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Regionale Wertschöpfungskette in Waldeck-Frankenberg: Landwirt, Müller, Bäcker

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Von: Marianne Dämmer

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Nutzen seit zehn Jahren die regionale Wertschöpfungskette „Landwirt-Müller-Bäcker“: (von links) Dirk Weber und Jürgen Werner mit seiner Lebensgefährtin Nicole Michels in der Walzenmühle in Schmillinghausen.
Nutzen seit zehn Jahren die regionale Wertschöpfungskette „Landwirt-Müller-Bäcker“: (von links) Dirk Weber und Jürgen Werner mit seiner Lebensgefährtin Nicole Michels in der Walzenmühle in Schmillinghausen. © Marianne Dämmer

Jetzt in der Krise zeigt sich, wie sinnvoll das Prinzip der kurzen Wege ist: Bäckermeister Dirk Weber aus Sachsenberg bezieht sein Mehl ausschließlich von heimischen Landwirten und ebenso ausschlißlich über Müllermeister Jürgen Werner in Schmillinghausen.

Lichtenfels/Schmillinghausen – Regionale Wertschöpfungskette – immer wieder wird ihr Mehrwert für regionale Unternehmen, für Wirtschaftlichkeit und Ökologie hervorgehoben. Doch wenige Betriebe wirtschaften tatsächlich danach, setzen stattdessen auf globale Kreisläufe. Zu den wenigen Ausnahmen im Waldecker Land gehören Direktvermarkter – und eine kleine Gruppe von heimischen Landwirten um Müllermeister Jürgen Werner in Schmillinghausen und Bäckermeister Dirk Weber in Sachsenberg.

Seit rund zehn Jahren bezieht Dirk Weber seine Mehle für Brot, Brötchen, Gebäck und Kuchen jede Woche ausschließlich aus der Walzenmühle des Diplom-Müllereitechnikers und Müllermeisters Jürgen Werner in Schmillinghausen, seit 2019 komplett bio. Jürgen Werner wiederum ersteht das Getreide – vor allem Dinkel, Weizen und Roggen – ausschließlich von Bauern aus der Region, darunter Landwirt Reinhard Nagel aus dem Twistetaler Ortsteil Nieder-Waroldern.

Die Vernetzung der lokalen Akteure garantiere kurze Wege und durch jahrelange enge Zusammenarbeit eine verlässliche Versorgung. Weizenknappheit durch den russischen Krieg in der Ukraine? Davor hätten weder der Müller noch der Bäcker bange, wenngleich auch sie merken, dass die Preise anziehen und die Karten neu gemischt würden.

„Für das laufende Jahr gut versorgt“

„Für das laufende Jahr sind alle gut versorgt. Die Weizen-Ernte 2021 war ausreichend, ebenso die Dinkel-Ernte, bei Roggen war es eher knapp. Ich bemühe mich immer, frühzeitig einzukaufen, um die Kontinuität zu halten“, sagt Müllermeister Werner, der auch die Kliftmühle in Warburg-Ossendorf gepachtet hat, die älteste Mühle im Diemeltal. Dort wird das Korn aufgenommen, im Labor untersucht, gelagert, getrocknet und gereinigt; gemahlen und sackweise verpackt wird in der Walzenmühle in Schmillinghausen.

„Im nächsten Umkreis mein Produkt zu vertreten gelingt mir gut“, sagt Jürgen Werner. Wobei Umkreis für ihn bedeutet: Morgens ab 2 oder 3 Uhr beliefert er Bäckereien im Umkreis von rund 100 Kilometern. Wenn es eng wird, helfen auch sein Sohn und seine Lebensgefährtin Nicole Michels. Bereits seit 1992 beliefert er etwa den Brotgarten in Kassel. Doch auch bis nach Düsseldorf führen ihn regelmäßig die Wege. Im Landkreis Waldeck-Frankenberg kaufe lediglich Bäcker Weber aus Sachsenberg sein Mehl zu 100 Prozent bei ihm.

„Man muss es halt wollen“

Wenn Bio-Landwirt Christoph Dietzel aus Berndorf eine Ackerfläche frei hat, probiert er gern für hiesige Breiten eher ungewöhnliche Saaten aus. Vergangenes Jahr baute er zum ersten Mal Leinsamen an. Herrliche Blüte, schwierige Ernte.

Die geerntete Ölsaat ließ er auf dem Demeterhof von Moritz Schäfer in Schwalmtal reinigen, der seit 2017 eine Anlage zur Aufbereitung von Druschfrüchten und Ölsaaten betreibt, um die Wertschöpfung in der Region zu halten – so reinigt und arbeitet er auch für andere Landwirte im Lohn auf.

Die Hälfte der gesäuberten Ernte von Christoph Dietzel werde zu Leinsamen-Öl gepresst, der Rest sei A-Ware mit Backqualität. „Dieses Jahr ist die Abnahme gesichert“, sagt der Berndorfer Bio-Landwirt. Unter anderem hat Bäcker Dirk Weber aus Sachsenberg einige Säcke gekauft; sie lernten sich bei einer Veranstaltung kennen.

Abgesehen davon, dass es einen großen Ausschuss gebe und die Ernte aufgrund der faserigen Stengel durchaus eine Herausforderung sei, würde er Leinsamen weiter anbauen, wenn er – möglichst in der Region – feste Abnehmer hätte, sagt Christoph Dietzel.

„Fast jeder Landwirt ist an einer engeren Zusammenarbeit mit Bäckern und anderen direkten Abnehmer vor Ort interessiert“. Die Herausforderung sei, zusammen zu kommen und Netzwerke aufzubauen. Das kann anfangs durchaus zeitintensiv sein. „Man muss es halt wollen“, unterstreicht der Berndorfer Bio-Landwirt. md

Bio-Landwirt Christoph Dietzel aus Berndorf hat erstmals Leinsamen angebaut. Er macht das weiter, wenn er feste Abnehmer hat.
Bio-Landwirt Christoph Dietzel aus Berndorf hat erstmals Leinsamen angebaut. Er macht das weiter, wenn er feste Abnehmer hat. © Marianne Dämmer

Der Bäcker- und Konditormeister Dirk Weber macht das aus Überzeugung: „Ich höre manchmal von Berufskollegen, nur mit Eliteweizen aus dem Ausland lasse sich gutes Brot backen. Dem widerspreche ich ganz entschieden“, sagt Weber aus zehnjähriger Erfahrung.

Die Qualität des Mehls, die Getreideproduktion fast vor der Haustür und kurze Wege würden ihn überzeugen. Seit er auf bio umgestellt habe, käme für ihn ein anderer Weg ohnehin nicht mehr in Frage. „Bio und dann tausende Kilometer Transportwege? Das ergibt keinen Sinn“, sagt der Sachsenberger.

„Man kann ganz klar auch gute Qualitäten hier ernten“

„Man kann ganz klar auch gute Qualitäten hier ernten – man muss sich nur Mühe geben“, sagt Müllermeister Jürgen Werner: „Das geht beim Landwirt los, dann weiter über mich, den Rest macht der Bäcker“, sagt der 56-jährige Schmillinghäuser. Seine Aufgabe in diesem Kreislauf beginne damit, die Qualität des Korns im Vorfeld genau zu überprüfen und zu beurteilen.

„Ich bin Kleinstunternehmer, da will ich wissen, was ich von den Landwirten bekomme. Ich fahre auch schon mal selbst hin und nehme mehrere Proben vor Ort – aus schlechtem Getreide kannst du kein gutes Mehl machen“, sagt der Müllermeister. Proteingehalt, Kornhärte, Sedimentationswert – das und noch mehr muss stimmen. „Stimmt das nicht, wird nicht gekauft“, erklärt der Diplom-Müllereitechniker, der in jüngeren Jahren in einer Großmühle im Labor gearbeitet hat.

Jetzt in der Krise zeige sich wieder, wie sinnvoll das Prinzip der eher kurzen Wege sei. Außer seiner Mühle gebe es im Landkreis seines Wissens noch eine Mühle im Frankenberger Land, die meisten anderen hätten in den 1970er Jahren ihre Arbeit aufgegeben. Er beweise, dass eine Mühle mit gut 3000 Tonnen Produktion ein Auskommen bieten könne, inklusive Stromerzeugung und Getreidetransporte.

„Es macht Spaß, mit Getreide zu arbeiten. Den Job muss man mit Liebe und Seele machen“, sagt der 56-jährige – wohl wahr, bei langen Arbeitstagen von zehn bis 15 Stunden. Möchte er mehr Bäckereiein beliefern? „Nur bedingt. Es ist nicht mein Ziel – ich will gesund bleiben. Dann wäre die Herstellungsphilosophie eine andere“, sagt Jürgen Werner. Auch in diesem Punkt ist er sich mit Dirk Weber eins. (Von Marianne Dämmer)

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