Prozess

Angeklagter sagte Nachbarin vor Amokfahrt in Volkmarsen: „Eines Tages erscheine ich in der Zeitung“

In den Messehallen Kassel findet der Prozess um den Amokfahrer von Volkmarsen statt.
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In den Messehallen Kassel findet der Prozess um den Amokfahrer von Volkmarsen statt.

Der Angeklagte Maurice P. schweigt bislang zu seiner mutmaßlichen Amokfahrt beim Rosenmontagsumzug in Volkmarsen 2020. Nun wurden Zeugen angehört.

Kassel – „Du wirst Dich noch mal wundern. Eines Tages erscheine ich noch mal in der Zeitung.“ Dies soll der 30-jährige Maurice P., der mutmaßliche Amokfahrer von Volkmarsen, im Vorfeld zu seiner Nachbarin gesagt haben. Wann diese Worte genau gefallen sind, daran konnte sich die 85-jährige Frau gestern vor der Sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts nicht mehr genau erinnern. Vielleicht im Herbst 2019, also wenige Monate vor der Tat am 24. Februar 2020.

Wenn sie gewusst hätte, dass der Nachbar vorhat, in die Menschenmenge des Karnevalsumzugs zu fahren, dann hätte sie natürlich im Vorfeld etwas unternommen, sagte die Zeugin zu dem Vorsitzenden Richter Volker Mütze. Gleichwohl sie den Eindruck gehabt habe, dass Maurice P. ein „sehr kranker Mann“ gewesen sei, der ihr immer leidgetan habe. Er habe keine Freunde und keine Freundin gehabt. Stattdessen habe er immer allein vor der Tür gesessen, manchmal sei er mit seinem Auto auch um den Block gerast oder habe darin geschlafen. Einmal habe das stehende Auto gequalmt, so die 85-Jährige. Da habe sie gedacht, er wolle Suizid begehen und habe die Polizei gerufen.

Prozess um Amokfahrt in Volkmarsen: Krankenschwester als Zeugin gehört

Die 85-jährige Frau war neben einer 30-jährigen Krankenschwester die erste Zeugin, die in dem Prozess von einem Gespräch mit dem Angeklagten, der sich bislang zu den Vorwürfen nicht geäußert hat, berichten konnte.

Die Krankenschwester war für Maurice P. zuständig, der nach der Amokfahrt in das Krankenhaus nach Korbach eingeliefert worden war. Sie habe ihn gefragt, woher seine Verletzungen an den Augen kommen. Daraufhin habe er geantwortet, dass diese von den Leuten stammten, die die Autotür aufgemacht und auf ihn eingeschlagen hätten. Als die daraufhin zu ihm gesagt hätte, dass er sich ja doch an die Tat erinnern könne, habe er behauptet, sie habe ihm das alles erzählt. Und dann habe er wieder dichtgemacht.

Der Kfz-Sachverständige Andreas Busse (Marburg), der sein Gutachten erstattete, sagte über die Amokfahrt: „Man kann von absoluten Glück sprechen, dass niemand ums Leben gekommen ist.“ 

Amokfahrt in Volkmarsen: Gutachter sagt im Prozess aus

An dem Mercedes, mit dem am 24. Februar 2020 in die Menschenmenge des Volkmarser Karnevalsumzug gefahren wurde, lag kein technischer Defekt vor. Das erklärte gestern der Kfz-Sachverständige Andreas Busse (Marburg) vor der Sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts.

Der Gutachter hatte das Fahrzeug, an dessen Steuer der Angeklagte Maurice P. gesessen haben soll, mehrfach mit Mitarbeitern der Mercedes-Unfallforschung untersucht. Es hätten sich keine Hinweise darauf ergeben, dass der Mercedes, der tiefer gelegt und in dessen Motorraum nachträglich eine Tuningbox eingebaut worden war, aufgrund eines Mangels selbstständig beschleunigt haben könnte.

Auch wenn die Person am Steuer aus Versehen Gas und Bremse verwechselt hätte, dann hätte es noch die Möglichkeit gegeben, das Fahrzeug von der Menschenmenge wegzulenken. Laut Gutachter war der Pkw mit 50 bis 60 km/h unterwegs, als es zum ersten Zusammenstoß mit einer Frau in dem Umzug gekommen ist. Insgesamt ging die Amokfahrt über eine Strecke von 85 Meter.

Prozess um Amokfahrt in Volkmarsen: 18-jährige Frau greift ein

Am Ende dieser Strecke griff eine heute 18-Jährige ein. Sie habe in Höhe des Friedhofstores im Steinweg gestanden, als sie Schreie gehört habe. Dann habe sie das Auto wahrgenommen, über das eine blaue Tonne flog. Der Mercedes sei in zwei Meter Entfernung an ihr vorbeigefahren, sagte die junge Frau. „Ich habe Menschen fliegen sehen.“ Sie habe sofort den Gedanken gehabt, sie müsse den Schlüssel in dem Auto ziehen, damit es nicht weiterfahren und noch mehr Menschen verletzen kann. Als das Auto noch im Rollen war, habe sie eine Hand am Türgriff der Beifahrerseite gehabt. Als der Wagen dann stand, habe sie ihn geöffnet und sich auf den Beifahrersitz gekniet.

Am Steuer habe der Angeklagte gesessen, den die 18-Jährige gestern eindeutig als Amokfahrer identifizierte. Im ersten Augenblick habe der Mann „zufrieden geguckt“, „wie vollendet war der Blick“. Dann habe es zwischen dem Fahrer und ihr ein Gerangel um den Schlüssel gegeben. Dabei habe er sie auch mit einer Hand am Hals gepackt und sie an den Haaren gezogen. Schließlich sei sie von einem Bekannten aus dem Auto geholt worden. Gleichzeitig seien durch die Fahrerseite mehrere Personen in den Mercedes gelangt, die auf den Angeklagten eingeschlagen hätten.

Der Prozess wird am Mittwoch, 9. Juni, in den Kasseler Messehallen fortgesetzt. (use)

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