Lange Wartezeiten - Corona Problem

Immer mehr psychische Erkrankungen - Andrang auf Therapieplätze steigt

Der Weg zu einer erfolgreichen Psychotherapie ist lang.
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Der Weg zu einer erfolgreichen Psychotherapie ist lang.

Depressionen, Ängste, Suchterkrankungen – jeder Dritte ist im Leben von einer psychischen Störung betroffen. Aber Therapieplätze sind in der Coronazeit knapp.

Die Leidensgeschichte von Sarah Kleinert ist lang. Die 28-Jährige, die eigentlich anders heißt, hatte einen guten Job, war zufrieden und erfolgreich, bis sie einen Unfall hatte. Als Folge entwickelt sie eine Angststörung. Panikattacken überfallen sie in alltäglichen Situationen. Sie wird oft krankgeschrieben, verliert den Kontakt zu Kollegen oder Freunden. „Ich telefoniere in der Woche gefühlt zehn Mal, um überhaupt jemanden zu erreichen. Ich lasse mich auf jede Warteliste stellen, aber niemand hat einen Platz frei“, erzählt sie. „Es fällt mir immer schwerer, überhaupt noch irgendwo anzurufen.“

Wartezeiten in der Pandemie gestiegen

Wie Sarah warten rund 40 % aller Patienten, bei denen in einer psychotherapeutischen Sprechstunde festgestellt wurde, dass sie krank sind und behandelt werden müssen, mindestens drei bis neun Monate auf einen Therapieplatz. Eine Situation, die sich in der Corona-Pandemie verschärft. Nach einer Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung vom Januar 2021 erhielten niedergelassene Psychotherapeuten deutlich mehr Anfragen als im Januar 2020. Stellten Patienten im vergangenen Jahr im Schnitt 4,9 Anfragen pro Woche, waren es 2021 6,9. Allein der Anteil an Psychotherapeuten die mehr als zehn Anfragen pro Woche erhielten, verdoppelte sich dabei.

Jeder Dritte ist, statistisch gesehen, im Laufe des Lebens von einer psychischen Störung betroffen.

„Das Thema der fehlenden Therapieplätze ist nicht neu“, erklärt Dr. Thomas Gärtner, Chefarzt der Schön Klinik Bad Arolsen und sagt: „Der Behandlungsbedarf war schon vor Corona kontinuierlich gestiegen. Psychotherapie hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen, denn sie gilt für die genannten psychischen Störungen als wirksamste Therapieform und sollte deswegen regelhaft, allein oder in Kombination mit Medikamenten, durchgeführt werden. Sie ist außerdem für die Betroffenen und ihre Angehörigen gesellschaftsfähiger geworden, und die Bereitschaft zur Inanspruchnahme ist gestiegen. Die Wartezeiten für eine ambulante Psychotherapie sind aber in den letzten beiden Jahren noch einmal um etwa 30 Prozent gestiegen. Für die stationäre psychosomatische Behandlung liegt die durchschnittliche Wartezeit in Deutschland bei etwa zwei bis drei Monaten, kann aber sogar bis zu einem Jahr und darüber hinaus dauern. Ich erwarte, dass der Bedarf in Zusammenhang mit der Pandemie noch weiter zunehmen wird.“

Ursache COVID 19

Soziale Isolation, Verunsicherung, die Angst vor dem unbekannten Virus, der Verlust von alltäglichen Strukturen, Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt und Zukunftsängste: Längst ist unter Experten unstrittig, dass COVID-19 und die damit verbundenen Maßnahmen und Belastungen zu einer Krise der psychischen Gesundheit führen können.

„Wir erleben jetzt schon die Folgen und wissen auch von früheren Ereignissen, zum Beispiel die Finanzkrise 2008 in den USA, dass diese noch Jahre andauern können oder sogar erst später auftreten oder sichtbar werden“, sagt Dr. Thomas Gärtner.

Dr. Thomas Gärtner, Chefarzt der Schön Klinik Bad Arolsen.

Seit fünf Jahren bieten die Kassenärztlichen Vereinigungen regional mit Terminservicestellen Hilfe an. Sie sollen Patienten mit einer dringenden Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Haus- oder Facharzt vermitteln.

Wird das Anliegen, nach bundesweit einheitlichen, standardisierten Ersteinschätzungsverfahren als Akutfall eingestuft, kann eine Vermittlung innerhalb von 24 Stunden veranlasst werden. Für psychisch erkrankte Menschen hat die Service bisher aber nur selten zu einer Wartezeitverkürzung geführt.

Mit psychischen Beeinträchtigungen zu leben, ist schwer genug. Wenn aber Versorgungsschwierigkeiten schon bei der Arztsuche beginnen, werden die Betroffenen noch zusätzlich belastet. Im Coronajahr 2020 wurde, so ein aktueller Report der DAK-Gesundheit, ein neuer Höchststand an Ausfalltagen wegen psychischer Erkrankungen gemeldet. Die Krankenkasse verzeichnete im vergangenen Jahr rund 265 Fehltage je 100 Versicherte. Ein psychischer Krankheitsfall dauerte 2020 durchschnittlich 39 Tage, auch dieser Wert ist, so die Krankenkasse, hoch wie nie.

Entspannung in Bad Arolsen

„Wie bei vielen körperlichen Krankheiten führt ein verzögerter Behandlungsbeginn auch bei psychischen Störungen oft zu einer schlechteren Prognose.“ Eine Erfahrung, die Dr. Thomas Gärtner immer wieder macht. Er sagt: „Mit der Wartezeit erhöht sich auch die Schwelle für den Zugang zu einer Therapie. Gerade für Schwerkranke kann das zu einem unüberwindbaren Hindernis werden. Wartezeiten verhindern die akut notwendige Behandlung und können zu Verlängerung von Arbeitsunfähigkeit und weiterer Chronifizierung führen.“

Für die Schön Klinik Bad Arolsen hat Gärtner aber noch eine gute Nachricht: „Zum Jahresende erhöhen wir durch einen Neubau unser vollstationäres Angebot von 313 auf 336 Plätze. Außerdem bieten wir weiterhin 12 Plätzen für die tagesklinische Behandlung an. Das wird unsere Wartelisten zumindest etwas entlasten.“ Eine Trendwende für das grundsätzliche Problem zeichnet sich bundesweit aber nicht ab. Wie gut ist die psychotherapeutische Versorgungssituation in Deutschland wirklich? Wie lange warten Menschen, die Hilfe brauchen, auf einen ambulanten Therapieplatz? Gibt es einen Versorgungsengpass und besteht (politischer) Handlungsbedarf? Um das herauszufinden und mit validen Daten zu belegen, führt die Bundespsychotherapeutenkammer bis zum 30. November 2021 eine Online-Befragung zur aktuellen Situation durch. Mit der Studie soll die Bedeutung der ambulanten Psychotherapie auch aus Sicht der Hilfesuchenden aufgezeigt werden. Man erhofft sich ein vollständiges Bild der aktuellen Situation. Eine wichtige Grundlage, um mit der Politik ins Gespräch zu kommen und so die Situation betroffener Menschen insgesamt zu verbessern.     Barbara Liese

Wer Interesse hat an der Befragung teilzunehmen, findet den Fragebogen unter: https://www.soscisurvey.de/BPtKPatientenbefragung/

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