Mordprozess Lütersheim

Mord an 79-Jährigem: Wurde das Opfer mit einem Porno-Video erpresst?

Großeinsatz der Feuerwehr in Lütersheim: In den frühen Morgenstunden des 20. November 2018 fanden Feuerwehrleute den 79-jährigen Hausbewohner tot am Boden liegend.
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Großeinsatz der Feuerwehr in Lütersheim: In den frühen Morgenstunden des 20. November 2018 fanden Feuerwehrleute den 79-jährigen Hausbewohner tot am Boden liegend.

Zum Mord an einem 79-Jährigem in Volkmarsen sind neue Informationen bekannt. Der Angeklagte hat sich detailliert zur Tat geäußert.

Kassel/Volkmarsen - Wegen des heimtückischen Mordes an einem 79-jährigen Rentner in Volkmarsen-Lütersheim ist Tino S. zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im ersten Verfahren hat er eisern zu den Vorwürfen geschwiegen.

Doch gegenüber dem Psychiater Dr. Frank Paulmann von der forensischen Psychiatrie in Haina (Kloster) hat er eine detaillierte Schilderung des Geschehens abgegeben und dabei seinen früheren Geliebten Alexander G. (50) bezichtigt, den Rentner getötet zu haben.

Mord an 79-Jährigem in Volkmarsen: „Es ging immer nur ums Geld“

Paulmann schilderte am Donnerstag (09.12.2021) im Revisionsverfahren vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Kassel als Zeuge, was Tino S. ihm erzählt habe. Danach habe er mit G. seit 2018 eine homoerotische Liebesbeziehung gehabt. G., eine imposante Gestalt mit eisgrauem Haar und einem mächtigen Bauch, habe sich als „Diplomat“ bezeichnet. Er habe ihn geliebt und meist getan, was G. von ihm verlangt habe.

G. habe zu dem Witwer in Lütersheim ebenfalls eine sexuelle Beziehung gehabt. Dabei sei ein pornografisches Video aufgenommen worden, das G., das spätere Opfer, und einen zehnjährigen Jungen beim Sex zeige. Mit diesem Video habe G. den Rentner um 20.000 Euro erpressen wollen. „Es ging immer nur ums Geld“, zitierte Paulmann den Angeklagten. Gemeinsam seien S. und G. am 19. November 2018 in zwei Autos von Kassel nach Lütersheim gefahren. Er habe weder dieses noch das, was später geschah, gewollt, sich aber widerstrebend dem Wunsch des dominanten Partners gebeugt, sagte S. laut Paulmann.

Volkmarsen: Haus wurde nach Mord in Brand gesteckt

Während er vor dem Haus auf der Treppe gesessen habe, habe sich der Streit zwischen G. und dem Rentner hochgeschaukelt. Der 79-Jährige habe zu G. gesagt, dass er den Film auch habe und damit G. belasten könne. Der habe daraufhin einen Feuerlöscher geworfen und den Lütersheimer mit dem Knauf einer Schreckschusspistole erschlagen. Er, S., sei noch dazwischen gegangen, daher die Blutspritzer auf seinen Turnschuhen. Er habe die Tat aber nicht mehr verhindern können.

G. habe dann mehrere mit Benzin gefüllte Flaschen geholt, nachdem er die Beute per Schubkarre zu seinem Wagen gebracht habe. G. habe Benzin im Obergeschoss verteilt, er in den unteren Räumen. Das Holzhaus sei dann angezündet worden, dann habe man sich in Gs. Wohnung in Göttingen wieder getroffen.

Warum nimmt jemand eine lebenslange Haftstrafe für einen Mord in Kauf, den er nicht begangen hat? Auch auf diese Frage suchte der Psychotherapeut Frank Paulmann in seinem Gutachten über den wegen Mordes verurteilten Tino S. vor dem Landgericht eine Antwort. Ihm sei erst später klar geworden, was es für seine Mutter und Geschwister bedeute, dass er als „skrupelloser Raubmörder“ verurteilt worden sei, habe S. ihm während der Exploration gesagt, erläuterte Paulmann. Zudem habe G. ihm gedroht, er werde seine Familienmitglieder alle umbringen, wenn S. erzähle, was in jener Novembernacht tatsächlich geschehen ist.

Volkmarsen: Angeklagter hat mutmaßlichen Täter online kennengelernt

Sein bis dahin straffreies Leben als Homosexueller in Fulda sei okay gewesen, bis ihn G. 2018 auf einschlägigen Netzportalen kontaktiert habe. Er habe sich in den eindrucksvollen Mann verliebt und sich bald zu Diebeszügen durch Hotels in ganz Deutschland verleiten lassen. In drei Monaten sei er rund 18 000 Kilometer durch Deutschland, Tschechien und Polen gefahren. Aus den Hotels habe er Fernsehgeräte geklaut, die dann von G. zu Geld gemacht wurden. Er habe Handyverträge abgeschlossen, die Geräte seien dann von G. verkauft worden. Insgesamt habe er so wohl 40.000 Euro für G. erlöst.

Den Mord in Lütersheim habe er nicht verhindern können. Er habe noch gerufen „Hör auf, du bringst ihn ja um“, aber da sei es schon zu spät gewesen.

In Göttingen habe ihm G. die Kredit- und EC-Karten des Opfers ausgehändigt und ihm erklärt, dass er damit nur für Kleinbeträge einkaufen solle. Größere Einkäufe müsse er im Ausland machen. Er habe die Karten an Geldautomaten eingesetzt, obwohl im klar war, dass er dabei fotografiert wird. Das sei ein „Hilferuf“ gewesen, hat S. nach Angaben Paulmanns gesagt.

Mord in Volkmarsen: Plädoyer und Urteil sollen nächste Woche folgen

Der Psychotherapeut beschrieb den Angeklagten als normal intelligent und ohne jede psychische Auffälligkeit. Er habe ihn als freundlichen, voll orientierten und lebhaft gestikulierenden Menschen kennengelernt. Seine Metzgerlehre habe er abgebrochen, weil er kein Blut sehen konnte. Gewalt sei ihm wesensfremd.

Vom Bundesgerichtshof wurde Revision nur bei der Begründung des Mordvorwurfs zugelassen, die Tat selbst steht danach mit S. als Mörder fest. Plädoyers und Urteil sollen am kommenden Montag folgen. Ob es doch anders war, müsste ein neuer Prozess gegen G. zeigen. (Thomas Stier)

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