Echte, analoge Gespräche

Soziale Orte in Waldeck-Frankenberg (8): Solidarität und Sich-Umeinander-kümmern

Schlemmen im Wildunger Mehrgenerationenhaus: Als Plattform des Lernens und Begegnungsstätte gibt es die Einrichtung seit 2007. Unser Bild zeigt ein orientalisches Spezialitätenbuffet beim Tag der offenen Tür 2019.
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Schlemmen im Wildunger Mehrgenerationenhaus: Als Plattform des Lernens und Begegnungsstätte gibt es die Einrichtung seit 2007. Unser Bild zeigt ein orientalisches Spezialitätenbuffet beim Tag der offenen Tür 2019.

Forscher der Universität Göttingen haben nach Sozialen Orten in Waldeck-Frankenberg gesucht. In einer Serie stellen wir vor, auf was die Wissenschaftler gestoßen sind.

Waldeck-Frankenberg – Das Projekt der Universität Göttingen läuft ja unter dem Titel „Das Soziale-Orte-Konzept. Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt“, aber wie genau können Soziale Orte denn den Zusammenhalt beeinflussen?

Dazu muss man sich anschauen wie Verbindungen zwischen Menschen, wie Freundschaften, Beziehungen oder Netzwerke entstehen: Es braucht zunächst räumliche Nähe. Nachbarin, Kollege und Klassenkameradin werden nicht selten gerade aus diesem Grund zum Freund. Die Soziale Redundanz ist ebenfalls erforderlich: Es reicht nicht nur, dass man nah beieinander wohnt, man muss sich auch häufig begegnen, vertraut werden. Und Zeit ist wichtig – für die Entwicklung und den Erhalt, denn Freundschaft will gepflegt sein. Persönliche Beziehungen entstehen nicht von selbst, sondern müssen immer wieder bestätigt und erneuert werden.

Was passiert aber nun mit den zwischenmenschlichen Beziehungen oder den Netzwerken, wenn die Soziale Redundanz wegfällt, weil es immer weniger Soziale Orte gibt? Wenn der letzte Dorfladen geschlossen wurde, es weder Kindergarten noch Schule mehr gibt und Sparkasse oder Raiffeisenbank nur noch durch einen Geldautomaten vertreten sind?

Was, wenn Vereine überaltern und sich schließlich aufgrund von Mitgliedermangel auflösen? Wenn sich alle immer mehr aus der Öffentlichkeit ins Private zurückziehen? Ein Prozess, der durch die Corona-Pandemie und „Stay at Home“ ja noch befeuert wird. Wie können soziale Netzwerke aufrechterhalten werden, wenn man keine Gelegenheit mehr bekommt, sich zufällig oder verabredet im öffentlichen Raum zu treffen und die Beziehung zueinander zu bestätigen und zu erneuern? Wie kann sozialer Zusammenhalt neu entstehen bzw. stabilisiert werden, wenn diese Kommunikationspunkte immer mehr fehlen?

Stellt man sich diese Fragen, wird die Bedeutung Sozialer Orte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt deutlich. Fehlen Kommunikationsorte, werden analoge Begegnungen seltener, flüchtiger. Hilfe „face to face“ und nicht „facebook to facebook“ wird weniger kalkulierbar und Gemeinschaften werden dadurch poröser.

Schon heute vermissen viele Menschen verbindliche Freundschaftsbeziehungen, die gegenseitige Verantwortung beinhalten, Solidarität und das Sich-Umeinander-Kümmern. Obwohl es noch nie so leicht war wie heute, eine fünfstellige Zahl von „Freunden“ in den sozialen Medien zu gewinnen, war es aber auch noch nie so unverbindlich.

Belastbare persönliche Beziehungen entstehen so nicht, denn dafür benötigt es echte, analoge Gespräche mit Gestik und Körpersprache. Und genau dafür benötigen wir Soziale Orte.

Soziale Redundanz

Soziale Redundanz bedeutet, dass man sich ständig begegnet. Wenn beispielsweise der Postschalterbeamte Max Mustermann auch der Chef der freiwilligen Feuerwehr, Bass im Männergesangsverein und 2. Kassierer im Tischtennisverein ist, außerdem im Dorfladen einkauft und die Elternsprechtage der Grundschule besucht, hat er viele Gelegenheiten, Beate Beispiel zu treffen.

Sie spielt ebenfalls Tischtennis im Verein, kauft im ortsansässigen Geschäft ein und gibt Päckchen bei der Post auf. Max und Beate kennen sich. Selbst wenn sie den Namen des anderen nicht wüssten, würde sich durch diese regelmäßigen Begegnungen die soziale Beziehung der beiden verändern.

Das nennt die Sozialanthropologin Sharon Macdonald Soziale Redundanz – die immer gleichen Menschen laufen sich einfach ständig über den Weg, treffen in verschiedenen Funktionen, an verschiedenen Orten, aufeinander. (Ljubica Nikolic)

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