Angebot im Delta-Restaurant in Korbach ausgeweitet

Hier kochen Hartz IV-Empfänger für Bedürftige: Essen für einen Euro

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Kochen für Bedürftige: Hartz IV-Empfänger Adalbert Kloss arbeitet in der Küche des Restaurants Mahlzeit.

Korbach – Seit sieben Jahren bietet das Restaurant Mahlzeit Arbeitsgelegenheiten für Hartz IV-Bezieher und zugleich die Chance auf ein günstiges Mittagessen für Bedürftige. Nun wurde das Angebot ausgeweitet.

Seit kurzem gibt es auch Frühstück und am Nachmittag Kaffee und Kuchen für die Gäste.

„Es ist gut und günstig“, sagt Klaus-Dieter Steinhof. Der Korbacher, ehemals Hartz IV-Empfänger und jetzt Frührentner, kommt jeden Tag ins Mahlzeit zum Mittagessen. Auch an diesem Tag – auf der Speisekarte stehen Schnitzel und Gemüse – ist er wieder da. Steinhof lebt allein „und hier ist man wenigstens unter Leuten“. Außerdem, so sagt er, schmecke das Essen. „Wo gibt es schon Vorspeise, Hauptgang und Dessert für einen Euro?“

Am Herd steht derzeit jeden Tag Adalbert Kloss. Der Korbacher hat vor gut einem halben Jahr im Restaurant als Ein-Euro-Jobber angefangen. „Das ist eine super Auffangstation,“ sagt er. Der 59-Jährige ist nicht nur gelernter Kfz-Mechaniker. „Ich bin auch halber Koch.“ Die Ausbildung habe er aus gesundheitlichen Gründen aber abbrechen müssen.

Miroslawa Apanowicz ist seit gut drei Wochen im Service im Mahlzeit.

Drei Jahre ist Kloss jetzt arbeitslos. Und in dem Alter sei es schwierig, etwas Neues auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Die Arbeit in der Küche empfindet er als sinnvoll und das nicht nur für ihn selbst. „Die Leute, die jeden Tag zum Essen hier her kommen, haben sehr wenig“, sagt er. Zusammen mit den anderen – gearbeitet wird unter Anleitung eines Kochs – will er ihnen zumindest ein gutes Essen in schönem Ambiente bieten. Wie es für ihn selbst weitergeht? Das wisse er nicht, sagt Adalbert Kloss. „Ich werde mich einfach immer wieder bewerben.“

Erfolg hatte damit schon seine Kollegin Angelique Schaub. Die 21-Jährige fängt im nächsten Jahr eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin an, eine Lehre zur Verkäuferin hatte sie zuvor abgebrochen. „Das war nicht das Richtige für mich.“ Nun ist sie seit etwa vier Monaten in der Küche des Delta-Restaurants und „das macht mir richtig Spaß“. „Ich koche und backe liebend gern“, sagt die Vöhlerin. Das macht sie derzeit sechs Stunden jeden Tag, von Montag bis Freitag.

Noch ganz neu ist Miroslawa Apanowicz. Die Mutter eines dreijährigen Sohns hat vor drei Wochen angefangen, arbeitet im Service. „Das ist besser, als Zuhause zu sitzen“, sagt sie. „Dort fällt einem irgendwann die Decke auf den Kopf.“ Sie ist auf der Suche nach einer festen Teilzeitstelle im Verkauf oder in der Gebäudereinigung. „Ich will mir meine Brötchen selbst verdienen und nicht von jemandem abhängig sein“, sagt Apanowicz.

"Man muss absolut keine Angst haben, hier her zu kommen"

In unterschiedlichen Schichten kümmern sich Kloss, Schaub, Apanowicz und ihre Kollegen um das Frühstück mit selbst gemachten Brötchen, Marmelade, Aufschnitt, Käse und Kaffee, das es täglich von 8.30 bis 10 Uhr gibt und um das Mittagessen, das jeden Tag zwischen 11.45 und 13.30 Uhr auf den Tisch kommt, ebenfalls für einen Euro pro Person. Am Nachmittag gibt es dann selbst gebackenen Kuchen oder Waffeln. Klaus-Dieter Steinhof kommt gern. Er weiß, dass es vielen Menschen unangenehm ist, „sie trauen sich anscheinend nicht, her zu kommen. Man muss absolut keine Angst haben, hier her zu kommen.“

Einen Euro: So viel müssen die Gäste des Restaurant Mahlzeit beim Frühstück und beim Mittagessen jeweils zuzahlen. Allerdings ist das Restaurant nicht für jeden geöffnet. „Die Bedürftigkeit muss nachgewiesen werden“, sagt Volker Heß, Geschäftsführer von Delta Waldeck-Frankenberg. Hartz IV-Empfänger kommen ebenso zum Essen wie Flüchtlinge, Bezieher von Grundsicherung oder Wohngeld und Senioren mit geringer Rente.

Ein erster Schritt zur Stabilität

15 Frauen und Männer zwischen 20 und Mitte 50 stehen derzeit in der Küche oder arbeiten im Service für die Gäste. Sie alle sind Hartz IV-Empfänger, die Arbeit im Restaurant ist eine Arbeitsgelegenheit. Gearbeitet wird in unterschiedlichen Schichten. Die einen fangen um 8 Uhr an, andere um 10, die nächsten um 12 Uhr.

Und die Arbeitszeiten sind flexibel, sagt Julia Rusch, Pressesprecherin des Jobcenters Waldeck-Frankenberg. Vier, sechs oder acht Stunden könnten die Frauen und Männer arbeiten.

Das Ziel sei es nicht in erster Linie, gleich einen festen Arbeitsplatz zu finden, sagt sie. „Die Arbeitsgelegenheit ist ein erster Schritt zur Stabilität.“ Oft seien die Teilnehmer schon lange arbeitslos, andere hätten noch nie gearbeitet. Sie sollen (wieder) eine Tagesstruktur lernen.

Alle Teilnehmer – ob im Restaurant oder der Fahrradwerkstatt Radwechsel – werden nicht nur beschäftigt, sondern auch betreut und gefördert. Ob bei der Jobsuche samt Bewerbungen schreiben, bei der Suche nach einer Wohnung oder bei Behördengängen. Bereits seit 2012 gibt es das Mittagessen-Angebot in der früheren Pizzeria an der Flechtdorfer Straße, nun wurde es um Frühstücksmöglichkeit und Kaffeetrinken erweitert. So seien die Teilnehmer besser ausgelastet, sagt Helmut Heine vom Jobcenter. 

Bis zu 40 Mittagessen jeden Tag

Ein ausgebildeter Koch unterstützt die Frauen und Männer im Mahlzeit, leitet an und erstellt Dienstpläne. Minimum ein halbes Jahr sind die Teilnehmer dort, eine Frau geht jetzt ins zweite Jahr. Gekocht wird mittags täglich für 30 bis 40 Personen, das Frühstück werde noch nicht so gut angenommen, sagt Ingo Hoppmann, Mitarbeiter von Delta. Acht bis zehn Personen würden jeden Morgen kommen. Begegnungsstätten gibt es mehrere im Landkreis, in allen Mittelzentren. Das Essensangebot gibt es allerdings nur in Korbach. Das sei auch eine finanzielle Frage, sagt Volker Heß. Das Restaurant habe jährlich etwa „10 000 bis 15 000 Euro höhere Kosten als Einnahmen“, sagt er.

Würden weitere Restaurants eingerichtet, „hätten wir deutliche Mehraufwendungen“, unterstreicht Landrat Dr. Reinhard Kubat. Kosten für weitere Anmietungen, mehr Personal und Ausstattung würden anfallen. „Das wäre ein hoher fünfstelliger Betrag im Jahr“, schätzt der Landrat.

Seit Bestehen des Mahlzeit haben 374 Menschen dort gearbeitet, sagt Julia Rusch. Wie viele anschließend in einen sozialversicherungspflichtigen Job gewechselt sind, weiß sie nicht. Für Hoppmann ist klar: „Das ist eine win-win-Situation für die Kunden und die Teilnehmer."

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