Urteil ist gefallen

Selbstjustiz nach Unfall: Frankenberger verprügelt Fahrer

Frankenberg. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung hat das Frankenberger Amtsgericht einen 22-jährigen Mann zu einer Geldstrafe von 2700 Euro (45 Tagessätze à 60 Euro) und einem dreimonatigen Fahrverbot verurteilt.

Nach der Kollision zweier Autos in der Frankenberger Innenstadt war es im August zu einer handgreiflichen Auseinanandersetzung des 22-Jährigen mit seinem Unfallgegner, einem 19-jährigen Mann aus dem Landkreis, gekommen.

Beide Fahrer hielten zunächst an. Dann jedoch flüchtete der 19-Jährige in seinem Fahrzeug, der 22-Jährige nahm die Verfolgung auf. Am Ende einer Sackgasse stellte der Angeklagte den 19-Jährigen und stieg aus, um den Flüchtigen zur Rede zu stellen. Soweit stimmten die Schilderungen der beiden Beteiligten und ihrer jeweiligen Beifahrer überein.

„Am Kragen gepackt“

In der Frage, was danach geschah, widersprachen sich der Angeklagte und sein Opfer. Der Frankenberger gab an, den 19-Jährigen am Kragen aus dem Auto gezogen und dann zu seinem Wagen geschubst zu haben, „um ihm zu zeigen, was er angerichtet hat“. Er sei „sehr angespannt“ gewesen und habe den jungen Mann auch beleidigt, ihn aber nicht geschlagen.

„Schläge und Tritte“

Der 19-Jährige, den die Erinnerungen an den August-Tag sichtlich mitnahmen, berichtete, dass sein Verfolger ihn „10 bis 13 Mal“ mit der Faust und der flachen Hand durch das geöffnete Fenster ins Gesicht geschlagen habe, als er noch im Auto saß. Dann habe er durch das Fenster die verschlossene Fahrertür geöffnet und ihn gegen den Oberkörper getreten.

Der 19-Jährige bot an, die Schäden am Wagen des Angeklagten zu beseitigen - er ist in der Ausbildung zum Autolackierer. Daraufhin forderte dieser zusätzlich die Ausbesserung einer Delle eines früheren Unfalls „als Wiedergumachung“ und 20 Euro „als Spritkosten für die Verfolgung“.

Die Plädoyers

Für die Vertreterin der Staatsanwaltschaft stand nach der Beweisaufnahme fest, dass der Angeklagte sein Opfer mit Schlägen und Tritten attackiert hat. „Anlass und Tat stehen in keinem Verhältnis.“ Sie forderte neben einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 60 Euro zusätzlich, dem Angeklagten den Führerschein zu entziehen, da er „charakterlich ungeeignet für das Führen von Fahrzeugen“ sei.

Der Anwalt des Angeklagten ging hingegen davon aus, dass es nur ein aggressives Schubsen, aber keine Schläge oder Tritte seines Mandanten gegeben habe - denn dann hätten die Verletzungen des Opfers „wesentlich gravierender“ sein müssen.

Die Aussagen der Zeugen - der Angeklagte wurde nach energischen Nachfragen der Richterin auch von seinem Freund belastet - stufte der Anwalt wegen zahlreicher Widersprüche allesamt als „nicht gerichtsfest“ ein. Er ging deshalb nur von einer einfachen Körperverletzung aus und forderte 25 Tagessätze à 60 Euro.

Das Urteil

Richterin Andrea Hülshorst folgte bei der Festsetzung der Geldstrafe dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Darstellung des Opfers glaubte sie gerade deshalb, weil er und seine Freundin sich in einigen Punkten widersprachen. „Sie haben sich nicht abgesprochen“, sagte Hülshorst. Auf einen Führerscheinentzug verzichtete sie aber. Es handele sich um eine einmalige Situation, die aus dem Ruder gelaufen sei. Deswegen beließ sie es die Richterin bei einem dreimonatigen Fahrverbot.

Hintergrund

Bei einem Fahrverbot bleibt der Führerschein gültig, muss aber für ein bis drei Monate abgegeben werden. Danach dürfen Kraftfahrzeuge wieder geführt werden.

Im Gegensatz dazu verliert der Fahrausweis bei einem Führerscheinentzug die Gültigkeit. Nach Ablauf der der Sperrfrist (sechs Monate bis fünf Jahre) muss er neu beantragt werden. Dafür können Bedingungen wie eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU, auch „Idiotentest“) zur Auflage gemacht werden.

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