Parzellen stehen hoch im Kurs

Wegen Corona wächst in Waldeck-Frankenberg Interesse an Kleingärten

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Neue Gartenkolonisten: Stefan und Kristina Lahn mit Sohn Taio in ihrem neuen Schrebergarten in der Kleingartenanlage 1932 im Rhenaer Weg in Korbach. Sie haben sich vor allem wegen des Sohnes für einen Schrebergarten entschieden, genießen den Platz und wollen gesundes Obst und Gemüse anbauen. Fotos: Marianne Dämmer

Kleingärten in Waldeck-Frankenberg sind gefragt wie lange nicht: Die Hochzeit der Corona-Krise, mit der im Frühjahr erhebliche Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen einhergingen, hat die Nachfrage nach einem Stückchen Grün zum Gärtnern und zur freien Entfaltung wachsen lassen.

„Das Interesse, einen Garten zu mieten, war in den vergangenen Wochen sehr groß. Fast alle Kleingärten sind inzwischen vergeben“, sagt Hartmut Kampf, der dem Waldeck-Frankenberger Kreisverband der Kleingärtner vorsteht.

Im Kreisverband haben sich sieben Kleingärtnervereine organisiert, die insgesamt 505 Parzellen vergeben – davon seien aktuell nur noch zwei frei, Interessenten gebe es aber bereits.

„Es sind derzeit vor allem junge Familien, die sich für eine Gartenparzelle interessieren. Für sie ist das ein interessantes Thema – vor allem jetzt“, sagt Hartmut Kampf mit Blick auf die Epidemie, die immer noch strenge Hygiene- und Abstandsregeln nötig macht.

Als am 13. März Schulen und Kindergärten geschlossen wurden, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, als Reisebeschränkungen, die Schließung der Grenzen und Geschäfte folgten und schließlich am 22. März ein bundesweites Kontaktverbot ausgesprochen wurde, stellte das vor allem Familien vor große Herausforderungen. „Seitdem stieg die Zahl der Anfragen bei unseren Vereinen deutlich“, sagt der Kreisvorsitzende, der selbst seit vielen Jahren einen Kleingarten besitzt.

„Bei uns ist das Interesse jedes Frühjahr generell hoch. Wir haben schon eine Warteliste mit 70 Personen und nehmen gar keinen mehr auf“, erklärt Sabine Bäzol von der Stadt Bad Wildungen, die in der Kernstadt und den Stadtteilen rund 190 Gärten verpachtet. Auch beim Kleingartenverein Allendorf/Eder kamen vermehrt Nachfragen, „wir hatten aber keinen Garten mehr abzugeben“, sagt Vorsitzender Friedhelm Dauber.

Lediglich bei der Stadt Frankenberg gab es keine gestiegene Nachfrage. Dort seien die Kleingärten größtenteils in privatem Eigentum, die wenigen städtischen seien langfristig verpachtet, erklärt Sprecherin Evelin Jacobs.

„Wir haben schon länger überlegt, einen Kleingarten zu pachten. Als dann Corona aufkam, fiel die Entscheidung ganz schnell. Wir wussten: Jetzt ist dafür ein guter Zeitpunkt“, sagen Stefan und Kristina Lahn aus Korbach. Sie wohnen in der Nähe der Kleingartenanlage im Rhenaer Weg, gingen dort mit ihrem sieben Monate alten Sohn Taio oft spazieren.

„Wir wollten das in erster Linie für ihn – und er findet es hier draußen ganz toll“, sagt die 30-Jährige. Beide bringen etwas Erfahrung mit, „wir werden vor allem aber von meiner Mutter unterstützt“, sagt Kristina Lahn. Die Parzelle nebenan, die ohne Laube und längere Zeit wild lag, haben sie gleich mitgepachtet, um alles wieder urbar zu machen.

Insgesamt 272 Parzellen gibt es in der Kleingartenkolonie 1932 im Rhenaer Weg – damit ist sie mit Abstand die größte im gesamten Landkreis. Wie die anderen vier Kleingartenanlagen in Korbach gehört sie zum Grüngürtel der Stadt und ist durch den Bebauungsplan als Dauerkleingartenanlage abgesichert.

„Normalerweise standen in den letzten Jahren immer 15, 20 Gärten frei. Wir haben noch nie in so einem kurzen Zeitraum so viele Gärten vergeben – 18 Gärten in vier Wochen, heute hatte ich schon wieder drei Anfragen“, erklärt Dieter Schmidt vom Vorstand des Kleingärtnervereins (KGV) 1932. „Jetzt haben wir nur noch zwei frei, für die es aber auch schon Interessenten gibt“. Vielen, die angefragt hätten, musste er absagen.

Dieter Schmidt vom Vorstand des  Kleingärtnervereins 1932 Korbach

„Das kann ich nur bestätigen“, sagt Udo Risch. Bei dem Vorsitzenden des KGV Bad Arolsen, wo es 45 Gärten gibt, hätten dieses Frühjahr viele nach einem Garten angefragt, „aber wir haben keine zu vergeben. Unsere Gärten sind begehrt – sie werden in der Regel nur aus Altersgründen abgegeben, durch Wegzug oder wenn ein Mitglied stirbt. Wir führen eine Warteliste“, erklärt der Bad Arolser.

Ähnlich verhält es sich in Bad Wildungen: „Wer hier im Besitz eines Kleingartens ist, gibt ihn in der Regel nur aus Altersgründen oder wegen Umzugs auf“, sagt Sabine Bäzol von der Wildunger Stadtverwaltung: „Wer auf der Warteliste steht, muss gut zwei, drei Jahre und noch länger warten“. Rund 190 Gärten hat die Stadt in der Verpachtung.

Kristina und Stefan Lahn zählen sich zu den Glücklichen, dass sie den Garten bekommen haben. „Wir hätten nie gedacht, dass wir in unserem Alter einen Schrebergarten pachten und uns das so viel Spaß macht – aber es ist jetzt genau das Richtige für uns“, sagt der 35 Jahre alte Familienvater.

„Zumal es ein nettes Verhältnis zu den Nachbarn gibt, und uns der Verein hilft, wo es nur geht“, verweist er auf Vorstandsmitglied Dieter Schmidt – der „seit Corona“ jeden Tag mehrere Stunden ehrenamtlich im Verein ist, um Gärten zu vermitteln, hier und da auch Starthilfen zu geben. „Manche, die neu zu uns gekommen sind, sind schon geübte Gärtner, andere haben kaum Kenntnisse – da hilft man, wenn man kann. Das machen auch die Nachbarn“, sagt Schmidt.

Frisches Gemüse und Platz für die Kinder: Khalil Alhammadeh (von links) mit seinen Kindern Omar, Rania und Kusay hat vor einer Woche in der Kleingartenanlage1932 eine Parzelle erhalten, die lange leer stand. Auf einem Stück hat er Rasen ausgesät, auf dem die Kinder spielen können. Auf dem Rest wird Gemüse angebaut.

Auch Flüchtlinge können Gärten pachten

Auch Flüchtlinge ohne dauerhaftes Bleiberecht hätten immer wieder Interesse an der Pacht eines Gartens bekundet, erklärt Dieter Schmidt vom KGV 1932 in Korbach. „Wir mussten ihnen immer absagen, weil wir nur unbefristete Pachtverträge vergeben. Jetzt haben wir uns aber zu einer Zusatzvereinbarung entschlossen, die allen weiterhilft. Sollten sie Deutschland verlassen müssen, geht der Garten automatisch wieder an den Verein zurück“, sagt Dieter Schmidt.

Zu den ersten, die von der neuen Regelung profitieren, gehört Khalil Alhammadeh aus Syrien. „Seit sechs Monaten habe ich einen Garten gesucht, jetzt hat es endlich geklappt“, sagt der 26-jährige Vater von drei kleinen Kindern, der eine feste Arbeit hat und zunächst bis 2023 in Deutschland bleiben darf. Er und seine Frau haben vor kurzem einen Garten übernommen, der nach dem Tod seines Besitzers vollkommen vernachlässigt war.

„Innerhalb einer Woche hat er ihn so in Schuss gebracht, dass er mit dem Pflanzen anfangen konnte. Wahnsinnig fleißig“, sagt Stefan Lahn – die beiden sind Nachbarn. Tomaten, Zucchini, Auberginen und anderes Gemüse auf der einen Seite, Rasen zum Spielen für die Kinder auf der anderen Seite, „wir sind sehr dankbar“, sagt Khalil Alhammadeh.

Die Möglichkeit, sich an der frischen Luft bewegen zu können, Platz für Kinder zu haben, sich mit etwas Sinnvollem zu beschäftigen und eigenes Gemüse anzubauen, hätte vor dem Hintergrund der Corona-Krise für viele einen neuen Stellenwert erhalten, sagt Kreisverbandsvorsitzender Hartmut Kampf.

Die jungen Familien Lahn und Alhammadeh stehen beispielhaft dafür.

505 vereinsorganisierte Kleingärten 

Im Waldeck-Frankenberger Kreisverband der Kleingärtner sind sieben Vereine organisiert: Der mit Abstand größte ist der Kleingärtnerverein (KGV) 1932 (Rheaner Weg) in Korbach mit 272 Mitgliedern/Parzellen. Der KGV „Edertal“ in Allendorf/Eder hat 30 Parzellen, der KGV in Bad Arolsen 45. Die KGV Eidinghausen (47), Elfringhausen (48), Frankenberger Landstraße (31) sowie Südost (32) gehören ebenfalls dazu. Alle sind als Dauerkleingartenanlagen abgesichert. 

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