Es gab täglich Tote

Die „Spanische Grippe“ von 1918/19 im Frankenberger Land: Kein Fremder wagte sich nach Schiffelbach

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Sie erkrankten fast alle: Wegen der Futtermittel-Knappheit an der Front sammelten die Schiffelbacher Schulkinder mit Lehrer Corell (im Hintergrund mit Hut) zwei- bis dreimal pro Woche im Wald Laubheu oder Bucheckern. Nur sechs von 71 Schulkindern wurden von der Grippe verschont.

„Täglich zwei, auch drei Särge wurden durch das Dorf getragen." So schilderte der Lehrer Georg Corell 1918 die schlimmen Auswirkungen der Grippe-Pandemie in Schiffelbach, heute ein Stadtteil von Gemünden/Wohra.

„Täglich zwei, auch drei Särge wurden durch das Dorf getragen, ihnen voran nur einzelne Kinder, hinterher nur wenige Alte, die das Ungeheuer verschont hatte. Der seit alter Zeit gebräuchliche Begräbnisgesang mußte eingestellt werden… Schnitter Tod hielt reiche Ernte“, schreibt im Oktober 1918 Lehrer Georg Corell in der Schulchronik, nachzulesen in der 2013 vorbildlich aufgearbeiteten Ortsgeschichte von Schiffelbach. Seine Aufzeichnungen sind eine der ergiebigsten regionalen Quellen, die von der Pandemie „Spanische Grippe“ aus einem der am härtesten getroffenen Dörfer in Nordhessen vorliegen.

Georg Corell bestätigt das, was auch in der medizinhistorischen Fachliteratur über den damals unbekannten, anfangs als harmlos bezeichneten Grippeerreger später erforscht wurde: Anders als bei Covid-19 waren bei der damaligen Virus-Variante H1N1 nicht die älteren Personen, sondern junge Erwachsene betroffen, deren Immunsystem auf das Virus-Antigen überreagierte und massive systemische Entzündungsreaktionen auslöste.

„Ganz plötzlich, bei einigen langsam zunehmend, stellten sich starke Kopf-, Brust- und Rückenschmerzen mit Fieber ein“, notierte der Schiffelbacher Lehrer am 16. Oktober 1918. „Erklärlich wurde diese Erkrankung erst, als aus allen Teilen Deutschlands und auch aus dem Ausland Tausende von ähnlichen Fällen gemeldet wurden.“

Corell, der selbst wie fast alle seiner 71 Schiffelbacher Schulkinder erkrankte, berichtet von Fieber über 40 Grad, „dass die Besinnung der Erkrankten oft stunden- oder tagelang schwand. Die ungeheuren Fieber verursachten oft tobsuchtsartige Anfälle, in deren Verlauf die Angehörigen die Kranken kaum bezwingen oder am Hinausspringen hindern konnten.“ Der Hausarzt konnte nur alle zwei bis drei Tage aus Gemünden nach Schiffelbach kommen, „zu Fuß, und musste dann in etwa 60 Häusern Besuche machen.“

„Die Besserung trat in der Regel nach einer starken Blutung ein“, berichtet Chronist Corell. Bei Kindern sei die Grippe zumeist als „Halsentzündung“ verlaufen. „Vor allem waren es die im blühenden Alter stehenden Leute von 18 bis 35 Jahren, bei denen sie auf die beschriebene hartnäckige Art auftrat. Besonders stark wurde die weibliche Jugend heimgesucht. Ein großer Teil unterlag in der Heimat diesem tückischen Tod, während die männliche Jugend sich auf dem Schlachtfeld opferte. Das Herz krampft sich noch zusammen, wenn ich an den Anblick denke.“ Es waren die Straßen von Schiffelbach wie ausgestorben, Menschen und Tiere ohne Pflege, in den Häusern alle bis auf wenige krank. Wenige gesund Gebliebene versorgten das Vieh von vier bis fünf Haushalten.

Die Schiffelbacher Schulchronik erinnert namentlich an 24 Grippe-Todesopfer zwischen dem 24. Oktober und 5. Dezember 1918. „In kurzer Zeit war die Heimsuchung unseres Ortes so bekannt, dass kein Fremder sich mehr in das Weichbild des Dorfes wagte, selbst die nächsten Verwandten der Heimgegangenen erschienen oft nicht mehr zum letzten Geleit.“

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