr etwa ein Drittel der Herde, erklärt er – bei gut geführten Betrieben auch weniger, er komme auf etwa ein Viertel.

Er zieht jährlich 16, 17 Kälber für die Nachzucht groß. 35 bis 40 Jungtiere würden für die Herde nicht gebraucht und verkauft. Die züchterisch wertvollsten Kühe erhielten „gesexten Samen“, bei dem die Wahrscheinlichkeit groß sei, dass weibliche Kälber zur Welt kommen, sagt Pohlmann – hochwertige rotbunte Kälber seien auf dem Markt auch weiter gefragt. 

Limousin eingekreuzt

Bei züchterisch nicht so wertvollen Tieren würden andere Rassen eingekreuzt, „um aus dem Dilemma mit den niedrigen Kälberpreisen herauszukommen“ beschreibt Pohlmann. Seit zwei, drei Jahren verwendet er für ein Drittel der Herde die französische Fleischrind-Rasse Limousin, in Ausnahmen Fleckvieh. Diese Tiere setzen mehr Fleisch an: Solche Kreuzungen könnten den Wert des Kalbes verdoppeln. 

„Kälberpreise schwanken saisonal,“ zum Jahresende sei die Nachfrage bei Schwarzbunten immer schwach, sagt er. Bei weiblichen Tieren sei sie deutlich gesunken. 

Milchverkauf ist wichtiger

Allerdings: „Wir erzielen unseren Erlös überwiegend aus dem Milchverkauf“, sagt Pohlmann, der „Landliebe“ angeschlossen ist. Ein Cent weniger für den Liter Milch habe für ihn größere Auswirkungen als ein um 100 Euro schwankender Kälberpreis.

 „Die niedrigen Kälberpreise sind ein Bestandteil der Erlöse auf der Betrieben – wenn auch im Vergleich zum Milchverkauf von untergeordneter Bedeutung“, sagt auch Stephanie Wetekam. Aber die ethische Frage bewegt die Landwirte doch. (-sg-)

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