Zweigeleisige Strategie ist angesagt

Corona wirksam bekämpfen: Prof. Hilgenfeld forscht an antiviralen Medikamenten

Prof. Rolf Hilgenfeld forscht als Seniorprofessor am Institut für Molekulare Medizin an einem Medikament gegen Coronaviren. Der renommierte Chemiker hat seine Abiturprüfung 1972 in Arolsen abgelegt.
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Prof. Rolf Hilgenfeld forscht als Seniorprofessor am Institut für Molekulare Medizin an einem Medikament gegen Coronaviren. Der renommierte Chemiker hat seine Abiturprüfung 1972 in Arolsen abgelegt.

Weltweit forschen Wissenschaftler am Coronavirus und seinen Varianten. Einer, der sich schon seit Jahren mit Corona-Viren beschäftigt, ist der in Bad Arolsen aufgewachsene Chemiker Professor Dr. Rolf Hilgenfeld.

Bad Arolsen / Lübeck - Vor ziemlich genau einem Jahr berichtete die WLZ, dass der Forscher einen Wirkstoff gefunden habe, der wahrscheinlich geeignet sei, verschiedene Arten von Corona-Viren zu bekämpfen. Prof. Hilgenfeld schränkte damals aber schon ein, es seien aber noch viele Entwicklungsschritte nötig. Ein Jahr später hat die WLZ um ein weiteres Interview gebeten.

Herr Professor Hilgenfeld, sind Sie gut vorangekommen? Können Sie schon bald ein Medikament gegen Covid-19 auf den Markt bringen?
Unser Wirkstoff dient als Grundlage für etliche Weiterentwicklungen in der pharmazeutischen Industrie und in einem großen EU-Projekt namens CARE, bei dem ich auch mitarbeite. Juristische Hürden verhindern allerdings, dass meine Universität (Universität zu Lübeck) eine exklusive Lizenz über meinen Wirkstoff an eine einzelne Pharmafirma vergibt. Ohne einen solchen Partner können wir die weitere Entwicklung nicht betreiben, dafür fehlen uns als kleine Universität Geld und Erfahrung.
Sie klagten vor einem Jahr über fehlende Forschungsmittel. Das dürfte doch heute kein Problem mehr sein. Viele Regierungen sind heute bereit, Milliarden für die Forschung bereitzustellen.
In Deutschland fließen die meisten Gelder in die Impfstoffforschung und -entwicklung. Für die Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19 wird nur ein Bruchteil davon bereitgestellt. Kürzlich gab es eine Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), in der zur Einreichung von Projektvorschlägen für Medikamentenentwicklung gegen Covid-19 aufgerufen wurde. Dafür wurden insgesamt 50 Millionen Euro bereitgestellt. Das ist verschwindend gering gegenüber den Milliarden, mit denen die Impfstoffentwicklung gefördert wird.
Das klingt sehr ernüchternd.
Da aber die weitere Entwicklung meines Wirkstoffs ohnehin durch Juristen blockiert wird und ich deswegen nicht die notwendige Partnerschaft mit einem Pharmaunternehmen habe, benötige ich auch keine Finanzmittel für die klinische Prüfung. Die Mittel, die ich von EU und BMBF bekomme, reichen erst einmal für die Finanzierung meiner Arbeiten aus. Mittelfristig muss sich da allerdings etwas tun.
Haben Sie den Eindruck, dass die schnellen Erfolge bei der Impfstoff-Herstellung die Forschung an Medikamenten bremsen?
Ja. Viele Leute können nicht zwischen Impfstoff und Arzneimittel unterscheiden, auch manche Politiker nicht. Mit Impfstoffen lassen sich kurzfristige Erfolge erzielen, auch politische Erfolge, wenn man es denn versteht, ihre Beschaffung und Verteilung richtig zu organisieren. Aber das Coronavirus hält sich nicht an Legislaturperioden und wird uns auch nach der Bundestagswahl im September noch weiterhin begleiten.
Worauf müssen wir uns gefasst machen?
Das Virus wird sich verändern, neue Mutanten hervorbringen, von denen einige durch Impfstoffe wahrscheinlich nicht mehr voll unter Kontrolle gebracht werden können. Das gilt jetzt schon zum Teil für die südafrikanische Mutante. Dann kann man die Impfstoffe verändern, was wiederum ein paar Monate dauern wird. Für die mRNA-Impfstoffe wie den von Biontech/Pfizer wird dieses einfacher, für die Vektorimpfstoffe wie den von AstraZeneca schwieriger sein. Dann wird das Virus erneut reagieren und sich wieder verändern. Es könnte wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel werden. Und selbst wenn es gelingt, die Pandemie in Europa durch Impfung unter Kontrolle zu bekommen, dann werden neue Varianten des Virus aus Kontinenten zu uns dringen, wo bisher kaum Impfstoffe zur Verfügung standen.
Hätte die Verfügbarkeit eines wirksamen Medikamentes gegen Covid-19 Vorteile im Vergleich zu Impfstoffen?
Um uns auf diese Mutations-Szenarien vorzubereiten, brauchen wir Arzneimittel, die das Virus direkt angreifen, zum Beispiel durch Hemmung seiner Vervielfachung. Die Elemente des Virus, die daran beteiligt sind, sind viel konstanter als die Hüllproteine des Virus, die bei der Herstellung von Impfstoffen nachgeahmt werden. Unser Wirkstoff attackiert ein solches, relativ konstantes Element, das virale Enzym „Hauptprotease“. Deswegen wirkt unsere Verbindung bisher gegen alle Varianten des Virus gleich gut. Es wäre also fahrlässig, angesichts dieses Szenarios nur auf Impfstoffe zu setzen und antivirale Medikamente zu vernachlässigen.

Forschung im Grenzgebiet von Chemie und Virologie

Prof. Rolf Hilgenfeld, 1954 in Göttingen geboren, ist in Arolsen aufgewachsen. Nach dem Abitur 1972 an der Christian-Rauch-Schule studierte er Chemie. Neun Jahre beschäftigte er sich beim Pharmakonzern Hoechst mit „rationalem Drug-Design“, dem Entwerfen neuer medizinischer Wirkstoffe am Computer. Unter anderem war Hilgenfeld an führender Stelle am Design des Langzeit-Insulins „Lantus“ beteiligt. 1995 erhielt er den Ruf auf eine C4-Professur an der Universität Jena.

Von 2003 bis Ende März 2020 hatte er eine Professur am Institut für Biochemie an der Universität Lübeck und beschäftigte sich dort unter anderem mit der Erforschung von Coronaviren, die für harmlosen Schnupfen ebenso verantwortlich sind wie für tödliche Infektionen bei Schweinen und Katzen. Wegen seiner jahrelangen Erfahrungen mit Coronaviren gelang es ihm beim Sars-Ausbruch 2003 sehr schnell, die Struktur eines Virus-Proteins zu entschlüsseln. Beim aktuellen Sars-2-Ausbruch gelang dies sogar noch schneller.

Im Mai 2020 holte ihn die Universität wegen des aktuellen Pandemiegeschehens aus dem Ruhestand zurück. Seitdem ist Hilgenfeld Seniorprofessor am Institut für Molekulare Medizin der Universität zu Lübeck. (Elmar Schulten)

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