Interview über Stigmatisierung

Schulleiter in Waldeck-Frankenberg warnen vor Schuldzuweisungen bei Corona

Schnelltests für Lehrer gehören zu den Schritten, welche die Schulleiter als notwendig sehen.
+
Schnelltests für Lehrer gehören zu den Schritten, welche die Schulleiter als notwendig sehen.

Corona-Infektionen führen zu Schuldzuweisungen an die betroffenen. Auch die Schulen im Landkreis spüren dieses Problem, wie beim Interview mit einer Schulleiterin deutlich wird.

  • Corona-Infektionen führen dazu, dass Betroffene sich Schuldzuweisungen und Stigmatisierung gefallen lassen müssen - auch an Schulen.
  • An Schulen führt dass dazu, dass Kontaktpersonen sich ohne Angabe von Gründen krank melden – die Pandemie-Bekämpfung brauche Offenheit, warnt die Kreis-Vorsitzende des Interessenverbands des Hessischen Schulleitungen im Interview.
  • Die Schulen nicht zu schließen, sei richtig – um den Unterricht zu gewährleisten seien aber unter anderem digitale Ausstattung und Schnelltests für Lehrer notwendig

Waldeck-Frankenberg – Bei einem Schüler wird Corona diagnostiziert – und gleich wird gefragt, wo er denn gefeiert, was er falsch gemacht hat. Solche Fälle der Stigmatisierung waren jüngst ein Thema bei einer Versammlung des Interessenverbands Hessischer Schulleitungen, an der mehr als 30 der 56 Schulleiter im Kreis teilgenommen haben. Kreisverbands-Vorsitzende Barbara Pavlu erklärt im Interview, wie sie und ihre Vorstandskollegen die Sache sehen.

Bemerken Sie bei Schülern und Eltern Sorge, wegen einer Corona-Infektion stigmatisiert zu werden?
Das ist nicht nur an Schulen so. Schnell bekommen die Betroffenen einen Stempel aufgedrückt. Bei Feiern stecken sich die Menschen an, also ist der logische Schluss, dass der Infizierte gefeiert hat.
Die Sorge vor Schuldzuweisungen ist also berechtigt? Auch nach der Genesung?
Natürlich kann das nicht verallgemeinert werden, aber Sündenböcke werden gesucht. Das Schlimmste für die Genesenen sind die Schuldzuweisungen. Als seien sie persönlich für diese Pandemie verantwortlich. Es gibt Diskriminierung und Anfeindung, als hätten sie die Krankheit verursacht.
Was denken Sie: Woher kommt der Hang, Schuldzuweisungen zu machen?
Bei Naturereignissen halten wir zusammen und helfen uns. In der Soziologie gibt es Untersuchungen zu den Auswirkungen einer Naturkatstrophe und auch zu Epidemien. Bei Erdbeben oder einer Flut geht die Gefahr nicht von Menschen aus, wir sind ihr ausgeliefert. Bei einer Pandemie hat der eine vor dem anderen Angst.
Was folgt aus der Furcht vor Stigmatisierung?
Es wird nicht offen und ehrlich miteinander umgegangen. In Klassen fehlen Schülerinnen und Schüler, ohne dass die Schulen den Grund wissen.
Es werden also Infektionen nicht direkt gemeldet, sondern Schüler ohne genauere Angaben krank gemeldet?
Die Schulen kennen die Infizierten in der Schule, wenn das Gesundheitsamt die Kontaktverfolgung mit unserer Hilfe in den Klassen startet. Ist das nicht nötig oder kommt die Information, Erstkontakt zu sein, vom Gesundheitsamt zur Kontaktperson, dann wird als Entschuldigung in der Schule oft nur „krank“ angegeben, obwohl es Kontakt zu einem Infizierten gab hat und der entsprechende getestet wird.
Erschwert das den Umgang mit der Pandemie?
Nur offener Umgang hilft uns Schulen im Moment zu wissen, wie wir das Risiko einer Ansteckung minimieren und welche Klassen besser zeitweise im Homeschooling bleiben, weil sowieso Schülerinnen und Schüler in Quarantäne sind. Eltern sollten ihre Kinder nicht einfach krank melden, sondern auch Grund und Dauer angeben. Also klar sagen: Ich habe Corona, meine Kinder sind Kontakte erster Ordnung; ich bin K1-Kontakt, mein Kind ist keine zwölf Jahre alt und bleibt deshalb zuhause; mein Kind ist K1-Kontakt eines Infizierten; mein Kind hat Symptome und wird getestet.
Barbara Pavlu, Vorsitzende des Kreisverbands des Interessenverbands der Hessischen Schulleitungen und Leiterin der Uplandschule in Willingen.
Können Sie sagen, wie viele Schüler, Lehrer, Klassen im Kreis in Quarantäne mussten?
Die Schulleiter kennen die Zahl der Infizierten an der Schule, nicht aber die der Erstkontakte auf der Seite der Schüler, weil das Gesundheitsamt nur den einzelnen informiert, wenn nicht die ganze Klasse in Quarantäne muss. Gängige Praxis in unserem Gesundheitsamt ist, dass durch die Masken nicht die ganze Klasse Erstkontakt ist, egal ob Lehrkraft oder Schüler infiziert ist.
Was lässt sich gegen die Haltung der Stigmatisierung tun?
Erstens sollten wir aus der Geschichte und aus der biblischen Geschichte lernen. Schuldzuweisungen und Stigmatisierungen haben sich für die Menschheit nie gut entwickelt und der Umgang mit Kranken wird uns in der Bibel vorgelebt. Zweitens sollten wir uns nicht vor Angst unsere Empathie nehmen lassen. Wo bleibt unser Mitgefühl mit den jungen Menschen, die im Moment nicht ihre Hochzeit, ihren Schulabschluss oder den Ferienbeginn feiern können? Drittens Solidarität zeigen: also zusammenstehen, von unserem Eigeninteresse absehen und auch Nachteile in Kauf nehmen. Und viertens ist gegenseitiges Vertrauen das einzige Heilmittel. Wir brauchen jetzt Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang mit der Krankheit und keine Stigmatisierung oder Verurteilung.
War es richtig, die Schulen vom Teil-Lockdown auszunehmen?
Ja, Kinder brauchen Struktur und soziale Kontakte. Die Schere zwischen Kindern aus bildungsnahen und -fernen Elternhäusern wird noch weiter auseinandergehen. Unsere Lehrerinnen und Lehrer brauchen die Augen der Kinder vor sich, um zu wissen, ob sie etwas verstehen.
Und wie schätzen Sie die Lage an den Schulen allgemein ein? Reichen die Maßnahmen Maske, Abstand, Lüften, um den Unterricht zu ermöglichen?
Eine breite Ansteckung wollen wir auf jeden Fall vermeiden. Wir Schulleiterinnen und Schulleiter sind froh über die bestehende Maskenpflicht. Gemeinsam und solidarisch schaffen wir es, Ansteckungen in der Schule zu minimieren. Eine 100-prozentige Sicherheit wird es nicht geben, jeder kann sich anstecken. Aber Hysterie und Panik ist jetzt das Falsche. Wir haben Masken, um uns und andere zu schützen. Den Abstand können wir nicht einhalten, dazu sind die Klassenräume in der Regel zu klein. Und Lüften darf nicht zum Dauerlüften werden. Wir brauchen hier Hilfen.

Der Interessenverband der Schulleitungen

Der Interessenverband Hessischer Schulleitungen (IHS) sieht sich als Ansprechpartner für Politik und Öffentlichkeit und setzt sich für die beruflichen Interessen der Schulleiter, aber auch für eine Schulkultur mit Toleranz, Persönlichkeitsentwicklung der Schüler und Beteiligung der Eltern ein. Der Kreisverband hat 31 aktive und 27 passive Mitglieder. An der Versammlung Ende Oktober in der Alten Landesschule nahmen online und vor Ort 30 Schulleiter teil, dazu Vertreter des Gesundheitsamtes und des Fachdienstes Schulen. Dabei wurde auch der Vorstand neu gewählt: Barbara Pavlu wurde als Vorsitzende bestätigt, auch Nina Jonescu (Paul-Zimmermann-Schule Korbach) bleibt dabei. Dazu kommen Doris Bechold (Cornelia-Funke-Schule Gemünden) und Michael Gering (Louis-Peter-Schule Korbach) in Nachfolge von Rosel Reiff und Christiane Lücke sowie Nermin Akkus (MPS Sachsenhausen) als Beisitzerin und Kassiererin. Damit sind alle Schulformen außer Berufsschulen im Vorstand vertreten.

Welche Unterstützung brauchen die Schulen?
Verbundschulen mit Grund-, Haupt- und Realschulen wünschen sich eine einheitliche Pflicht zur Maske. Dass Grundschüler ausgenommen, aber vor Ort sind führt sonst zu Verwirrung. Die Zusammenarbeit mit Gesundheits- und Schulamt im Falle einer Infektion funktioniert sehr gut, aber wir brauchen schnell und zuverlässig eine gesicherte Information über die Anzahl der Erstkontakte eines Infizierten und deren Verteilung in unserer Schule. Wir würden es begrüßen, wenn die Schulen konkrete Ansprechpartner beim Gesundheitsamt hätten. Es ist für uns sehr gut, dass die Lehrkräfte sich freiwillig testen lassen konnten. Jetzt aber brauchen wir Schnelltests, die uns schnell sagen, ob ein Lehrer weiter unterrichten darf. Wir setzen für viel Geld Vertretungskräfte ein, wenn die Lehrkraft weiter hätte unterrichten können, aber fast eine Woche auf das Testergebnis warten muss. Das Allerbeste wäre, alle Lehrkräfte einer Schule einem Antikörpertest zu unterziehen.
Ist die nötige Ausstattung vorhanden?
Wir sind inzwischen sehr gut mit Desinfektionsmitteln und Masken für das Personal ausgestattet. Auch für die Schülerinnen und Schüler wurden überall Seifenspender und Papierhandtücher in den Klassenzimmern aufgehängt. Die Schulen brauchen aber ein zusätzliches Budget und eine klare Information über die Möglichkeiten für weitere Anschaffungen wie CO2-Messgeräte, Spuckschutz in den Klassenräumen, Trennwände, Wegemarkierungen. Lüftungssysteme sind teuer und haben lange Lieferzeit, einige Schulträger haben teilweise sogar die Anschaffung über Spenden verboten.
Ist mehr nötig, um den Unterricht zu gewährleisten?
Die Schulen brauchen eine zuverlässige Netzanbindung für den digitalen Unterricht, die es erlaubt, ihn aus dem Klassenraum zu Schülerinnen und Schülern in Quarantäne zu übertragen. Auch Hard- und Software ist dafür nötig. Neben der technischen Ausstattung fehlt den Schulen der technische Support, also Administratoren. Das sollte nicht ein Kollege nebenbei machen müssen: Hier müssen Stellen geschaffen werden. Und die Schulen brauchen zusätzliches Personal, gegebenenfalls auch ehrenamtlich, um die vermehrten Aufsichten zu unterstützen, geteilte Klassen zu beaufsichtigen oder Lehrerkräfte zu vertreten. (wf)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.